Archiv für die 'Politik und Gesellschaft' Kategorie

Familiengeschichte zwischen Iran und Deutschland

admin 17. Mai, 2016

Shida Bazyar
Nachts ist es leise in Teheran
Kiepenheuer und Witsch Verlag
19,99€

Shida Bazyar gelingt mit ihrem Debütroman gleich ein großer Wurf.

Sie wurde 1988 in Hermeskeil / Rheinland- Pfalz geboren, ist in Brandenburg als Bildungsreferentin tätig und lebt in Berlin.
In ihrem Buch erzählt sie von einer iranischen Familie, die kurz nachdem Chomeinis Gottesstaat an die Macht kam, nach Deutschland geflohen war.
In jedem Kapitel schildert ein anderes Familienmitglied aus seinem Blickwinkel heraus seine jeweils eigene Geschichte.
Behsad war ein Linksintellektueller, ein Kommunist, der sich politisch gegen den Schah engagiert hatte. Nach dem Sturz des Schahs war die Freude groß, doch sie währte leider nicht lange. Als sich abzeichnete, dass alle Oppositionellen außer den religiösen Anhängern Chomeinis verfolgt und als sein bester Freund inhaftiert wurde, beschlossen er und seine Familie ins Exil zu gehen.
Nahid, seine literaturbegeisterte Frau, erzählt den nächsten Abschnitt. Das Leben in Deutschland mit deutschen Freunden, der auch kritischen Betrachtung anderer Exiliraner, sowie ihr Heimweh nach Iran wird von ihr sehr vielschichtig beschrieben.
In den folgenden Kapiteln, die oft Jahre dazwischen auslassen, erschließt sich dem Leser das Leben der Kinder des Paares. Besonders beeindruckend gerät die Beschreibung eines Besuchs in Teheran aus Sicht der jugendlichen Laleh. Auch die gescheiterte grüne Revolution 2009 spielt eine nicht unwesentliche Rolle.
Vor unseren Augen entsteht so ein berührender Familienroman, ein Liebesroman und gleichzeitig auch politischer Roman über Themen wie Unterdrückung, Widerstand und Freiheitsliebe.
Mit ihrem schnörkellosen, schlichten und flüssigen Stil schreibt sich Shida Bazyar mühelos in Kopf und Herz der Leser ein.
Ein wundervolles Debüt!

Gerne können Sie das Buch bei mir in der Buchhandlung bestellen

Ein Großteil der Menschheit leidet Hunger - und keinen kümmert es

admin 14. Dezember, 2015

Martín Caparrós

Hunger

Übersetzerinnen: Sabine Giersberg und Hanna Grzimek

Suhrkamp Verlag  29,95 €

 

Martín Caparrós, geboren 1957 in Buenos Aires, ist Schriftsteller, Journalist und einer der bedeutendsten öffentlichen Intellektuellen der spanischsprachigen Welt.

 

Die Recherche für dieses Buch führte ihn gut vier Jahre lang rund um den Globus. Egal ob er sich in Indien, in Bangladesh, in Afrika (Niger), in Argentinien, aber auch in den USA umschaut, er kommt zu dem Schluss, dass sich Hunger zwar auf unterschiedlichste Weise zeigt, aber dass er fast überall auf der Welt zu finden ist.

Zitat: „Der Hunger ist keine Naturkatastrophe, die schicksalhaft über die Menschen hereinbricht. Der Hunger ist der krasseste Ausdruck der gigantischen sozialen Ungleichheit in einer Welt, in der das reichste Prozent mehr besitzt als alle anderen zusammen“

 

Caparrós widmet sich beispielsweise den Themen „Land-Grabbing“, der Nahrungsmittelverschwendung oder ausbeuterischen Firmen, die von der strukturellen Armut profitieren. Er geht dabei sehr in die Tiefe und jeder, der meint, er wisse schon genug über die Thematik, wird schnell merken, dass dieses Wissen sehr an der Oberfläche ist.

Der Untertitel des Buches „Wie zum Teufel können wir weiterleben, obwohl wir wissen, dass diese Dinge geschehen?“ zeigt auch schon an, dass es dem Autor nicht nur um Aufklärung, sondern auch um Veränderung geht.

 

Vielleicht sollte man dieses Buch auch mal solchen Zeitgenossen schenken, die das Unwort „Wirtschaftsflüchtlinge“ zu gerne in den Mund nehmen.

Gerne könne Sie das Buch bei mir in der Buchhandlung bestellen 

 

 

Erfahrungen einer Afrikanerin in den USA

admin 23. Mai, 2014

Chimamanda Ngozi Adichie „Americanah“
Übersetzung aus dem Englischen: Annette Grube
Fischer Verlag
ISBN 9783100006264
608 Seiten
24,99 €

Chimamanda Ngozi Adichie ist keine Unbekannte mehr. Sie war für ihren Roman „Blauer Hibiskus“ schon einmal für den Booker-Preis  nominiert und für „Die Hälfte der Sonne“ hat sie im Jahr 2007 den ebenfalls renommierte Orange Prize for Fiction erhalten. Ihre Bücher wurden in 37 Sprachen übersetzt und sie steht auf der renommierten Liste der „20 besten Schriftsteller unter 40“ des „New Yorker“.

Chimamanda Ngozi Adichie wurde 1977 in Enugu, Nigeria geboren, begann in Nigeria zu studieren (Medizin und Pharmazie), brach das aber ab und ging in die USA, wo sie 2001 ihr Studium der Politikwissenschaften und Kommunikationswissenschaften mit „summa cum laude“ abschloss. 2008 schloss sie in Yale zusätzlich das Studium der Afrikanistik ab. Heute lebt sie abwechselnd in Lagos und in den USA.

Ifemelu lebt in den USA, ist eine bekannte Bloggerin (ja, das gibt es: Menschen die mit ihren Blogs richtig gutes Geld verdienen), ist liiert mit einem gut situierten linksintellektuellem schwarzen Amerikaner und hat sich in den Staaten gut eingelebt. Doch sie beschließt, alle Brücken hinter sich abzubrechen und zurück nach Afrika zu gehen. Das ist die Ausgangssituation, im weiteren Verlauf des Romans wird uns Ifemelus Leben bis zu diesem Punkt erzählt. Wenn der chronologische Ablauf in der Jetztzeit angekommen ist, werden wir auch noch mit ihr nach Afrika zurückgehen und sehen, ob sich ihre Erwartungen und Hoffnungen dort erfüllen werden.

Ifemelu kommt aus einer einfachen Familie, ihre Mutter ist in erster Linie Christin, borniert und konservativ. Als Ifemelu sich in Obinze verliebt, lernt sie in dessen Elternhaus ein anderes, offeneres und intellektuelleres Leben kennen und schätzen. Obinze und Ifemelu lieben sich sehr, sie sind glücklich miteinander. Doch dann bietet sich für Ifemelu die Chance, in die USA zu gehen um dort zu studieren. Diese Chance kann sie sich nicht entgehen lassen, auch Obinze unterstützt sie darin.Die erste Zeit in den Staaten entwickelt sich allerdings als so viel schwieriger als erwartet: kein Geld, nur eine Art Halblegalität, Wohnen in beengten Löchern, zusammen mit anderen jungen Frauen, mit denen sie rein gar nichts zu tun hat. Die Verzweiflung wird immer größer und dann lässt sich Ifemelu zu etwas hinreißen, was ihr zwar ein wenig Geld einbringt, sie aber innerlich so beschädigt, dass sie in tiefe Depression verfällt. Sie bricht den Kontakt mit Obinze ab, der keine Ahnung hat, was los ist, doch sie schafft es nicht, mit ihm zu sprechen.

Erst nach langer Zeit, durch einen Babysitterjob bei einer weißen Amerikanerin, gewinnt sie langsam wieder ein wenig Lebensfreude. Sie kann sich wieder verlieben, und zwar in den Bruder ihrer Chefin.Die Reflexionen über die Beziehung einer schwarzen Afrikanerin in Amerika zu einem weißen Mann der Upperclass sind das Eine, doch die Beziehung wird nicht schwarz-weiß gezeichnet (welche Ironie!).

Nachdem diese Beziehung  zerbrochen ist, wird Ifemelu noch einmal glücklich mit einem anderen Mann, mit dem oben erwähnten linksintellektuellen schwarzen Amerikaner. Tatsächlich hat sie aber ihre Jugendliebe Obinze nie vergessen und nimmt nach vielen Jahren per Internet wieder Kontakt mit ihm, der mittlerweile verheiratet ist und eine Tochter hat, auf.Wer das bisher gelesen hat, könnte meinen, es handelt sich in erster Linie um eine Art Liebesroman, nach dem Motto: „Ifemelu und ihre Männer“. Doch nichts könnte falscher sein als dieser Eindruck.

Ifemelu hat irgendwann begonnen zu bloggen, in dem sie Erfahrungen einer nichtamerikanischen Schwarzen in den USA beschreibt. Große Teile des Buches bestehen aus diesem Blog, der hochinteressante Alltagserlebnisse hinterfragt. Das Verhältnis von afrikanischen und amerikanischen Schwarzen zueinander, Rassismuserfahrungen in den unterschiedlichsten Abstufungen, die Erlebniswelt von schwarzen Frauen, das Leben unter linksliberalen gemischtrassigen Amerikanern, die in der Wahl Obamas d i e große Hoffnung auf Veränderung sehen und vieles andere mehr.Ifemelus Blog wird so erfolgreich, dass sie an Unis Vorlesungen darüber hält und intellektuell immer selbstbewusster wird. Als sie beschließt nach Nigeria zurück zukehren, werden auch hier ihre Erfahrungen mit den unterschiedlichen Lebenswelten, detailliert und präzise erzählt. Hat sich Nigeria so verändert oder ist es Ifemelu selbst?

Den Genremix zwischen einer Art soziologischen Studien, den Blogeinträgen, einer Liebesgeschichte sowie der Geschichte von der Fremdheit in einem anderen Land, einem anderen Kontinent zu leben, fand ich sehr interessant und stilistisch gelungen. Achidies Roman ist zwar von der Gesamtkonstruktion her recht kompliziert und vielschichtig angelegt, doch ist andererseits ihr Stil sehr klar und gut lesbar, so dass es trotz Zeitsprüngen und unterschiedlichen stilistischen Mitteln, nie wirklich kompliziert wird.

Für mich war es so, als unterhielte ich mich mit einer klugen und interessanten Frau. Eine Frau, die viel erlebt hat was außerhalb meines Erfahrungsbereiches liegt und die mir eben nicht nur erzählt was sie so alles mitgemacht hat, sondern gleichzeitig auch was das eventuell in einem größeren Rahmen gesehen bedeutet.

Ein kluges, gut geschriebenes und hochinteressantes Buch einer jungen Afrikanerin, der ich wünsche, dass sie auch in Deutschland die Anerkennung finden möge, die sie international schon hat!

Sie können das Buch gerne bei mir in der Buchhandlung bestellen:

Wie sieht es wirklich aus in der ehemaligen Sowjetunion?

admin 1. März, 2014

 Wie die meisten Deutschen weiß ich nur wenig über Russland und über die ehemaligen Sowjetrepubliken. Hätte diese Autorin nicht den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels bekommen, wäre mein Augenmerk auch wohl eher nicht auf diesen doch recht dicken Wälzer gefallen. Manchmal – gar nicht so selten – haben Literaturpreise durchaus eine sinnvolle Wirkung. Ich habe in letzter Zeit selten ein Buch gelesen, durch das ich mich so sachlich informiert fühlte und das mir dennoch auch emotional so nahe gegangen ist.

 Swetlana Alexijewitsch „Secondhand – Zeit“

Untertitel: Leben auf den Trümmern des Sozialismus

Übersetzer: Ganna-Maria BraungardtISBN 9783446241503

569 Seiten  Hanser Verlag

27,90 €

Swetlana Alexijewitsch wurde 1948 in der Ukraine (damals Teil der Sowjetunion) geboren. Ihre Eltern, der Vater ein Weißrusse, die Mutter Ukrainerin waren Lehrer. Sie selbst war nach einem Journalistikstudium in Minsk für verschiedene Zeitungen tätig. Neben Reportagen und Essays schreibt sie auch Kurzgeschichten. Wegen ihrer oppositionellen Haltung hatte sie immer wieder große Probleme mit der Zensur, so wurde ihr Telefon abgehört, sie stand einmal unter Anklage wegen Beschmutzung der Ehre des Vaterlands und ihr wurden auch öffentliche Auftritte untersagt. Dennoch ging sie im Jahr 2011nach längeren Aufenthalten in Europa und den USA wieder nach Minsk zurück.

In ihrem Buch „Der Krieg hat kein weibliches Gesicht“ befasste sie sich mit der Rolle von sowjetischen Soldatinnen im Zweiten Weltkrieg. Für die 2013 erschienene „Secondhand – Zeit“ erhielt sie den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

 

Der Titel des Buchs erklärt sich aus Alexijewitschs Vorstellung, dass die postsowjetische Zeit eine Zeit der „gebrauchten“ Ideen ist, dass nicht viel Neues oder Kreatives entstanden ist.

 

Alexijewitsch widmet dieses Buch den vielen Bürgern der ehemaligen Sowjetunion. In unzähligen Interviews und Gesprächen stellt sie die unterschiedlichsten Menschen, den sprichwörtlichen „kleinen Mann“, alte Kommunisten, aber auch die Neureichen, die Wendegewinnler, Parteisekretäre und tadschikische Gastarbeiter vor. Man hat den Eindruck, dass aus praktisch jeder Gesellschaftschicht alle zu Wort kommen. Dieser groß angelegte Chor an Stimmen erhellt nicht nur unser Russlandbild und bildet den Leser politisch weiter, sondern es ergreift auch tief menschlich.

 

Die große Enttäuschung von Alten, die sich der Idee des Kommunismus (und: ja auch des Stalinismus) verbunden fühlten über die Gorbatschow und Post-Gorbatschow Zeit wird ebenso erfahrbar wie auch andererseits der unheimliche Zwang und die Unterdrückung in der alten Sowjetunion. Junge Menschen, die heute leben, haben wiederum andere Probleme wie Armut, große Chancenungleichheit und wenig politische Freiheit. Was aber vorherrschend klar wird, ist die mangelnde optimistische Sicht auf die Zukunft.

 Keine Leseprobe, sondern lieber ein Zitat aus ihrer Rede zur Preisverleihung:

 „Ich habe fünf Bücher geschrieben, doch im Grunde schreibe ich nun seit fast vierzig Jahren an einem einzigen Buch. An einer russisch-sowjetischen Chronik: Revolution, Gulag, Krieg … Tschernobyl … der Untergang des »roten Imperiums« … Ich folgte der Sowjetzeit. Hinter uns liegen ein Meer von Blut und ein gewaltiges Brudergrab. In meinen Büchern erzählt der »kleine Mensch« von sich. Das Sandkorn der Geschichte. Er wird nie gefragt, er verschwindet spurlos, er nimmt seine Geheimnisse mit ins Grab. Ich gehe zu denen, die keine Stimme haben. Ich höre ihnen zu, höre sie an, belausche sie. Die Straße ist für mich ein Chor, eine Sinfonie. Es ist unendlich schade, wie vieles ins Nichts gesagt, geflüstert, geschrien wird. Nur einen kurzen Augenblick lang existiert. Im Menschen und im menschlichen Leben gibt es vieles, worüber die Kunst nicht nur noch nie gesprochen hat, sondern wovon sie auch nichts ahnt. Das alles blitzt nur kurz auf und verschwindet, und heute verschwindet es besonders schnell. Unser Leben ist sehr schnell geworden. Flaubert sagte von sich, er sei »ein Mensch der Feder«, ich kann von mir sagen: Ich bin ein Mensch des Ohres.“

 Man mag an diesem kurzen Redeausschnitt schon bemerkt haben, mit welch gewaltiger Sprache Swetlana Alexijewitsch schreibt. Auch ihre Interviews sind nicht schablonenhaft vorgeformt, sondern sie lässt ihren Gesprächspartnern Raum und Zeit, sich so auszudrücken, wie es ihnen gemäß ist.

Ich kann gar nicht genug betonen, wie hochinteressant und wie mitreißend ich das Ganze fand. Wie gesagt, ich habe überhaupt keine besondere Affinität zur  Sowjetunion und ihren Nachfolgestaaten, aber das ist auch gar nicht nötig. Nach der Lektüre jedenfalls ist Verständnis entstanden, aber leider auch eine tiefes Gefühl des Pessimismus.

Wer fröhliche Lektüre bevorzugt liegt definitiv falsch, ich war danach eher bedrückt.

Eine Freundin von mir war bei einer Lesung und kam absolut beeindruckt von Frau  Alexijewitsch zurück, sie erzählte mir von ihrer unglaublichen Bescheidenheit und Authentizität. Schade, dass ich nicht dabei war, aber die Lektüre hat mich mehr als entschädigt dafür.

Ein tief beeindruckendes und bewegendes Buch!

Sie können es gerne hier in meiner Buchhandlung online bestellen: 

Leider wohl keine gute Mutter

admin 13. Januar, 2014

Es ist ja immer interessant, wenn sich die Kinder berühmter Menschen mit Wahrheiten über ihre Eltern zu Wort melden, man denke etwa an das ebenfalls auf den Bestsellerlisten gelandete Buch von Walter Kohl (Sohn von Helmut Kohl).

Nun war ich – meines Zeichens Buchhändlerin und weder Therapeutin noch Pädagogin -  dennoch sehr interessiert an diesem Buch, denn es gab eine Phase in meinem Leben, in der ich Alice Miller sehr begeistert gelesen habe. Ich schätzte sie sehr – und einige ihrer Aussagen sind mir wohl für immer im Gedächtnis eingegraben und waren prägend auch für mich als Mutter.

 Vorausschicken möchte ich meinem Bericht, dass sich das auch nach der Lektüre des Buches nicht geändert hat. Nach wie vor halte ich etwa ihre Bücher „Das Drama des begabten Kindes“ oder „Du sollst nicht merken“ und „Am Anfang war Erziehung“ für sehr gute und sehr lesenswerte Bücher.

Martin Miller „Das wahre „Drama des begabten Kindes“

Kreuz Verlag  176 Seiten  17,99 €

Martin Miller wurde 1950 als Sohn von Alice und Andreas Miller in der Schweiz geboren. Nach einer Ausbildung zum Volksschullehrer wurde er selbst Therapeut. Alice Miller war nicht nur eine Wegbereiterin der modernen Psychoanalyse, sie hatte darüber hinaus großen Einfluss für die Pädagogik, für die Frauenbewegung und für die Traumatheorie.

Martin Miller beschreibt sein Leben in Bezug auf das Leben seiner Mutter Alice Martin Miller beschreibt sein Leben in Bezug auf das Leben seiner Mutter Alice, die als Alicja Englard 1923 in Lemberg, Polen geboren wurde.

Seine Wahrheiten sind ein Schock für alle Anhänger von Alice Miller. Sie entpuppt sich als lieblose, harte und unfähige Mutter, die ihre Kinder sehr früh in Heime gegeben hatte, zu Pflegeeltern, in ein Internat.

Martin Miller, der Jahre seines Lebens unter Depressionen litt, ebenso unter massiven Essstörungen (Bulimie) und kurz vor der Selbsttötung stand, hat es geschafft seinen Weg zu finden.

In seinem Vorwort schreibt er, dass er große Bedenken hatte, sich in die Riege der enttäuschten Söhne einzureihen, die sich anklagend gegen ihre Eltern erheben. Er möchte nicht derjenige sein, der seine Mutter öffentlich demontiert. Ganz großen Wert legt er deshalb auf die Aussage, dass er das Werk von Alice Miller, besonders ihr Frühwerk, nach wie vor für richtig und wichtig hält.

Ich möchte nicht das ganze Hin- und Her, das Auf und Ab der schwierigen Beziehung zwischen Martin und Alice Miller beschreiben, das kann man selbst im Buch gut nachlesen, aber sehr interessant fand ich jedenfalls, dass Martin, der sich als Therapeut selbst viel mit Trauma Erfahrungen auseinander gesetzt hat, heute verstehen kann, dass seine Mutter (Jüdin, zur Flucht aus Polen gezwungen, Teile ihrer Familie von den Nazis ermordet) so wurde, weil sie selbst zutiefst traumatisiert war. Lange verschwieg sie, dass sie Jüdin war - aus Angst vor den Nazis, das war immer da im Hintergrund.

Einige Dinge, die Alice Miller ihren Kindern (sie hatte auch noch eine behinderte Tochter, die sie ebenfalls zeitweise in ein Heim gegeben hatte) angetan hat, sind wirklich harter Tobak. So verwunderte es mich etwa sehr, dass sie ihrem Sohn eine Therapie bei einem umstrittenen Psycho-Guru nicht nur empfohlen hatte, sondern ihn mehr oder weniger dazu gezwungen hatte. Das allein mag noch als eine gut gemeinte, wenn auch übergriffige Einmischung in sein Leben gelten. Doch dass sie sich dann die vertraulichen Gespräche von eben diesem Therapeuten auch noch erzählen ließ – das verstößt so elementar erstens gegen die obersten Regeln unter Therapeuten wie zweitens auch gegen die obersten Regeln im Umgang zwischen Eltern und Kindern, dass man nur noch mit den Ohren schlackert beim Lesen (bildlich gesprochen, denn ich kann nicht wirklich mit den Ohren schlackern;)).

Das Buch ist gut lesbar und flüssig geschrieben. Auch nehme ich Herrn Miller seine Geschichte und seine Erlebnisse ab, ich halte sie keineswegs für ein bösartiges Anschwärzen. Mag sein, dass er es auch als eine Art Eigentherapie geschrieben hat, aber jedenfalls ist ein höchst interessantes und für viele lesenswertes Buch dabei herausgekommen.

 Alice Miller steht für eine Erziehung, die vom Kind her gedacht ist, sie war immer jemand, der mit viel Empathie sich gegen die so genannte „schwarze Pädagogik“ gewandt hat und die sich klar auf Seiten der Kinder und deren Rechte stellte. Wenn man nun von so jemandem hört, dass sie in nahezu allen Bereichen in der Praxis so vollkommen anders handelte als in der Theorie, dann ist das sehr traurig!

 Ich finde es erstaunlich, dass es doch immer wieder Fälle gibt, in denen Menschen – oft sehr kluge Menschen – ihr Selbst abspalten können in ein berufliches und in ein privates Selbst.Theoretisch und intellektuell gesehen m u s s te Alice Miller eigentlich wissen, dass sie ihren Kindern nichts Gutes antat, doch praktisch und privat handelte sie entgegen ihren eigenen Postulaten.

Ein Muss für alle Leser von Alice Miller – eine Empfehlung aber auch für Anhänger von Biografien und für Leser von Psychologie Sachbüchern!

Bestellen kann man das gleich hier:

 

 

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