Archiv für die 'Unterhaltungsromane' Kategorie

Ein neuer Krimi von Nesser? - Mehr als ein Krimi!

admin 11. Februar, 2018

Hakan Nesser, Der Fall Kallmann

Übersetzt aus dem Schwedischen von Carl Berf

Btb  20 €

Hakan Nesser  gehört zu den beliebtesten und bekanntesten schwedischen Krimiautoren (auch wenn er nicht nur Krimis geschrieben hat).

In seinem neuen Roman widmet er sich einer Gesamtschule in einer schwedischen Kleinstadt.

Eugen Kallmann ist ein charismatischer und begnadeter Lehrer, der seine Schüler für Literatur und Theater zu begeistern weiß. Doch wo er eigentlich herkam, was er außer seinem Beruf sonst noch so tat, das weiß niemand. Zumindest nach seinem etwas merkwürdigen Tod merken alle, dass ihn niemand richtig kannte.

Die Polizei geht von einem Unfall aus, doch nicht alle glauben das. Jedenfalls bringt Kallmanns Tod sehr viel Unruhe in das kleine Städtchen und als sich auch noch ausländerfeindliche   Vorfälle an der Schule häufen, die schließlich zum Tod eines Schülers führen, ist es mit der Ruhe ganz vorbei.

Doch was sich wie ein banaler Krimi anhört, ist in Wirklichkeit vielmehr!

Nesser versteht es, den Lesern die Charaktere einzelner Schüler, deren Familien, Lehrer, Nachbarn, Polizisten so nahe zu bringen, dass man manchmal den Eindruck hat, man kenne die Leute, und man möge sie (nicht alle natürlich). Man interessiert sich für ihr Liebesleben, ihre Vergangenheit, ihre Trauer, ihre Wunden und ihr Glück.

Großartige Charakterstudien mit viel Menschenkenntnis stehen für mich mehr im Mittelpunkt als die Krimihandlung. Wer Thriller mag, Pageturner, Krimis die einen atemlos den nächsten Plot erwarten lassen, mag eventuell  nicht ganz auf seine Kosten kommen, denn hier geht es erst zweitrangig um den „Fall“. Doch wer psychologische Spannungsromane mag, solche die ihre Protagonisten und deren Entwicklung ernstnehmen, wird begeistert sein!

gerne können Sie das Buch bei mir in der Buchhandlung bestellen:

 

Mikroskope, Liebe, Abenteuer und Kinderleid

admin 31. Januar, 2018

Stefan Schmortte

„Die Enthüllung der Welt“

Lago Verlag

580 Seiten

ISBN 9783957611758

 

Dieser historische Roman spielt im 17. Jahrhundert in Holland.

Die Geburt Piet van Leeuwens, eines verwachsenen, rothaarigen Jungens, beendete das Liebesglück zwischen seinen Eltern. Seine Mutter, Tochter eines wohlhabenden Delfter Bürgers ist so entsetzt über das hässliche Baby, dass sie es am liebsten verstoßen würde. Der Vater liebt seinen Sohn zwar, wird aber über das Unglück, dass seine geliebte Frau sich als so herzlos erweist und sein Schwiegervater ihn und Piet am liebsten aus der Familie verbannen würde, so unglücklich, dass er zum Trinker und später zum Selbstmörder wird.

Nach dem Tod seines Vaters entledigt sich der Großvater des Kindes auf mehr oder weniger elegante Weise: er besticht den Pfarrer der Delfter Oude Kerk mit dem Kauf neuer Kirchenfenster, den Jungen in ein weit entferntes Internat bringen zu lassen, so dass er nie wieder von ihm hören möge. Beauftragt mit dem Transport wird ein Kirchendiener, der den Jungen hasst und in ihm eine Art Teufel sieht.

Jahre des absoluten Grauens in diesem Internat folgen: Spott und Hohn für Piet, Gewalt und Hunger, Inkompetenz von Seiten der Lehrer und ein Direktor, der sich an Jungs vergreift. Durch den Mut eines anderen Jungen, Karlmann, schafft Piet es gerade mal so, zu überleben. Halbtot wird er nach Amsterdam verfrachtet und kommt bei einem Tuchmacher unter, wo er Jahre des Stillstands verbringt, aber immerhin zu essen bekommt und nicht mehr geschlagen wird.

Durch einen Zufall trifft er wieder auf Karlmann, der ihn in Kontakt zu Carla, einer Hure bringt. Piet verliebt sich und zieht mit Carla, einer portugiesischen Jüdin zurück nach Delft, wo sie ihren Sohn zur Welt bringt. Während Piet nahezu glücklich ist mit seiner heimlichen Liebe – denn Carla und er können weil sie Jüdin ist, nicht heiraten – verbringt er immer mehr Zeit mit wissenschaftlichen Arbeiten. Sein Ziel ist es, das Kleine im Leben sichtbar zu machen. Karlmann, der Brillenmacher geworden war, hatte ihm einiges beigebracht über die Lehre der Optik, doch dass man Linsen so schleifen konnte, dass sie Kleines und Kleinstes sichtbar machten, das wusste bis dahin niemand.

Immer besessener, aber auch immer besser wird Piet bei der Entwicklung eines Mikroskops und so entdeckt er „Animalcla“  in Blut, Speichel oder Flusswasser. Ein befreundeter Arzt bringt seine Erkenntnisse der Wissenschaftlichen Gesellschaft in London zu Gehör, die durchaus großes Interesse an den Entdeckungen Piets haben.

Doch während seine Erkenntnisse immer größere Fortschritte machen, braut sich privat Schlimmes zusammen: ein verrückter Kirchendiener, der meint den Satan in Gestalt Piets töten zu müssen, Carla, der es psychisch immer schlechter geht, und ein „Freund“, der von einer jahrelangen Seefahrt zurück nach Delft kommt.

Wer wissen möchte, wie es Piet und seinem Sohn weiter erging und was es mit seiner bahnbrechenden Entdeckung auf sich hatte, muss wohl selbst weiterlesen.

Ich bin eigentlich keine große Freundin historischer Schmöker. Meist sind sie mir zu kitschig, zu wenig informativ und sehr oft auch zu schlecht geschrieben. Insofern ist es ein großes Lob, wenn ich guten Gewissens sagen kann, dass ich Schmorttes‘ Buch mit Vergnügen gelesen habe.

Zwar bedient er, es ist übrigens sein allererster Roman, durchaus die Erwartungen, die an dieses Genre gestellt werden, also: Herz-Schmerz, Leidenschaften, tragische Figuren und setzt Elemente des Abenteuerromans ein, doch er tut dies geschickt und er trägt nicht zu dick auf.

Sicher überschreitet „Die Enthüllung der Welt“ immer mal wieder die Grenze zum Kitsch, aber nicht allzu oft und auch nicht all zu drastisch. Insgesamt liest sich der Roman sehr flüssig und gut, der Inhalt ist spannend genug um problemlos – trotz des nicht geringen Umfangs – dabei zu bleiben.

Tatsächlich erfährt man auch einiges über das Leben des 17. Jahrhunderts, über den Stand der Wissenschaften und auch einiges über Politik. Für meinen Geschmack zwar etwas zu wenig, aber immerhin ist die Handlung gelungen eingebettet in eine Art Zeit- und Sozialgeschichte.

Man kann Stefan Schmortte, der eigentlich Journalist und Zeitschriftenredakteur ist, jedenfalls wirklich gratulieren zu seinem Debütroman und ihm wünschen, dass dieser ein erfolgreicher Einstieg zu weiteren Romanen sein wird.

Ein gelungener Roman über einen kleinen Mann, der das Große im Kleinen sah – darüber aber manchmal das wirklich Nahe zu sehr in die Ferne rückte.

Gerne können Sie das Buch in meiner Buchhandlung bestellen

Sehr unterhaltsames Buch für zwischendurch

admin 6. März, 2017

Radek Knapp

Der Mann, der Luft zum Frühstück aß

Deuticke Verlag

16 €

Da ich oft ein Problem mit “lustigen” Büchern habe, bin ich immer sehr froh, wenn mir mal etwas unterkommt, das ich wirklich lustig finde. Die Leseprobe versprach es ja schon und das schmale Bändchen (128 Seiten) hält das: ein Buch voll schrägem Humor!
Walerian (von seiner nicht sehr verantwortungsvollen Mutter nach einem polnischen Beruhigungsmittel benannt) wächst bei seinen Großeltern in Polen auf. Als er 12 Jahre alt ist, taucht die mittlerweile untergetauchte Mutter wieder auf und zieht mit dem Jungen nach Österreich.
Die Schule ist nicht so ganz das Richtige für ihn, aber er schlägt sich tapfer durch, versucht sich mit allen möglichen Jobs, entdeckt sein Interesse an Mädchen und irgendwann geschieht etwas, das ihn verändert.
Eigentlich gefiel mir das Buch aber weniger wegen seiner “Story”, sondern wegen des ironischen Stils, ungewöhnlicher Einfälle und der dennoch hintergründigen Melancholie.

Bestellen können Sie das gerne hier:

Eine jüdische Familiengeschichte

admin 17. Januar, 2017

Marcia Zuckermann

Mischpoke

Frankfurter Verlagsanstalt

24 €

Marcia Zuckermann wurde 1947 in Ost-Berlin geboren. Ihr jüdischer Vater überlebte den Holocaust als politischer Gefangener im KZ Buchenwald, ihre protestantische Mutter war als Kommunistin im Widerstand aktiv. 1958 musste die Familie die DDR als Dissidenten verlassen. In West-Berlin absolvierte Marcia Zuckermann eine Ausbildung als Werbewirtin im Verlagswesen und war Mitbegründerin und Geschäftsführerin einer Zeitschrift. Sie lebt als freie Journalistin und Autorin in Berlin.

Mischpoke bedeutet im Jiddischen „Familie“  - und um einen Familienroman, der die Kohanims über 100 Jahre hinweg begleitet, handelt es sich hier auch.

Samuel Kohanim, Sägewerksbesitzer in Westpreußen hat sieben Töchter, die unterschiedlicher nicht sein könnten, es eint sie nur der Wunsch nicht so zu werden wie ihre verhärtete und verbitterte Mutter Mendel.

Die Auswirkungen des Ersten Weltkriegs treiben große Teile der Familie nach Berlin. Zwischen dem roten Wedding und bürgerlichen Modeateliers, Kommunisten und Zionisten lesen wir von Liebesgeschichten, davon mehr unglückliche als glückliche, Mischehen, geliebten und ungeliebten Kindern, Schwestern die sich spinnefeind sind, sich dann aber doch in der Not helfen, Antisemiten und Nazis. Leider lesen wir auch von vielen Toten und von viel Leid, aber wie sollte das bei einer jüdischen Familiengeschichte, die im 20. Jahrhundert spielt, auch anders sein. Bewundernswert mit wie viel Verve, mit welch tollen Charakterbeschreibungen und auch mit Humor die Autorin die Geschichte ihrer eigenen Familie lebendig macht!

Marcia Zuckermann versteht es hervorragend, mit diesem rasanten, gewitzten und bewegenden Roman einen ganz eigenen und persönlichen Akzent zu setzen. Sie erzählt authentisch über deutsche, polnische und jüdische Zeitgeschichte und findet durch die – leider etwas zu kurz gekommene – Rahmenhandlung auch noch den Bogen zur aktuellen Flüchtlingsdebatte.

Ein lesenswerter Roman!

Elvira Hanemann

Über eine Bestellung bei mir in der Buchhandlung würde ich mich freuen!

Darf Literatur fiktiv sein???

admin 21. September, 2016

Das Interesse, das eine Leseprobe bei mir geweckt hatte, hat sich beim Lesen des gesamten Romans im Wesentlichen halten können.
Die inneren Seelenzustände der Schriftstellerin (ob es sich wohl um Delphine de Vigan selbst handelt? Zumindest spielt die Autorin mit diesem Gedanken, denn ihre Schriftstellerin heißt ebenfalls Delphine) werden sehr gut und sehr nachvollziehbar geschildert.
Natürlich möchte man wissen, um wen es sich bei der ominösen L. handelt, warum sie die Dinge tut, die sie tut. L. treibt Delphine in eine über zwei Jahre währende Schreibblockade, sie entfremdet sie ihren Freunden, sogar ihrem Geliebten. Doch das wird leider nie ganz klar.
So spannend ich es fand, zu lesen wie sich Delphines Schreibblockade manifestiert, so unbefriedigend fand ich letztendlich die Figur der L. Ich hätte gerne gewusst, was jemanden wie sie antreibt, was ihre Verletzungen sind, warum sie schießlich sogar zum Äußersten bereit gewesen wäre. Aber irgendwie kommt sie einem als echter Charakter nicht näher.
Eher negativ aufgestoßen ist mir auch der ewige Streit um die Frage ob Literatur fiktiv oder realistisch sein soll. Ich kann mir nicht vorstellen, dass eine echte Schriftstellerin sich diese Frage wirklich stellt. Natürlich ist Literatur (auch autobiografisch untermauerte) immer fiktiv, sonst wäre es keine Literatur. Auch wird ein guter Schriftsteller/in sich nicht unbedingt danach richten, was “der Leser” angeblich möchte.
Ich bin in meiner Gesamtbewertung etwas gespalten: der Stil ist wirklich sehr gut, interessant ist das Ganze auch, aber eben nicht hundertprozentig überzeugend.

Lesenswert ist das Buch aber allemal!

Bestellen können Sie es gerne in der Buchhandlung Thaer

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