Ein Fall für die Fürsorge?

admin 21. März, 2017

Anke Stelling “Fürsorge”

Verbrecher Verlag ISBN  978-3-95732-232-6

19 €

Anke Stelling hatte mir ihrem Erstling “Bodentiefe Fenster” einen ordentlichen Achtungserfolg erzielt.

Ihr neuer Roman “Fürsorge” ist soeben erschienen, ich las ihn mit Spannung.

Nadja, Ballettänzerin, Mitte 30, hat ihren Körper schon ganz schön schwer beschädigt, sie kann nicht mehr als Tänzerin auftreten und arbeitet deshalb als Ballettlehrerin in Berlin. Sie lebt zusammen mit einem drogensüchtigen Komponisten. Ihr Zusammenleben ist nur noch ein Nebeneinanderherleben, mit “zusammen” ist da nicht mehr viel.

Nadja hat einen 16-jährigen Sohn, der bei ihrer Mutter lebt. Sie hat ihn seit vielen Jahren nicht mehr gesehen, hat sich nie um ihn gekümmert - von einigen Telefonaten mal abgesehen - sie nahm ihre Mutterrolle nie ernst.

Abgsehen vom Tanzen nimmt sie sowieso nicht sehr viel ernst: nicht ihren Partner und auch nicht die Beziehung zu ihrer Mutter. Es gibt zwar eine Freundin, aber all zu herzlich ist auch ihr Verhältnis zu dieser nicht.

Als sie dann doch einmal zu Besuch zu ihrer Mutter fährt, sieht sie Mario, ihren Sohn zum allerersten Mal seit Ewigkeiten. Sie ist beeindruckt: vor allem von seinem Körper, denn Marios Leidenschaft ist Bodybuilding. Auch wenn Krafttraining im Fitnessstudio erst einmal recht wenig mit Ballettanz zu tun hat, so gibt es doch eine Gemeinsamkeit: die Beherrschung des Körpers ist das, was wirklich zählt.

Nadja, eine sehr attraktive Frau, hatte zwar einige Beziehungen gehabt, aber Sex hat ihr eigentlich nie viel bedeutet. Umso erstaunlicher ist es, wie schnell und ohne nachzudenken oder es in irgendeiner Weise zu hinterfragen, sie ihrem Sohn sexuell verfällt. Über Moral oder Tabus wird erst gar nicht nachgedacht, sie verführt ihn sehr direkt. Sie will gar nicht mehr aus seinem Bett heraus. Mario hingegen geht weiter zum Training und zu seinem Praktikum, er möchte eine Lehrstelle als Fitnesstrainer bekommen. Er versucht, sein Leben aufrechtzuerhalten trotz der jungen Mutter, die zu Hause im Bett auf ihn wartet.

Irritierenderweise lebt Nadjas Mutter weiterhin in der Wohnung, doch so wie sie das Eigenleben ihres Enkelsohnes respektiert hat, akzeptiert sie auch das, was quasi vor ihren Augen geschieht. Oder bekommt sie es wirklich nicht mit?

Auch wenn ich das Ende der Geschichte nicht verraten möchte, kann ich doch sagen, dass es ein Ende ist, das mich ebenso verstört hat wie der ganze Roman, sogar noch ein wenig mehr. Jedenfalls nichts, was in irgendeiner Weise vorhersehbar gewesen wäre.

Der Stil ist distanziert, manchmal leicht rätselhaft, es gibt noch eine Ich-Erzählerin, die sich als eigenständige Person fast nicht bemerkbar macht, aber ab und zu erklärende Einschübe bringt.

Die Frage, wieso das Buch “Fürsorge” heißt, ist auch nicht ganz leicht zu beantworten. Ist es die mangelnde Fürsorge der Mutter für ihr Kind? Oder sollte Mario ein Fall sein, der an die Fürsorge (als an das Sozialamt) gemeldet werden sollte. Oder aber gibt es ganz am Ende doch noch eine mütterliche Fürsorge für eine neu eintretende Person?

Ich weiß, dass dieser Roman ein absolutes Tabuthema anspricht, das des Inzests. Will die Autorin einfach nur schockieren? Will sie Verständnis wecken für solche Fälle? Wer weiß…

Da Nadja nicht sympathisch gezeichnet wird und keiner der Charaktere zu Empathie einlädt, kann ich mir letzteres nicht vorstellen. Und da Anke Stelling literarisch viel zu gut schreibt, geht es auch sicher nicht nur um simples Schockieren.

Ich fand das Buch absolut faszinierend, verstörend, sehr gut geschrieben - aber natürlich ist es kein Roman, den ich einfach mal so empfehlen kann. Eine nette, leichte Lektüre ist es sicher nicht.

Es stellt auch mehr Fragen, als es beantwortet. Jedenfalls bleibt es im Kopf haften. Und: ich werde ganz sicher nun auch die “Bodentiefen Fenster” lesen, denn diese Schriftstellerin hat Talent!

Wer das bestellen möchte, kann es gerne in der Buchhandlung Thaer über diesen Link tun:

https://www.genialokal.de/Produkt/Anke-Stelling/Fuersorge_lid_32006779.html?storeID=thaer

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