Tiere essen?
admin 14. September, 2010
Jonathan Safran Foer„Tiere essen“Kiepenheuer & Witsch Verlag 2010 „Eating Animals“ übersetzt von Isabel Bogdan, Ingo Herzke, Brigitte JakobeitISBN: 9783462040449388 Seiten
19,95 €
Der erfolgreiche amerikanische Schriftsteller Jonathan Safran Foer widmet sich in seinem ersten Sachbuch einem äußerst wichtigen, in der öffentlichen Wahrnehmung aber wenig präsenten Thema: der Massentierhaltung und ihren Folgen.
Was ist dieses Buch? Ein Aufruf, Vegetarier zu werden? Ein Pamphlet für Tierrechte? Ein persönlicher Erfahrungsbericht über Foers eigene Wandlung vom Ab- und – zu- Vegetarier zum echten? Oder aber ein informatives und unterhaltsam geschriebenes Sachbuch, das viele Aspekte rund ums Thema Tiere essen aufzeigt?
Foers Lieblingsessen aus der Kindheit war ein Hühnergericht, das seine Großmutter zubereitete. Später im Leben gehörte er zu denen, die immer mal wieder fleischlos lebten, dann wieder Fleisch aßen nur um wieder in eine vegetarische Phase zu wechseln.
Erst als vor etwa 3 Jahren Vater wurde, begann er sich intensiver mit der Frage auseinander zu setzen: wie sollen wir unser Kind ernähren? Doch nicht nur die bloße Nahrungsaufnahme stand zur Debatte, sondern noch mehr die Frage nach den richtigen Antworten, die man seinen Kindern geben möchte, wenn sie nachhaken, wo das Essen denn herkommt, das auf dem Tisch steht.
Dieser autobiografische Ansatz wird sich zwar durch das ganze Buch hindurch ziehen, doch eigentlich ist er nur der Ausgangspunkt zu einer intensiven Recherche über alles rund um das Thema.
Foer wird getrieben durch den unstillbaren Wunsch, sich wirklich genau zu informieren. So sucht er offizielle Daten, er bittet um Gespräche mit den Leitern von Schlachthöfen, von riesigen Schweineställen (so kann man diese industriellen Tieraufbewahrungsanstalten eigentlich gar nicht nennen), er versucht etwas über die Vorgänge in Geflügelfarmen herauszufinden. Manchmal kommt es zu Kontakten mit den Verantwortlichen für Massentierhaltung, doch viel öfter werden Gespräche verweigert, keine Antworten gegeben und möglichst alles unter Verschluss gehalten. Doch Foer gibt dann noch lange nicht auf: er befragt Arbeiter und Angestellte – und diese Innenansichten sind sicher viel interessanter und aufwühlender, als es der offizielle Bericht eines Managers oder Geschäftsführers wäre.
Egal ob es sich um Fischzuchtanlagen, Rinderfarmen oder Hühnerfarmen handelt, das was Foer herausfindet, dreht einem nicht nur den Magen um und lässt einen ernsthaft um die Gesundheit bangen, sondern es erzeugt auch Widerwillen, Ekel und Mitleid. Selbst bei jemandem wir mir, die ich keine überzeugte Tierfreundin bin, mich interessieren Tiere – außer Katzen und die werden ja Gott sei Dank nicht geschlachtet – erzeugt das Lesen echtes Mitgefühl und noch etwas anderes: Scham! Wie kann man nur zulassen, dass Millionen männlicher Küken sofort getötet (bei lebendigem Leib zerhäckselt) werden, nur weil sie in Legehennenbetrieben keine Funktion haben?
Wie kann man es ertragen, dass die im wahrsten Sinne des Wortes armen Schweine (die genetisch den Menschen ziemlich nahe stehen) auf engstem Raum zusammengepfercht sind, nie die Sonne sehen, in ihrer eigenen Scheiße leben müssen?
Es würde den Rahmen hier sprengen, alle unerträglichen Grausamkeiten, die diese Tiere in ihrem kurzen Leben (viel kürzer als „normal“) ertragen müssen, aber es lässt sicher niemanden ungerührt, der sich das durchliest.
Foer, obwohl selbst Vegetarier, lobt und unterstützt die wenigen Farmer, die sich um artgerechte Tierhaltung bemühen, zeigt aber auch die extremen wirtschaftlichen Schwierigkeiten, denen sie ausgesetzt sind auf.
Überhaupt – die Wirtschaft! Klar und deutlich wird hier eine harte Anklage gegen diese spätkapitalistischen Methoden erhoben: wenn es um Gewinne geht, ist es vollkommen gleichgültig, wie schlecht es den Tieren geht, es ist auch völlig egal wie gesundheitsschädlich es für die Menschen ist (so gibt es vorbeugende Antibiotika in manchen Bereichen, weil man schon weiß, dass viele Tiere erkranken werden) und – natürlich!- ist es völlig nebensächlich, dass die Umwelt leidet, dass das Klima geschädigt wird, dass aufrechte Farmer, die versuchen, anders zu produzieren, kaputt gemacht werden und und und.
Foer scheut auch nicht zurück vor moralischen Fragen, er geht in die Geschichte zurück, er untersucht religiöse Aspekte und fordert den Leser dazu heraus, selber einen eigenen ethisch- moralisch vertretbaren Weg zu finden. Das einzige, was er wirklich fordert ist, dass man nicht ohne Nachzudenken einfach so weiter macht wie bisher.
Ich bin vollkommen überzeugt davon, dass jeder, der dieses Buch nicht von vorneherein ablehnt und beginnt, es zu lesen, davon angetan sein wird! Ich würde sogar noch weiter gehen und behaupten, dass man nicht unverändert aus der Lektüre wieder auftauchen wird.
Keine Angst, es handelt sich hier auf keinen Fall um einen missionarischen Fundamentalisten, der jeden Leser mit der Holzhammermethode davon überzeugen will, nie mehr Fleisch zu essen.
Man wird nicht unbedingt Vegetarier nach der Lektüre, aber man wird sich ganz sicher genauer überlegen, welche Mengen an Fleisch und Wurst – und vor allem – welche Art von Fleisch und wo es herkommt man konsumieren wird.
Auch wenn Foer es jedem überlässt, seine eigenen Schlüsse aus der Lektüre zu ziehen, lese ich das Buch in einer Hinsicht schon als leidenschaftliche „politische Kampfschrift“: so wie es jetzt läuft, darf es nicht weitergehen!
Sehr erfreulich auch, dass es sich hier in keiner Weise um ein trockenes Sachbuch handelt, sondern dass es sich gut liest, abwechslungsreich und flüssig geschrieben ist.
Ich wünsche dem Buch eine weite Verbreitung!
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