Archiv für die 'Politik und Gesellschaft' Kategorie

Die Kellergeigers suchen eine Heimat

admin 12. Juli, 2016

Jean-Claude Grumberg

Ein neues Zuhause für die Kellergeigers

Illustriert von Ronan Badel

Übersetzung:Edmund Jacoby

ISBN 9783841787223

Verlag: Jacoby & Stuart

12,95 €

Dieses kleine (knappe 90 Seiten) Büchlein hat es mir angetan, und zwar so richtig!

Es sind nicht nur die tollen und witzigen Zeichnungen, die egal ob sie schwarz-weiß oder bunt sind, einfach richtig treffend sind und mich im Stil ein bisschen an die alte (und leider schon verstorbene) Marie Marcks erinnern, die mich begeistern. Nein, es ist noch viel mehr!

Die Geschichte ist schnell erzählt:

Die Kellergeigers sind eine Familie mit vielen Kindern, die alle sehr nett zueinander sind aber sehr arm sind. Sie haben fast nichts, weniger als nichts, aber immerhin schöne Musikinstrumente und sie lieben es gemeinsam Musik zu machen. Doch sie leiden darunter, dass sie in einem Land leben, in dem sie nicht gemocht werden und in dem sie von den Leuten oft vertrieben werden. So sind sie auf der Suche nach einem anderen Land, in dem man sie lieber mag.

Doch warum eigentlich mag niemand die Kellergeigers? Sehr bald finden wir heraus, dass es viele Kellergeigers gibt, nicht nur diese eine Familie und dass sie alle nicht gemocht werden. Warum? Nun ja, die Frauen tragen Kopftücher (oder Hüte oder auch nur Haare auf dem Kopf), die Männer haben schwarze Haare und große Schnauzbärte (oder auch keine), ihre Nasen sind zu rund (oder zu spitz), sie sehen zu ungewöhnlich aus (oder zu normal, das kann man ja auch nicht leiden, wenn jemand zu normal ist). Irgendetwas ist halt immer falsch.

Auf dem Weg zu Grenze geraten sie an einen Kellergeiger, der sie für viel Geld (das sie aber nicht haben, aber - nun ja, eine schöne Geige täte es zur Not auch) über die Grenze bringen möchte. Drüben sei alles viel toller, alle Welt würde die Kellergeigers lieben, die Straßen seien sauber und es gäbe genug zu essen.

Unsere Kellergeiger Familie ist aber nicht blöd und schafft es auch ohne diesen Schlepper (das Wort wird nie benutzt) über die Grenze, einfach indem sie so schöne Schlaflieder spielen, dass die Grenzer in einen angenehmen Schlummer verfallen. Doch drüber angelangt, müssen sie erkennen, dass sie auch dort nicht gemocht werden. Zwar heißen sie dort anders “Violondecave” aber sie sind immer noch zu arm, zu anders und ihre Nasen gefallen auch dort nicht. Sie sollen abgeschoben werden.

Der älteste Sohn wird tatsächlich (wegen unerlaubten Musizierens) abgeschoben und von seiner Familie getrennt. Doch er kommt in ein Land, in dem die Kellergeigers “Cellarfiddlers” genannt werden und auch nicht gemocht werden, aber manche schaffen es doch. Er selbst wird professioneller Musiker und sehr erfolgreich. Doch er vermisst seine Familie. Eines Tages kommt die Familie, die mittlerweile sehr traurig und frustriert - und gar nicht mehr so lieb zueinander sind - auch in dieses Land.

Mittlerweile wurde nämlich in ihrer alten “Heimat” ein Befehl erlassen, dass man allen Kellergeigern ein großes “K” auf die Stirn tätowiert, um sie besser zu erkennen, das wurde dann doch zu viel und sie flohen.

Es kommt - entgegen aller Erwartungen - zu einer glücklichen Wiedervereinigung der Familie - und alle sind froh und freuen sich.

Wie schön! Immerhin handelt es sich ja um ein Kinderbuch - und da schadet es nichts, wenn es ein glückliches Ende hat.

Andererseits versteht jeder Erwachsene, der das liest - und der das hoffentlich gemeinsam mit seinem Kind liest, dass die Kellergeigers wohl für “Fremde” an sich stehen. Vieles erinnert an Sinti und Roma, manches auch an Juden, doch eigentlich ist es unwesentlich, was sie sind, es reicht dass sie anders sind. Man bedenke: mal ist die Nase zu spitz, mal zu rund….

Eine großartige Neuerscheinung, ein wunderbares Buch, das man jeder/jedem ab etwa 10 Jahren schenken sollte - oder einfach als Erwachsene/r selber lesen. Man wird es nicht bereuen!

Sie können das Buch sehr gerne bei mir in der Buchhandlung bestellen.

Familiengeschichte zwischen Iran und Deutschland

admin 17. Mai, 2016

Shida Bazyar
Nachts ist es leise in Teheran
Kiepenheuer und Witsch Verlag
19,99€

Shida Bazyar gelingt mit ihrem Debütroman gleich ein großer Wurf.

Sie wurde 1988 in Hermeskeil / Rheinland- Pfalz geboren, ist in Brandenburg als Bildungsreferentin tätig und lebt in Berlin.
In ihrem Buch erzählt sie von einer iranischen Familie, die kurz nachdem Chomeinis Gottesstaat an die Macht kam, nach Deutschland geflohen war.
In jedem Kapitel schildert ein anderes Familienmitglied aus seinem Blickwinkel heraus seine jeweils eigene Geschichte.
Behsad war ein Linksintellektueller, ein Kommunist, der sich politisch gegen den Schah engagiert hatte. Nach dem Sturz des Schahs war die Freude groß, doch sie währte leider nicht lange. Als sich abzeichnete, dass alle Oppositionellen außer den religiösen Anhängern Chomeinis verfolgt und als sein bester Freund inhaftiert wurde, beschlossen er und seine Familie ins Exil zu gehen.
Nahid, seine literaturbegeisterte Frau, erzählt den nächsten Abschnitt. Das Leben in Deutschland mit deutschen Freunden, der auch kritischen Betrachtung anderer Exiliraner, sowie ihr Heimweh nach Iran wird von ihr sehr vielschichtig beschrieben.
In den folgenden Kapiteln, die oft Jahre dazwischen auslassen, erschließt sich dem Leser das Leben der Kinder des Paares. Besonders beeindruckend gerät die Beschreibung eines Besuchs in Teheran aus Sicht der jugendlichen Laleh. Auch die gescheiterte grüne Revolution 2009 spielt eine nicht unwesentliche Rolle.
Vor unseren Augen entsteht so ein berührender Familienroman, ein Liebesroman und gleichzeitig auch politischer Roman über Themen wie Unterdrückung, Widerstand und Freiheitsliebe.
Mit ihrem schnörkellosen, schlichten und flüssigen Stil schreibt sich Shida Bazyar mühelos in Kopf und Herz der Leser ein.
Ein wundervolles Debüt!

Gerne können Sie das Buch bei mir in der Buchhandlung bestellen

Ein Großteil der Menschheit leidet Hunger - und keinen kümmert es

admin 14. Dezember, 2015

Martín Caparrós

Hunger

Übersetzerinnen: Sabine Giersberg und Hanna Grzimek

Suhrkamp Verlag  29,95 €

 

Martín Caparrós, geboren 1957 in Buenos Aires, ist Schriftsteller, Journalist und einer der bedeutendsten öffentlichen Intellektuellen der spanischsprachigen Welt.

 

Die Recherche für dieses Buch führte ihn gut vier Jahre lang rund um den Globus. Egal ob er sich in Indien, in Bangladesh, in Afrika (Niger), in Argentinien, aber auch in den USA umschaut, er kommt zu dem Schluss, dass sich Hunger zwar auf unterschiedlichste Weise zeigt, aber dass er fast überall auf der Welt zu finden ist.

Zitat: „Der Hunger ist keine Naturkatastrophe, die schicksalhaft über die Menschen hereinbricht. Der Hunger ist der krasseste Ausdruck der gigantischen sozialen Ungleichheit in einer Welt, in der das reichste Prozent mehr besitzt als alle anderen zusammen“

 

Caparrós widmet sich beispielsweise den Themen „Land-Grabbing“, der Nahrungsmittelverschwendung oder ausbeuterischen Firmen, die von der strukturellen Armut profitieren. Er geht dabei sehr in die Tiefe und jeder, der meint, er wisse schon genug über die Thematik, wird schnell merken, dass dieses Wissen sehr an der Oberfläche ist.

Der Untertitel des Buches „Wie zum Teufel können wir weiterleben, obwohl wir wissen, dass diese Dinge geschehen?“ zeigt auch schon an, dass es dem Autor nicht nur um Aufklärung, sondern auch um Veränderung geht.

 

Vielleicht sollte man dieses Buch auch mal solchen Zeitgenossen schenken, die das Unwort „Wirtschaftsflüchtlinge“ zu gerne in den Mund nehmen.

Gerne könne Sie das Buch bei mir in der Buchhandlung bestellen 

 

 

Erfahrungen einer Afrikanerin in den USA

admin 23. Mai, 2014

Chimamanda Ngozi Adichie „Americanah“
Übersetzung aus dem Englischen: Annette Grube
Fischer Verlag
ISBN 9783100006264
608 Seiten
24,99 €

Chimamanda Ngozi Adichie ist keine Unbekannte mehr. Sie war für ihren Roman „Blauer Hibiskus“ schon einmal für den Booker-Preis  nominiert und für „Die Hälfte der Sonne“ hat sie im Jahr 2007 den ebenfalls renommierte Orange Prize for Fiction erhalten. Ihre Bücher wurden in 37 Sprachen übersetzt und sie steht auf der renommierten Liste der „20 besten Schriftsteller unter 40“ des „New Yorker“.

Chimamanda Ngozi Adichie wurde 1977 in Enugu, Nigeria geboren, begann in Nigeria zu studieren (Medizin und Pharmazie), brach das aber ab und ging in die USA, wo sie 2001 ihr Studium der Politikwissenschaften und Kommunikationswissenschaften mit „summa cum laude“ abschloss. 2008 schloss sie in Yale zusätzlich das Studium der Afrikanistik ab. Heute lebt sie abwechselnd in Lagos und in den USA.

Ifemelu lebt in den USA, ist eine bekannte Bloggerin (ja, das gibt es: Menschen die mit ihren Blogs richtig gutes Geld verdienen), ist liiert mit einem gut situierten linksintellektuellem schwarzen Amerikaner und hat sich in den Staaten gut eingelebt. Doch sie beschließt, alle Brücken hinter sich abzubrechen und zurück nach Afrika zu gehen. Das ist die Ausgangssituation, im weiteren Verlauf des Romans wird uns Ifemelus Leben bis zu diesem Punkt erzählt. Wenn der chronologische Ablauf in der Jetztzeit angekommen ist, werden wir auch noch mit ihr nach Afrika zurückgehen und sehen, ob sich ihre Erwartungen und Hoffnungen dort erfüllen werden.

Ifemelu kommt aus einer einfachen Familie, ihre Mutter ist in erster Linie Christin, borniert und konservativ. Als Ifemelu sich in Obinze verliebt, lernt sie in dessen Elternhaus ein anderes, offeneres und intellektuelleres Leben kennen und schätzen. Obinze und Ifemelu lieben sich sehr, sie sind glücklich miteinander. Doch dann bietet sich für Ifemelu die Chance, in die USA zu gehen um dort zu studieren. Diese Chance kann sie sich nicht entgehen lassen, auch Obinze unterstützt sie darin.Die erste Zeit in den Staaten entwickelt sich allerdings als so viel schwieriger als erwartet: kein Geld, nur eine Art Halblegalität, Wohnen in beengten Löchern, zusammen mit anderen jungen Frauen, mit denen sie rein gar nichts zu tun hat. Die Verzweiflung wird immer größer und dann lässt sich Ifemelu zu etwas hinreißen, was ihr zwar ein wenig Geld einbringt, sie aber innerlich so beschädigt, dass sie in tiefe Depression verfällt. Sie bricht den Kontakt mit Obinze ab, der keine Ahnung hat, was los ist, doch sie schafft es nicht, mit ihm zu sprechen.

Erst nach langer Zeit, durch einen Babysitterjob bei einer weißen Amerikanerin, gewinnt sie langsam wieder ein wenig Lebensfreude. Sie kann sich wieder verlieben, und zwar in den Bruder ihrer Chefin.Die Reflexionen über die Beziehung einer schwarzen Afrikanerin in Amerika zu einem weißen Mann der Upperclass sind das Eine, doch die Beziehung wird nicht schwarz-weiß gezeichnet (welche Ironie!).

Nachdem diese Beziehung  zerbrochen ist, wird Ifemelu noch einmal glücklich mit einem anderen Mann, mit dem oben erwähnten linksintellektuellen schwarzen Amerikaner. Tatsächlich hat sie aber ihre Jugendliebe Obinze nie vergessen und nimmt nach vielen Jahren per Internet wieder Kontakt mit ihm, der mittlerweile verheiratet ist und eine Tochter hat, auf.Wer das bisher gelesen hat, könnte meinen, es handelt sich in erster Linie um eine Art Liebesroman, nach dem Motto: „Ifemelu und ihre Männer“. Doch nichts könnte falscher sein als dieser Eindruck.

Ifemelu hat irgendwann begonnen zu bloggen, in dem sie Erfahrungen einer nichtamerikanischen Schwarzen in den USA beschreibt. Große Teile des Buches bestehen aus diesem Blog, der hochinteressante Alltagserlebnisse hinterfragt. Das Verhältnis von afrikanischen und amerikanischen Schwarzen zueinander, Rassismuserfahrungen in den unterschiedlichsten Abstufungen, die Erlebniswelt von schwarzen Frauen, das Leben unter linksliberalen gemischtrassigen Amerikanern, die in der Wahl Obamas d i e große Hoffnung auf Veränderung sehen und vieles andere mehr.Ifemelus Blog wird so erfolgreich, dass sie an Unis Vorlesungen darüber hält und intellektuell immer selbstbewusster wird. Als sie beschließt nach Nigeria zurück zukehren, werden auch hier ihre Erfahrungen mit den unterschiedlichen Lebenswelten, detailliert und präzise erzählt. Hat sich Nigeria so verändert oder ist es Ifemelu selbst?

Den Genremix zwischen einer Art soziologischen Studien, den Blogeinträgen, einer Liebesgeschichte sowie der Geschichte von der Fremdheit in einem anderen Land, einem anderen Kontinent zu leben, fand ich sehr interessant und stilistisch gelungen. Achidies Roman ist zwar von der Gesamtkonstruktion her recht kompliziert und vielschichtig angelegt, doch ist andererseits ihr Stil sehr klar und gut lesbar, so dass es trotz Zeitsprüngen und unterschiedlichen stilistischen Mitteln, nie wirklich kompliziert wird.

Für mich war es so, als unterhielte ich mich mit einer klugen und interessanten Frau. Eine Frau, die viel erlebt hat was außerhalb meines Erfahrungsbereiches liegt und die mir eben nicht nur erzählt was sie so alles mitgemacht hat, sondern gleichzeitig auch was das eventuell in einem größeren Rahmen gesehen bedeutet.

Ein kluges, gut geschriebenes und hochinteressantes Buch einer jungen Afrikanerin, der ich wünsche, dass sie auch in Deutschland die Anerkennung finden möge, die sie international schon hat!

Sie können das Buch gerne bei mir in der Buchhandlung bestellen:

Wie sieht es wirklich aus in der ehemaligen Sowjetunion?

admin 1. März, 2014

 Wie die meisten Deutschen weiß ich nur wenig über Russland und über die ehemaligen Sowjetrepubliken. Hätte diese Autorin nicht den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels bekommen, wäre mein Augenmerk auch wohl eher nicht auf diesen doch recht dicken Wälzer gefallen. Manchmal – gar nicht so selten – haben Literaturpreise durchaus eine sinnvolle Wirkung. Ich habe in letzter Zeit selten ein Buch gelesen, durch das ich mich so sachlich informiert fühlte und das mir dennoch auch emotional so nahe gegangen ist.

 Swetlana Alexijewitsch „Secondhand – Zeit“

Untertitel: Leben auf den Trümmern des Sozialismus

Übersetzer: Ganna-Maria BraungardtISBN 9783446241503

569 Seiten  Hanser Verlag

27,90 €

Swetlana Alexijewitsch wurde 1948 in der Ukraine (damals Teil der Sowjetunion) geboren. Ihre Eltern, der Vater ein Weißrusse, die Mutter Ukrainerin waren Lehrer. Sie selbst war nach einem Journalistikstudium in Minsk für verschiedene Zeitungen tätig. Neben Reportagen und Essays schreibt sie auch Kurzgeschichten. Wegen ihrer oppositionellen Haltung hatte sie immer wieder große Probleme mit der Zensur, so wurde ihr Telefon abgehört, sie stand einmal unter Anklage wegen Beschmutzung der Ehre des Vaterlands und ihr wurden auch öffentliche Auftritte untersagt. Dennoch ging sie im Jahr 2011nach längeren Aufenthalten in Europa und den USA wieder nach Minsk zurück.

In ihrem Buch „Der Krieg hat kein weibliches Gesicht“ befasste sie sich mit der Rolle von sowjetischen Soldatinnen im Zweiten Weltkrieg. Für die 2013 erschienene „Secondhand – Zeit“ erhielt sie den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

 

Der Titel des Buchs erklärt sich aus Alexijewitschs Vorstellung, dass die postsowjetische Zeit eine Zeit der „gebrauchten“ Ideen ist, dass nicht viel Neues oder Kreatives entstanden ist.

 

Alexijewitsch widmet dieses Buch den vielen Bürgern der ehemaligen Sowjetunion. In unzähligen Interviews und Gesprächen stellt sie die unterschiedlichsten Menschen, den sprichwörtlichen „kleinen Mann“, alte Kommunisten, aber auch die Neureichen, die Wendegewinnler, Parteisekretäre und tadschikische Gastarbeiter vor. Man hat den Eindruck, dass aus praktisch jeder Gesellschaftschicht alle zu Wort kommen. Dieser groß angelegte Chor an Stimmen erhellt nicht nur unser Russlandbild und bildet den Leser politisch weiter, sondern es ergreift auch tief menschlich.

 

Die große Enttäuschung von Alten, die sich der Idee des Kommunismus (und: ja auch des Stalinismus) verbunden fühlten über die Gorbatschow und Post-Gorbatschow Zeit wird ebenso erfahrbar wie auch andererseits der unheimliche Zwang und die Unterdrückung in der alten Sowjetunion. Junge Menschen, die heute leben, haben wiederum andere Probleme wie Armut, große Chancenungleichheit und wenig politische Freiheit. Was aber vorherrschend klar wird, ist die mangelnde optimistische Sicht auf die Zukunft.

 Keine Leseprobe, sondern lieber ein Zitat aus ihrer Rede zur Preisverleihung:

 „Ich habe fünf Bücher geschrieben, doch im Grunde schreibe ich nun seit fast vierzig Jahren an einem einzigen Buch. An einer russisch-sowjetischen Chronik: Revolution, Gulag, Krieg … Tschernobyl … der Untergang des »roten Imperiums« … Ich folgte der Sowjetzeit. Hinter uns liegen ein Meer von Blut und ein gewaltiges Brudergrab. In meinen Büchern erzählt der »kleine Mensch« von sich. Das Sandkorn der Geschichte. Er wird nie gefragt, er verschwindet spurlos, er nimmt seine Geheimnisse mit ins Grab. Ich gehe zu denen, die keine Stimme haben. Ich höre ihnen zu, höre sie an, belausche sie. Die Straße ist für mich ein Chor, eine Sinfonie. Es ist unendlich schade, wie vieles ins Nichts gesagt, geflüstert, geschrien wird. Nur einen kurzen Augenblick lang existiert. Im Menschen und im menschlichen Leben gibt es vieles, worüber die Kunst nicht nur noch nie gesprochen hat, sondern wovon sie auch nichts ahnt. Das alles blitzt nur kurz auf und verschwindet, und heute verschwindet es besonders schnell. Unser Leben ist sehr schnell geworden. Flaubert sagte von sich, er sei »ein Mensch der Feder«, ich kann von mir sagen: Ich bin ein Mensch des Ohres.“

 Man mag an diesem kurzen Redeausschnitt schon bemerkt haben, mit welch gewaltiger Sprache Swetlana Alexijewitsch schreibt. Auch ihre Interviews sind nicht schablonenhaft vorgeformt, sondern sie lässt ihren Gesprächspartnern Raum und Zeit, sich so auszudrücken, wie es ihnen gemäß ist.

Ich kann gar nicht genug betonen, wie hochinteressant und wie mitreißend ich das Ganze fand. Wie gesagt, ich habe überhaupt keine besondere Affinität zur  Sowjetunion und ihren Nachfolgestaaten, aber das ist auch gar nicht nötig. Nach der Lektüre jedenfalls ist Verständnis entstanden, aber leider auch eine tiefes Gefühl des Pessimismus.

Wer fröhliche Lektüre bevorzugt liegt definitiv falsch, ich war danach eher bedrückt.

Eine Freundin von mir war bei einer Lesung und kam absolut beeindruckt von Frau  Alexijewitsch zurück, sie erzählte mir von ihrer unglaublichen Bescheidenheit und Authentizität. Schade, dass ich nicht dabei war, aber die Lektüre hat mich mehr als entschädigt dafür.

Ein tief beeindruckendes und bewegendes Buch!

Sie können es gerne hier in meiner Buchhandlung online bestellen: 

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