Archiv für die 'Unterhaltungsromane' Kategorie

Der neue Roman des ersten Deutschen Buchpreisträgers

admin 11. March, 2010


Arno Geiger „Alles über Sally“

Hanser Verlag 2010

21,50 €

 

 

Arno Geiger wurde 1968 in Bregenz geboren. Nach einem Studium der Deutschen Philologie, Alten Geschichte und Vergleichenden Literaturwissenschaft in Wien und Innsbruck arbeitete er von 1986 – 2002 als Videotechniker auf den Bregenzer Festspielen.1996 wurde er  zum Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb eingeladen. Er  lebt heute als freier Schriftsteller in Wolfurt und Wien. Neben fünf weiteren Literaturpreisen wurde Arno Geiger der erste Träger des Deutschen Buchpreises mit „Es geht uns gut“ (2005).

Nun hat er nach dem Kurzgeschichtenband „Anna nicht vergessen“ (2007) einen neuen Roman veröffentlicht.

 

 

„Alles über Sally“ erzählt die Geschichte einer Ehe, einer Ehe, die schon seit 30 Jahren hält, die älteste Tochter ist aus dem Haus, die beiden halbwüchsigen jüngeren leben noch bei den Eltern, die Beziehung nimmt ihren ruhigen Lauf. Während eines Urlaubs gehen sich Sally und Alfred gehörig auf die Nerven und während Sally gerade über Alfreds Unzulänglichkeiten sinniert, bringt ein Anruf von zu Hause ihre zwar langweilige und ein wenig öde, aber insgesamt recht angenehme Welt durcheinander: ihr Haus wurde ausgeraubt!

 

Dieser Einbruch, der nicht nur ein Angriff auf ihr Hab und Gut darstellt, sondern auch ein Angriff auf ihr gewohntes Leben, wirkt wie ein Katalysator, der die beiden zu Fragen grundsätzlicher Art bringt. Alfred verfällt dem Trübsinn, er mag nicht mehr aus dem Haus gehen, hinterfragt alles und wird unsicherer.

Sally hingegen stürzt sich in eine Affäre mit Alfreds Freund und nun beginnt eine realistisch geschilderte Dreiecksgeschichte um Liebe, Verrat und Eifersucht.

Ihr heimlicher Liebhaber ist allerdings nicht nur Alfreds Freund, sondern er und seine Frau sind ein seit vielen Jahren miteinander vertrautes Ehepaar, beide betrügen also nicht nur ihre Partner, sondern auch ihre Freunde bzw. Freundinnen, was die Angelegenheit noch ein wenig verzwickter macht.

Später wird sich herausstellen, dass Sally nicht der einzige Seitensprung des gemeinsamen Freundes ist – wie Sally auf diese neue Wendung reagiert, ist ungewöhnlich und nicht vorhersehbar.

 

Gerade durch die Tatsache, dass es sich um ein älteres Paar handelt, das in einer stabilen – nicht glücklichen aber auch nicht unglücklichen  - Beziehung lebt, erhält die Geschichte einen eigenen Reiz.

 

Ob die gemeinsam erlebten Jahre letztendlich die Oberhand über den Reiz des Neuen gewinnen wird, müssen die Leser selbst erfahren, denn das wird erst gegen Ende des Buches geklärt.

 

 

Geigers plastischer, doch gleichzeitig eleganter Erzählstil überzeugt gerade durch die genaue Beschreibung an sich unwesentlicher Details der Beziehung. Wie sieht Sally ihren aus dem Leim gegangen Partner, der Stützstrümpfe gegen Krampfadern trägt – brutal und hart oder liebevoll? Oder ist beides möglich?

 

Auch wenn Sallys Verhalten nicht gerade sympathisch ist, beschreibt der Autor die inneren Beweggründe und Gedanken dieser klugen und interessanten Person so detailliert und nachvollziehbar, dass sie uns, ohne  ihre Handlungsweise weder zu billigen noch gut zu heißen, dennoch bewegt.

Gerade weil Geiger nie der Gefahr erliegt, gefühlig zu schreiben, versteht er es, uns zu rühren.

 

 

Ein Buch, das sich flüssig liest, nie langweilt und auf intelligente Weise unterhält.

 

Wenn Sie das Buch gleich bestellen möchten, gehen Sie bitte auf folgenden Link:

 

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Freundschaft fürs Leben

admin 1. October, 2007

Kathrin Aehnlich
„Alle sterben, auch die Löffelstöre“
ISBN: 9783716023662
Arche Verlag 19 €

Diese Geschichte um eine platonische Lebensfreundschaft zwischen einem Mann und einer Frau – ja, so etwas gibt es tatsächlich! – geht ans Herz und gibt gleichzeitig ein bisschen Nachhilfeunterricht für „Wessis“, denn es erlaubt einen ungewöhnlichen Einblick in das Leben von jungen Menschen in der alten DDR.

Skarlet (oh, wie sie diesen Namen verabscheut!) und Paul (eigentlich Jean Paul, von der Kindergärtnerin immer Schangbohl ausgesprochen) sind Freunde seit Kindesbeinen. Weder durch das Studium, noch durch die Arbeit und auch nicht durch die jeweiligen Ehen ließ sich diese Seelenfreundschaft auseinander bringen. Doch nun geht die Freundschaft aus einem anderen Grund dem Ende zu: Paul wird bald sterben, Skarlet besucht ihn regelmäßig im Krankenhaus, wo sie alte Erinnerungen austauschen, sich an Kochrezepten erfreuen und – auch wenn Paul immer kraftloser wird – immer wieder gemeinsam lachen können.

Das Buch ist aus Skarlets Perspektive geschrieben, sie erinnert sich an viele kleine Details ihres Lebens, meist im Zusammenhang mit Paul, aber der Autorin gelingt es auch, ein Stück DDR-Alltag erfahrbar zu machen – einfach dadurch, dass sie über die Musik, die wichtig war (für mich erstaunlich zu hören, dass Musiker, die mir - als Gleichaltrige im Westen aufgewachsen -, zur Identifikation dienten, auch ihr so viel bedeuteten) spricht, oder über die Art der Erziehung im Kindergarten (auch hier wieder erstaunt die Ähnlichkeit innerhalb einer entsetzlichen bleiernen Spießigkeit).
Skarlet ist unendlich traurig über das Sterben ihres Freundes, dennoch ist der ganze Text immer wieder auch durchzogen von einem leisen Humor.

Beeindruckt hat mich an diesem Debütroman vor allem die Glaubwürdigkeit, mit der Kathrin Aehnlich schreibt. Auch wenn sie stilistisch vielleicht nicht immer hundertprozentig überzeugen kann, lohnt sich das Lesen auf alle Fälle: ein sowohl ernsthaftes Buch über Freundschaft und Tod wie auch eine humorvolle Erinnerung an eine deutsche Jugend in den 60er Jahren.

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Ein Mann verändert sich

admin 1. October, 2007

Blog Homes, Leben

A.M. Homes „Dieses Buch wird ihr Leben retten“
Kiepenheuer & Witsch 2007
ISBN: 9783462037678
22,90 €

Dieses Buch wird ihr Leben sicher nicht retten, aber es wird es möglicherweise verschönern.

Richard Novak, ein gut erhaltener Mittvierziger, ein durch Aktiengeschäfte superreich gewordener Mann, lebt in einer Luxusvilla in L.A. Seine Tage verbringt er mit Fitnessprogrammen, ein bisschen investieren und sonst wenig mehr. In seinem isolierten Leben gibt es neben Gesprächen mit seiner Ernährungsberaterin, seiner Trainerin und der Putzfrau nahezu keine echten Kontakte. Seine geschiedenen Frau und seinen Sohn sieht er auch nur noch höchst selten.
Als er eines Tages von panikartigen heftigen Schmerzanfällen geplagt wird, ändert sich jedoch alles blitzschnell. Irgendetwas lösen diese Schmerzen in ihm aus, das ihn zu neuen Menschen treibt. Schlag auf Schlag wird Richard in absurde Situationen katapultiert, er trifft plötzlich alle möglichen Leute aus der Nachbarschaft, die er vorher nie wahrgenommen hat, freundet sich mit dem indischen Donutverkäufer an, frühstückt mit dem Superfilmstar nebenan, befreit Pferde aus Straßenlöchern, rettet entführte junge Frauen und dergleichen mehr. Als er in einem Supermarkt auch noch auf eine weinende Frau trifft, nimmt das Leben eine völlig neue Wendung.
Nein, es beginnt nun keine kitschige Liebesgeschichte, sondern eine ganz andere Art von „Geschäftsbeziehung“…
Und wie wichtig ihm sein Sohn ist, wird ihm auch immer klarer. Er beginnt zu kämpfen: um seine Seelenruhe in einem Meditations- und Schweigecamp (sehr witzig geschrieben!) um seinen Sohn und um echte Beziehungen zu echten Menschen.

Der Roman liest sich leicht und flüssig, stellenweise sehr lustig und er erwärmt das Herz.

Leider spürt man allerdings immer wieder, wie ernst es der Autorin mit ihrem guten Lebensratschlägen ist, die zwar allesamt richtig sind, aber nicht unbedingt in einen Roman gehören. Der Übergang von Unterhaltungslektüre zum Lebensratgeber ist fließend und stört mich manchmal. Auch kann man A.M. Homes ein ausgeprägtes Bedürfnis nach Harmonie anmerken, was mir die Lektüre etwas zu „glatt“ macht.

Dennoch ist es ein schön zu lesender, netter und immer wieder erfrischend komischer Unterhaltungsroman, der eine angenehme Lektüre garantiert, wenn man gerade nicht in der Stimmung für „schwere“ Literatur ist.

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