Feuchtwanger, Brecht und das kalifornische Exil
admin 21. June, 2011
Klaus Modick „Sunset“
Eichborn Verlag 18,95 €
ISBN:9783821861173
Klaus Modick, 1951 in Oldenburg geboren, studierte Germanistik, Pädagogik und Geschichte, in Literaturwissenschaften promovierte er über Lion Feuchtwanger. Die Liebe zu diesem Schriftsteller verließ ihn nie und bringt uns Leser nun das große Vergnügen diesem in „Sunset“ wieder zu begegnen.
Modick ist seit 1984 ausschließlich als Schriftsteller und Übersetzer tätig.In der Doppelbedeutung des Wortes „Sunset“ das zugleich auf die Sunset Boulevard in Hollywood anspielt wie auf den Lebensabend, den Sonnenuntergang des Lebens, wird schon das Geschehen in etwa umrissen. Modick schildert nur einen einzigen Tag im Leben des alten Lion Feuchtwanger. Bei Sonnenaufgang erhält dieser ein Telegramm von J.R. Becher mit der Nachricht, dass Brecht gestorben ist und einer Einladung zum Begräbnis.
Feuchtwanger ist an diesem Tag im Jahre 1956 allein zu Hause in seiner luxuriösen Villa in Hollywood, seine Frau Martha ist unterwegs.
Er reflektiert seine Freundschaft mit Brecht und hält innere Zwiegespräche mit dem zu früh verstorbenen Freund. Sehr viel unterschiedlicher wie diese beiden Männer – die sich bis zum Schluss immer noch siezten – kann man gar nicht sein: der provokante, freche und oft unverschämte, aber geniale Brecht, der statt zu bitten immer fordert auf der einen Seite. Auf der anderen Seite der disziplinierte, sehr erfolgreiche Feuchtwanger, der sich immer bewusst ist, dass er im Glück lebt und deshalb von seinem Glück abzugeben bereit ist.
Wie es den beiden gelingt, trotz allem – auch trotz der heimlichen Zuneigung Brechts für Feuchtwangers schöne Frau Martha – gute Freunde zu werden und zu bleiben, das erschließt sich dem Leser nur annähernd. Gerade das macht das Buch so reizvoll, dass es nicht alles erklärt und nicht alles ergründet, dass es seinen Protagonisten – über die man sowieso meint schon nahezu alles zu wissen- noch Freiraum lässt.
Zeitgeschichtlich und politisch Interessantes wie die Gründe ins Exil nach Kalifornien zu gehen, die Flucht vor den Nazis, die mühevolle Arbeit im Exil irgendwie „anzukommen“, die beklemmende Politik der McCarthy-Ära mit ihrer hysterischen Kommunistenjagd bringt Modick en passant ins Gedächtnis zurück. Was der Verlust von Heimat gerade auch für literarisch Arbeitende bedeutete, wird eindringlich artikuliert.
Auch die anderen berühmten literarischen Exilanten wie Thomas und Heinrich Mann, dessen Frau Nelly, Erika Mann, Franz Werfel und dessen Frau Alma Mahler-Werfel finden Eingang in den Roman, aber im Mittelpunkt steht die Beziehung Feuchtwanger – Brecht.
Feuchtwanger wird als der gütige, hilfsbereite Mensch, der vielen Exilanten finanziell und mit Zuspruch geholfen hat und der wohl auch wirklich so war mit all seiner Intelligenz, seinem Fleiß und seiner Liebe zu seiner Frau Martha respekt- und liebevoll geschildert. Man spürt dass Modick diesen Schriftsteller unheimlich schätzt.
Dem Roman merkt man nichts von der Trockenheit, dem wissenschaftlichen Anspruch, die man von einem, der über das Thema seine Promotionsarbeit geschrieben hatte, befürchten kann, an. Im Gegenteil liest sich das – sowieso nicht sehr dicke – Buch absolut flüssig und leicht. Man kann es locker an einem Sunset auslesen und dann das Gefühl haben, sich sowohl gut unterhalten zu haben wie auch etwas dazu gelernt.
Literarische Spielereien oder anspruchsvolle stilistische Verschränkungen oder gar wilde Zeitsprünge – das sind Modicks Sache nicht, nein er schreibt hier klar und verständlich und im Ton dem Thema angemessen.
Auch das Cover des Buchs ist sehr ansprechend und schön gestaltet.
Für mich – die mir diese beiden Schriftsteller von früher Jugend an am Herzen liegen – war das Lesen von Modicks Roman eine Art freudiges Wiederfinden.
Ich bin sicher, dass das Buch gerade für Menschen, die wenig oder gar nichts wissen über das kalifornische Exil der deutschen Literaten und die Feuchtwanger oder Brecht eher nur dem Namen nach kennen, ein sehr guter Einstieg ist.
Man braucht keinerlei Vorkenntnisse (sie schaden aber auch nicht) um dem Inhalt folgen zu können.
Die Jahre der deutschen Schriftsteller im Exil werden oft geschildert , so zuletzt in Michael Lentz „Pazifik Exil“ (auch ein gutes Buch!) aber Modick gelingt wieder eine ganz eigene Variante, weil er sich auf die Person Feuchtwangers konzentriert – aus dieser Konzentration entsteht dann aber doch auch der Abriss einer ganzen Welt.
Ich wünsche nicht nur dem Roman „Sunset“ einen großartigen Erfolg, sondern hoffe auch, dass er dazu beiträgt, Feuchtwanger selbst wieder in den Mittelpunkt zu stellen.
Das Buch kann gleich hier bestellt werden: