Die Geschichte einer kleinen Stadt am Rande eines Indianerreservats

admin 21. May, 2009

Louise Erdrich „Solange du lebst“ Insel Verlag  22,80 €  Die amerikanische Schriftstellerin Louise Erdrich dürfte durch ihren Erfolgsroman „Die Rübenkönigin“ in Erinnerung sein oder vom „Club der singenden Metzger“. Doch was ihr mit dieser Neuerscheinung gelingt, bezeichnet nicht nur Philip Roth als ein „Meisterwerk“, auch ich halte es für ein solches.

Erdrich, geb. 1954 in Minnesota, ist mütterlicherseits Indianerin, väterlicherseits stammt sie von deutschen Einwanderern ab. Viele ihrer Bücher bewegen sich in der Welt der Indianer und zeigen ohne mystischen Schmus, ohne herablassendes Gutmenschentum faszinierende Einblicke in diese uns fremde Welt. Erdrich ist „nebenbei“ auch noch Besitzerin eines unabhängigen Buchladens in Minneapolis. Sie lebt mit ihrem Mann, zwei eigenen und drei adoptierten Kindern In Cornish/ Minnesota. Die Handlung setzt mit einer grausigen Bluttat ein, die 1911 im Städtchen Pluto in North Dakota am Rande eines Reservats stattfand: eine weiße Siedlerfamilie wurde fast vollständig ausgelöscht, nur ein Baby überlebte. Als angebliche Täter wurden unschuldige Indianer gelyncht; Einer jedoch überlebte.  Die Folgen dieses Dramas spielen noch heute in  der Geschichte der Stadt eine wesentliche, wenn auch nicht auf den ersten Blick ersichtliche Rolle. Jeder in Pluto scheint mit jedem irgendwie verwandt zu sein, oder verfeindet, ineinander verliebt und möglicherweise in Rache verbunden: jede einzelne Lebensgeschichte hängt mit der eines anderen Stadtbewohners  zusammen. Erst nach und nach erschließt sich dem Leser das innere Geflecht dieser Kleinstadt.  Den Nachfahren - seien es Opfer oder Täter - der in den  grässlichen Mord verwickelten Menschen, stellt sich die Frage, wie sie mit der Schuld oder Unschuld ihrer Vorväter umgehen sollen, ob sie es überhaupt müssen.  Evelina, die Enkelin des alten Indianers Mooshum, hört den Geschichten des Alten gerne zu, doch es dauert lange, bis sie seine Erzählungen von rauen Zeiten und heimlicher Liebe richtig einordnen kann.  Harte Hungerwinter, mystische Träume, Abenteuer, religiöser Fanatismus, Rassismus, Lynchjustiz, Romantik und tödliche Liebe – all das und viel mehr verwebt die begnadete Geschichtenerzählerin Louise Erdrich zu einem mitreißenden Roman voller Leidenschaft und Düsternis.  Unterschiedliche Ich-Erzähler (vier Haupterzähler) treten auf, jeder von ihnen erzählt seinen Blickpunkt  in einem anderen Sprachrhythmus, jeder hat einen anderen Fokus. Langsam erkennt man als Leser den roten Faden und zum Schluss wird auch der Mord von 1911 aufgeklärt.  In einem zornigen, harten, märchenhaften, stellenweise auch humorvollen Stil präsentiert die Autorin eine wunderbare Mischung aus Generationenporträt, Liebesroman und Zeitgeschichte.  Ein Buch, in das man fasziniert versinkt und erst nach dem Ende widerwillig daraus auftaucht. Großartig!

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