Menasse - Die Hauptstadt

admin 9. Oktober, 2017

Yeah! Mein derzeitiges Lieblingsbuch hat gerade den Deutschen Buchpreis 2017 gewonnen!

Ich freue mich sehr!!!

Robert Menasse „Die Hauptstadt“

Suhrkamp Verlag

24 €

Robert Menasse, 1954 in Wien geboren, Germanist, Philosoph, Politikwissenschaftler, vor allem aber Schriftsteller, hat sich schon länger in Essays und Sachtexten mit dem Thema „Europa“ auseinander gesetzt. Mit der literarischen Umsetzung trifft er den Nerv der Zeit.

 

Wir befinden uns in Brüssel in der Jetztzeit, die Protagonisten spielen alle eine Rolle in der  EU – Bürokratie. Eine griechisch-zypriotische Beamtin soll das Image der Europaischen Kommission verbessern. Während sie mit ihrem Mitarbeiter nach einer zündenden Idee sucht (oh ja, und wie diese zünden wird!) läuft ein Schwein durch Brüssel. Die ganze Stadt sucht einen Namen für das Schwein, so als gäbe es keine anderen Probleme.

 

 Doch die gibt es zuhauf: Ränkespiele, Intrigen, persönliche und nationale Eitelkeiten, Karrierismus . Doch es gibt ebenso die ernsthafte Arbeit für ein besseres Europa, auch  für eine postnationale Gemeinschaft.

Die Europäische Kommission wird fünfzig, mit einer Jubiläumsfeier soll klar gemacht werden, was eigentlich so wichtig ist an Europa. Dass es nicht nur um wirtschaftliche Auseinandersetzungen geht, sondern um mehr: nie wieder Auschwitz, ein Ende von Nationalismus und Rassismus, gemeinsame Verteidigung von Menschenrechten. Wie jedoch kann das „sexy“ in einer Feier umgesetzt werden?

Menasse versteht es, u.a. mit einem alten Professor der Ökonomie, der zugleich auch Auschwitz-Überlebender ist und mit einem Kommissar, der von einem politisch heiklen Mordfall abgezogen wird, hochinteressante Personen vorzustellen.

Die schnell wechselnden Perspektiven, die vielen Plots werden auf ungemein spannende Weise miteinander verwoben. Beim Lesen entsteht  manchmal das Gefühl,  man habe einen Krimi der Spitzenklasse vor sich, dann wieder einen kritisch-ironischen, immer auch menschlich bewegenden Gesellschaftsroman.

Literarisch wie politisch relevante Literatur, die von der ersten bis zur letzten Seite großes Lesevergnügen bereitet!

 

Elvira Hanemann

Bestellen können Sie das gerne bei mir in der Buchhandlung Thaer

Ein neuer Fall für Milena Lukin

admin 28. September, 2017

Schünemann & Volic´

„Maiglöckchenweiß“

Diogenes Verlag 22 €

 

Christian Schünemann, 1986 in Bremen geborten, studierte Slawistik in Berlin und Sankt Petersburg, arbeitete in Moskau und Bosnien-Herzegowina, lebt und arbeitet als Drehbuchautor  in Berlin.  Jelena Volic, geboren in Belgrad, lehrt dort Neuere deutsche Literatur- und Kulturgeschichte. Sie ist Mitarbeiterin in diversen Foren, die sich mit Serbien im europäischen Einigungsprozess befassen, und Expertin für deutsch-serbische Beziehungen. Sie lebt in Belgrad und Berlin. Die beiden sind seit vielen Jahren befreundet.

Der dritte Fall für Milena Lukin, die gar keine Kommissarin ist, sondern Kriminologin ist,  spielt sich in Belgrad ab. Vor 25 Jahren hatten zwei Jugendliche einen kleinen Roma-Jungen völlig ohne Anlass attackiert und totgeschlagen. Die Familie fällt danach auseinander, die Mutter begeht Selbstmord.

 Einer der Jugendlichen saß dafür 7 Jahre im Gefängnis, der andere floh ins Ausland zu einem Verwandten. Nun kommt er, gemeinsam mit seiner niederländischen Frau, zurück nach Belgrad. Die beiden möchten ein kleines Hotel eröffnen. Doch Jurij möchte sich vor allem nach all den Jahren seiner Verantwortung stellen. Sein Anwalt, ein Freund von Milena, unterstützt ihn dabei. Doch nach wenigen Tagen wird Jurij tot aufgefunden, die Polizei ist überzeugt, es sei ein Selbstmord.

Doch zu vieles passt nicht zusammen. War es die späte Rache der Roma – Familie? Denn zeitgleich kehrt auch Anna, die mittlerweile erfolgreiche Schwester des ermordeten Jungen zurück in die Stadt. Welche Rolle spielt Luca, der andere Täter dabei? Die Spuren führen in die Vergangenheit, zurück in die jugoslawische Geschichte.

Nebenbei  spielt natürlich auch das Privatleben von Milena, deren geschiedener deutscher Ehemann zusammen mit seiner neuen Frau ebenfalls nach Belgrad fährt um den Geburtstag des gemeinsamen Sohnes zu feiern. Auch hier ist Aufregung angesagt.

Was mir gut gefiel ist die spannende Verknüpfung brisanter Themen wie Rassismus gegen Roma, die neuere Geschichte des ehemaligen Jugoslawien mit einem interessanten Fall. Ab und zu sind manche Handlungsstränge etwas übertrieben dargestellt, nicht alles ist schlüssig, die privaten Geschichten überzeugten mich weniger, aber insgesamt gefiel mir auch der dritte Teil der Serie – ebenso wie die beiden ersten Teile „Pfingstrosenrot“ und „Kornblumenblau“ wieder sehr gut.

Das Autorenduo passt gut zusammen, die Themen sind jedes Mal hochinteressant, die Spannung stimmt. Wenn dann auch noch die letzten Enden stimmig zusammenfinden würden, wäre es perfekt. Gut ist der Krimi aber auch so!

Es wird Zeit, dass Schünemann & Volic bekannter bei uns werden!

Bestellen können Sie das gerne bei mir in der Buchhandlung Thaer!

Zahina und das verlorene Wasser

admin 12. Juni, 2017

Anne Jonas/Marie Desbons

„Von der Kostbarkeit des Wassers“

 978-3-946401-09-4

Tintentrinker Verlag  16 €

Die Autorin Anne Jonas studierte Geschichte und Buchwissenschaften, sie widmet sich seit einigen Jahren ausschließlich dem Schreiben von Kinder- und Jugendbüchern. Anne Jonas lebt und arbeitet in Grenoble.

Die Illustratorin Marie Desbons studierte Design und Kommunikation. Sie arbeitet für viele renommierte Kinderbuchverlage Frankreichs.

Dieses Bilderbuch richtet sich an Kinder ab 5 Jahren.

Aufmerksam wurde ich durch die besondere Art der Illustrationen, die sich schon auf dem wunderschönen Cover zeigt und die das ganze Buch hindurch auf höchstem Niveau bleibt.

Doch auch inhaltlich hat das Buch einiges zu bieten: Zahina lebt in einem Land, in dem Wassermangel herrscht. So ist es ihr Bestreben von klein auf Wasser vom entfernten Brunnen zu holen. Es bereitet ihr ein schrecklich schlechtes Gewissen, dass sie durch ihre Träumereien auf dem Weg immer etwas unaufmerksam ist und dadurch immer wieder Wasser verliert.

Eines Tages zerspringt ihr sogar der ganze Wassertopf, weil sie hingefallen ist. Weinend erzählt sie ihrem Vater von den vielen „Vergehen“. Dieser jedoch macht sie darauf aufmerksam, dass das Wasser, das sie verschüttet hatte, nicht wirklich „verloren“ ging, denn der Weg zum Brunnen ist viel schöner geworden, es wachsen Blumen am Wegesrand. Zahina ist getröstet  - und tatsächlich ist der Gedanke, dass Abweichungen vom Normalen, eben auch Träumereien am Wegesrand, keine verlorene Zeit sind und dass nichts wirklich verloren geht - sehr tröstlich und schön. Gefallen hat mir auch, wie Kinder bei uns ganz nebenbei auf die immense Bedeutung des Wassers aufmerksam gemacht werden.

Das schönste an dem Buch sind aber die zauberhaften Bilder, die sicher nicht nur (diesen aber auch!) Kindern gefallen dürften.

Gerne können Sie das Buch bei mir in der Buchhandlung Thaer bestellen:

Ein Fall für die Fürsorge?

admin 21. März, 2017

Anke Stelling “Fürsorge”

Verbrecher Verlag ISBN  978-3-95732-232-6

19 €

Anke Stelling hatte mir ihrem Erstling “Bodentiefe Fenster” einen ordentlichen Achtungserfolg erzielt.

Ihr neuer Roman “Fürsorge” ist soeben erschienen, ich las ihn mit Spannung.

Nadja, Ballettänzerin, Mitte 30, hat ihren Körper schon ganz schön schwer beschädigt, sie kann nicht mehr als Tänzerin auftreten und arbeitet deshalb als Ballettlehrerin in Berlin. Sie lebt zusammen mit einem drogensüchtigen Komponisten. Ihr Zusammenleben ist nur noch ein Nebeneinanderherleben, mit “zusammen” ist da nicht mehr viel.

Nadja hat einen 16-jährigen Sohn, der bei ihrer Mutter lebt. Sie hat ihn seit vielen Jahren nicht mehr gesehen, hat sich nie um ihn gekümmert - von einigen Telefonaten mal abgesehen - sie nahm ihre Mutterrolle nie ernst.

Abgsehen vom Tanzen nimmt sie sowieso nicht sehr viel ernst: nicht ihren Partner und auch nicht die Beziehung zu ihrer Mutter. Es gibt zwar eine Freundin, aber all zu herzlich ist auch ihr Verhältnis zu dieser nicht.

Als sie dann doch einmal zu Besuch zu ihrer Mutter fährt, sieht sie Mario, ihren Sohn zum allerersten Mal seit Ewigkeiten. Sie ist beeindruckt: vor allem von seinem Körper, denn Marios Leidenschaft ist Bodybuilding. Auch wenn Krafttraining im Fitnessstudio erst einmal recht wenig mit Ballettanz zu tun hat, so gibt es doch eine Gemeinsamkeit: die Beherrschung des Körpers ist das, was wirklich zählt.

Nadja, eine sehr attraktive Frau, hatte zwar einige Beziehungen gehabt, aber Sex hat ihr eigentlich nie viel bedeutet. Umso erstaunlicher ist es, wie schnell und ohne nachzudenken oder es in irgendeiner Weise zu hinterfragen, sie ihrem Sohn sexuell verfällt. Über Moral oder Tabus wird erst gar nicht nachgedacht, sie verführt ihn sehr direkt. Sie will gar nicht mehr aus seinem Bett heraus. Mario hingegen geht weiter zum Training und zu seinem Praktikum, er möchte eine Lehrstelle als Fitnesstrainer bekommen. Er versucht, sein Leben aufrechtzuerhalten trotz der jungen Mutter, die zu Hause im Bett auf ihn wartet.

Irritierenderweise lebt Nadjas Mutter weiterhin in der Wohnung, doch so wie sie das Eigenleben ihres Enkelsohnes respektiert hat, akzeptiert sie auch das, was quasi vor ihren Augen geschieht. Oder bekommt sie es wirklich nicht mit?

Auch wenn ich das Ende der Geschichte nicht verraten möchte, kann ich doch sagen, dass es ein Ende ist, das mich ebenso verstört hat wie der ganze Roman, sogar noch ein wenig mehr. Jedenfalls nichts, was in irgendeiner Weise vorhersehbar gewesen wäre.

Der Stil ist distanziert, manchmal leicht rätselhaft, es gibt noch eine Ich-Erzählerin, die sich als eigenständige Person fast nicht bemerkbar macht, aber ab und zu erklärende Einschübe bringt.

Die Frage, wieso das Buch “Fürsorge” heißt, ist auch nicht ganz leicht zu beantworten. Ist es die mangelnde Fürsorge der Mutter für ihr Kind? Oder sollte Mario ein Fall sein, der an die Fürsorge (als an das Sozialamt) gemeldet werden sollte. Oder aber gibt es ganz am Ende doch noch eine mütterliche Fürsorge für eine neu eintretende Person?

Ich weiß, dass dieser Roman ein absolutes Tabuthema anspricht, das des Inzests. Will die Autorin einfach nur schockieren? Will sie Verständnis wecken für solche Fälle? Wer weiß…

Da Nadja nicht sympathisch gezeichnet wird und keiner der Charaktere zu Empathie einlädt, kann ich mir letzteres nicht vorstellen. Und da Anke Stelling literarisch viel zu gut schreibt, geht es auch sicher nicht nur um simples Schockieren.

Ich fand das Buch absolut faszinierend, verstörend, sehr gut geschrieben - aber natürlich ist es kein Roman, den ich einfach mal so empfehlen kann. Eine nette, leichte Lektüre ist es sicher nicht.

Es stellt auch mehr Fragen, als es beantwortet. Jedenfalls bleibt es im Kopf haften. Und: ich werde ganz sicher nun auch die “Bodentiefen Fenster” lesen, denn diese Schriftstellerin hat Talent!

Wer das bestellen möchte, kann es gerne in der Buchhandlung Thaer über diesen Link tun:

https://www.genialokal.de/Produkt/Anke-Stelling/Fuersorge_lid_32006779.html?storeID=thaer

Sehr unterhaltsames Buch für zwischendurch

admin 6. März, 2017

Radek Knapp

Der Mann, der Luft zum Frühstück aß

Deuticke Verlag

16 €

Da ich oft ein Problem mit “lustigen” Büchern habe, bin ich immer sehr froh, wenn mir mal etwas unterkommt, das ich wirklich lustig finde. Die Leseprobe versprach es ja schon und das schmale Bändchen (128 Seiten) hält das: ein Buch voll schrägem Humor!
Walerian (von seiner nicht sehr verantwortungsvollen Mutter nach einem polnischen Beruhigungsmittel benannt) wächst bei seinen Großeltern in Polen auf. Als er 12 Jahre alt ist, taucht die mittlerweile untergetauchte Mutter wieder auf und zieht mit dem Jungen nach Österreich.
Die Schule ist nicht so ganz das Richtige für ihn, aber er schlägt sich tapfer durch, versucht sich mit allen möglichen Jobs, entdeckt sein Interesse an Mädchen und irgendwann geschieht etwas, das ihn verändert.
Eigentlich gefiel mir das Buch aber weniger wegen seiner “Story”, sondern wegen des ironischen Stils, ungewöhnlicher Einfälle und der dennoch hintergründigen Melancholie.

Bestellen können Sie das gerne hier:

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