Mikroskope, Liebe, Abenteuer und Kinderleid

admin 31. Januar, 2018

Stefan Schmortte

„Die Enthüllung der Welt“

Lago Verlag

580 Seiten

ISBN 9783957611758

 

Dieser historische Roman spielt im 17. Jahrhundert in Holland.

Die Geburt Piet van Leeuwens, eines verwachsenen, rothaarigen Jungens, beendete das Liebesglück zwischen seinen Eltern. Seine Mutter, Tochter eines wohlhabenden Delfter Bürgers ist so entsetzt über das hässliche Baby, dass sie es am liebsten verstoßen würde. Der Vater liebt seinen Sohn zwar, wird aber über das Unglück, dass seine geliebte Frau sich als so herzlos erweist und sein Schwiegervater ihn und Piet am liebsten aus der Familie verbannen würde, so unglücklich, dass er zum Trinker und später zum Selbstmörder wird.

Nach dem Tod seines Vaters entledigt sich der Großvater des Kindes auf mehr oder weniger elegante Weise: er besticht den Pfarrer der Delfter Oude Kerk mit dem Kauf neuer Kirchenfenster, den Jungen in ein weit entferntes Internat bringen zu lassen, so dass er nie wieder von ihm hören möge. Beauftragt mit dem Transport wird ein Kirchendiener, der den Jungen hasst und in ihm eine Art Teufel sieht.

Jahre des absoluten Grauens in diesem Internat folgen: Spott und Hohn für Piet, Gewalt und Hunger, Inkompetenz von Seiten der Lehrer und ein Direktor, der sich an Jungs vergreift. Durch den Mut eines anderen Jungen, Karlmann, schafft Piet es gerade mal so, zu überleben. Halbtot wird er nach Amsterdam verfrachtet und kommt bei einem Tuchmacher unter, wo er Jahre des Stillstands verbringt, aber immerhin zu essen bekommt und nicht mehr geschlagen wird.

Durch einen Zufall trifft er wieder auf Karlmann, der ihn in Kontakt zu Carla, einer Hure bringt. Piet verliebt sich und zieht mit Carla, einer portugiesischen Jüdin zurück nach Delft, wo sie ihren Sohn zur Welt bringt. Während Piet nahezu glücklich ist mit seiner heimlichen Liebe – denn Carla und er können weil sie Jüdin ist, nicht heiraten – verbringt er immer mehr Zeit mit wissenschaftlichen Arbeiten. Sein Ziel ist es, das Kleine im Leben sichtbar zu machen. Karlmann, der Brillenmacher geworden war, hatte ihm einiges beigebracht über die Lehre der Optik, doch dass man Linsen so schleifen konnte, dass sie Kleines und Kleinstes sichtbar machten, das wusste bis dahin niemand.

Immer besessener, aber auch immer besser wird Piet bei der Entwicklung eines Mikroskops und so entdeckt er „Animalcla“  in Blut, Speichel oder Flusswasser. Ein befreundeter Arzt bringt seine Erkenntnisse der Wissenschaftlichen Gesellschaft in London zu Gehör, die durchaus großes Interesse an den Entdeckungen Piets haben.

Doch während seine Erkenntnisse immer größere Fortschritte machen, braut sich privat Schlimmes zusammen: ein verrückter Kirchendiener, der meint den Satan in Gestalt Piets töten zu müssen, Carla, der es psychisch immer schlechter geht, und ein „Freund“, der von einer jahrelangen Seefahrt zurück nach Delft kommt.

Wer wissen möchte, wie es Piet und seinem Sohn weiter erging und was es mit seiner bahnbrechenden Entdeckung auf sich hatte, muss wohl selbst weiterlesen.

Ich bin eigentlich keine große Freundin historischer Schmöker. Meist sind sie mir zu kitschig, zu wenig informativ und sehr oft auch zu schlecht geschrieben. Insofern ist es ein großes Lob, wenn ich guten Gewissens sagen kann, dass ich Schmorttes‘ Buch mit Vergnügen gelesen habe.

Zwar bedient er, es ist übrigens sein allererster Roman, durchaus die Erwartungen, die an dieses Genre gestellt werden, also: Herz-Schmerz, Leidenschaften, tragische Figuren und setzt Elemente des Abenteuerromans ein, doch er tut dies geschickt und er trägt nicht zu dick auf.

Sicher überschreitet „Die Enthüllung der Welt“ immer mal wieder die Grenze zum Kitsch, aber nicht allzu oft und auch nicht all zu drastisch. Insgesamt liest sich der Roman sehr flüssig und gut, der Inhalt ist spannend genug um problemlos – trotz des nicht geringen Umfangs – dabei zu bleiben.

Tatsächlich erfährt man auch einiges über das Leben des 17. Jahrhunderts, über den Stand der Wissenschaften und auch einiges über Politik. Für meinen Geschmack zwar etwas zu wenig, aber immerhin ist die Handlung gelungen eingebettet in eine Art Zeit- und Sozialgeschichte.

Man kann Stefan Schmortte, der eigentlich Journalist und Zeitschriftenredakteur ist, jedenfalls wirklich gratulieren zu seinem Debütroman und ihm wünschen, dass dieser ein erfolgreicher Einstieg zu weiteren Romanen sein wird.

Ein gelungener Roman über einen kleinen Mann, der das Große im Kleinen sah – darüber aber manchmal das wirklich Nahe zu sehr in die Ferne rückte.

Gerne können Sie das Buch in meiner Buchhandlung bestellen

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