Archiv für die 'Politik und Gesellschaft' Kategorie

Eine jüdische Familiengeschichte

admin 17. Januar, 2017

Marcia Zuckermann

Mischpoke

Frankfurter Verlagsanstalt

24 €

Marcia Zuckermann wurde 1947 in Ost-Berlin geboren. Ihr jüdischer Vater überlebte den Holocaust als politischer Gefangener im KZ Buchenwald, ihre protestantische Mutter war als Kommunistin im Widerstand aktiv. 1958 musste die Familie die DDR als Dissidenten verlassen. In West-Berlin absolvierte Marcia Zuckermann eine Ausbildung als Werbewirtin im Verlagswesen und war Mitbegründerin und Geschäftsführerin einer Zeitschrift. Sie lebt als freie Journalistin und Autorin in Berlin.

Mischpoke bedeutet im Jiddischen „Familie“  - und um einen Familienroman, der die Kohanims über 100 Jahre hinweg begleitet, handelt es sich hier auch.

Samuel Kohanim, Sägewerksbesitzer in Westpreußen hat sieben Töchter, die unterschiedlicher nicht sein könnten, es eint sie nur der Wunsch nicht so zu werden wie ihre verhärtete und verbitterte Mutter Mendel.

Die Auswirkungen des Ersten Weltkriegs treiben große Teile der Familie nach Berlin. Zwischen dem roten Wedding und bürgerlichen Modeateliers, Kommunisten und Zionisten lesen wir von Liebesgeschichten, davon mehr unglückliche als glückliche, Mischehen, geliebten und ungeliebten Kindern, Schwestern die sich spinnefeind sind, sich dann aber doch in der Not helfen, Antisemiten und Nazis. Leider lesen wir auch von vielen Toten und von viel Leid, aber wie sollte das bei einer jüdischen Familiengeschichte, die im 20. Jahrhundert spielt, auch anders sein. Bewundernswert mit wie viel Verve, mit welch tollen Charakterbeschreibungen und auch mit Humor die Autorin die Geschichte ihrer eigenen Familie lebendig macht!

Marcia Zuckermann versteht es hervorragend, mit diesem rasanten, gewitzten und bewegenden Roman einen ganz eigenen und persönlichen Akzent zu setzen. Sie erzählt authentisch über deutsche, polnische und jüdische Zeitgeschichte und findet durch die – leider etwas zu kurz gekommene – Rahmenhandlung auch noch den Bogen zur aktuellen Flüchtlingsdebatte.

Ein lesenswerter Roman!

Elvira Hanemann

Über eine Bestellung bei mir in der Buchhandlung würde ich mich freuen!

Gegen Hass und Ausgrenzung - für Diversität!

admin 19. Oktober, 2016

Carolin Emcke, Gegen den Hass

Fischer Verlag 20 €

Die Preisträgerin des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 2016 (letztes Jahr erhielt Navid Kermani diesen Preis) hat soeben ein neues Buch veröffentlicht.

Carolin Emcke, 1967 geboren, promovierte Philosophin, erlangte besonders durch ihre Texte aus Kriegs- und Krisenregionen, die sie zwischen 1998 bis 2013 bereiste Bekanntheit. Ihre Bücher „Von den Kriegen“ und „Weil es sagbar ist“ handeln von dieser Zeit.

Mit „Wie wir begehren“ erzählt sie von ihrem eigenen homosexuellen Coming-Out sowie von der politischen und sozialen Bedeutung des sexuellen Handelns.

In „Gegen den Hass“ legt sie ein kluges, differenziertes aber auch leidenschaftliches Plädoyer für eine offene Gesellschaft vor.

Beginnend mit der Hetzjagd auf Flüchtlinge im sächsischen Clausnitz berührt sie Themen wie die neue Rechte in Gestalt von Pegida und Co., über die Wahrnehmung von dunkelhäutigen Menschen in den USA, erklärt die dortige Black-lives-matter-Bewegung über die Intoleranz gegen Transgender-Personen bis hin zu der menschenverachtenden Propaganda der IS.

Man könnte meinen, das sei ein sehr weiter Bogen, den sie da spannt und das alles sei auf 240 Seiten nicht abzuhandeln. Doch Carolin Emcke hakt diese Themen auch nicht einfach ab, sondern setzt sie in einen Zusammenhang. Ihre These lautet: ein Staat, ein Gemeinweisen, ist immer dann am stärksten, wenn er/es offen ist. Je diverser desto sicherer und besser lebt es sich für den Einzelnen, aber auch für das kollektive Wir.

Echte Demokratie ist nur dann zu haben, wenn alle in dieser Demokratie Lebenden daran partizipieren, wenn Minderheiten mit Respekt begegnet wird und wenn die Art und Weise wie wir leben, mit allen immer wieder neu ausgehandelt wird. Ein ausführlicher und präziser Anhang lädt ein dazu, sich weiter zu informieren.

Besonders gut gefiel mir ihr “Lob des Unreinen”, ein Essay in dem sie sich mit der hirnrissigen These dass ein möglichst reines unvermischtes Volk (oder auch eine sehr eng ausgelegte Version einer Religion) etwas Erstrebenswertes sei, auseinander setzt. Sie hingegen spricht sich für die kulturelle, religiöse, sexuelle Verschiedenheit in einem säkularen Rechtsstaat aus.

Ein intelligenter, sehr gut lesbarer Appell an jeden Einzelnen, sich drängenden gesellschaftlichen Fragen zu stellen – und sich nicht mit einfachen Antworten auf komplexe Fragen zu begnügen.

Bestellen können Sie dieses höchst lesenswerte Buch bei mir in der Buchhandlung Thaer

Überzeugende und politisch brisante Liebesgeschichte

admin 8. September, 2016

Dorit Rabinyan

Wir sehen uns am Meer

Kiepenheuer und Witsch Verlag

 

 

Erst nachdem ich das Buch gelesen hatte, habe ich mitbekommen, dass es in Israel einen heftigen Streit um diesen Roman gibt. Das Bildungsministerium hat das Buch aus dem Lesekanon der Schulen herausgenommen. Es ist also “politisch nicht erwünscht”.

Sehr sonderbar, denn diese Liebesgeschichte zwischen einer Israelin und einem Palästinenser wird konsequent aus der Sicht von Liat, der Israelin, beschrieben. Und diese ist durchaus nicht so offen, sie behandelt Chelmi, ihren “heimlichen Geliebten” - wie sie ihn nennt, nicht immer gut. Für sie steht fest, dass es sich bei dieser Liebe nur um eine zeitlich begrenzte handeln kann, denn zu Hause - in Israel - kann sie unmöglich mit einem Palästinenster ankommen.
Sie verleugnet ihn aber auch in New York immer wieder, wenn sich israelischer Besuch anmeldet beispielsweise. Chelmi hingegen stellt sie seiner Familie vor.

Liat verbringt einige Monate in New York in der Wohnung von Freunden. Der palästinenschische Künstler Chelmi wird ihr von gemeinsamen Freunden vorgestellt. Die beiden verlieben sich sofort und total ineinander. Doch es ist eine Liebe auf Zeit.

 

In meinen Augen liebt Chelmi tiefer und wahrhaftiger, aber Liat scheint ihn nie so ganz ernst zu nehmen. Als tollen Liebhaber - ja sicher, sehr gerne! Auch als jemanden, der ihr die Zeit in New York ganz wunderbar vertreibt, aber als Lebenspartner? Nein, das ist dann doch zu kompliziert.

Die Geschichte hat mich bewegt, der Stil hat mir sehr gut gefallen - lediglich das Ende (das ich hier aber nicht verraten kann) fand ich nicht überzeugend.
Dennoch: sehr lesenswert! Auch gerne in israelischen Schulen….

Bestellen gerne hier: www.thaer.de

Aspekte der DDR - in einem spannenden Kinderroman hautnah nachvollziehbar

admin 21. Juli, 2016

Ute Krause

Im Labyrinth der Lügen

cbj Verlag

ISBN 9783570172926

Altersempfehlung 10 -12 Jahre

286 Seiten

14,99 €

 

Paul wohnt bei seiner Oma und seinem Onkel Henri in Ostberlin. Seine Oma ist Klofrau im Hotel Metropol und Henri ist Nachtwächter im Pergamonmuseum.

Henri lebt gerne mit den beiden zusammen und er ist seiner Oma unendlich dankbar, dass sie ihn aus dem Kinderheim, in dem  er gezwungenermaßen mehrere Monate leben musste, befreit hat.

Pauls Eltern sind nämlich im Gefängnis, nicht etwa, weil sie Kriminelle sind, sondern wegen eines gescheiterten Fluchtversuchs in den Westen.

Doch nun hat sich etwas Entscheidendes geändert: Pauls Eltern wurden „freigekauft“, was bedeutet dass Politiker aus Westdeutschland Geld für sie gezahlt hatten, so dass seine Eltern nun nach Westberlin ausreisen dürfen. Für Paul bedeutet das die endgültige Trennung von seinen Eltern, denn nach Westdeutschland darf man erst, wenn man 65 Jahre alt ist – und davon ist er noch sehr weit entfernt.

 Von seiner Traurigkeit lenkt ihn die neue Mitschülerin Millie etwas ab, mit ihr gemeinsam unternimmt er nun vieles, Hunde hüten und Eis essen und vor allem: Pauls Onkel und einem geheimnisvollen Professor bei der Entdeckung eines Geheimnisses zu helfen: in einem Stein des Ishtar-Altars soll eine Formel für eine Jugendtinktur eingraviert worden sein, was den Ägyptern beim Einbalsamieren  ihrer Mumien geholfen hat, könnte ja auch noch Lebenden helfen. Und ein Ägypter hat angeblich das Geheimnis an Babylon verkauft.

Spannung ist angesagt, aber nicht nur was die lange zurück liegende Vergangenheit betrifft, sondern auch Pauls und Millies aktuelles Leben.

Die Stasi nimmt den Onkel gefangen, Millie sucht ihre verschollene Mutter, jemand entpuppt sich als Verräter –und die Freundschaft der beiden wird auf eine sehr harte Probe gestellt.

Kinder  wissen nichts bis wenig über die jüngste deutsche Vergangenheit, Ute Krause vermittelt mit diesem warmherzigen und spannenden Roman sehr viel über die deutsche Teilung, über das Leben in der DDR und über die Probleme von Westflüchtlingen.

Das ist auf Kind gerechte Art verfasste Geschichte hautnah!

 Ich freue mich wenn Sie Interesse an dem Buch haben und es bei mir in der Buchhandlung Thaer bestellen!

 

Die Kellergeigers suchen eine Heimat

admin 12. Juli, 2016

Jean-Claude Grumberg

Ein neues Zuhause für die Kellergeigers

Illustriert von Ronan Badel

Übersetzung:Edmund Jacoby

ISBN 9783841787223

Verlag: Jacoby & Stuart

12,95 €

Dieses kleine (knappe 90 Seiten) Büchlein hat es mir angetan, und zwar so richtig!

Es sind nicht nur die tollen und witzigen Zeichnungen, die egal ob sie schwarz-weiß oder bunt sind, einfach richtig treffend sind und mich im Stil ein bisschen an die alte (und leider schon verstorbene) Marie Marcks erinnern, die mich begeistern. Nein, es ist noch viel mehr!

Die Geschichte ist schnell erzählt:

Die Kellergeigers sind eine Familie mit vielen Kindern, die alle sehr nett zueinander sind aber sehr arm sind. Sie haben fast nichts, weniger als nichts, aber immerhin schöne Musikinstrumente und sie lieben es gemeinsam Musik zu machen. Doch sie leiden darunter, dass sie in einem Land leben, in dem sie nicht gemocht werden und in dem sie von den Leuten oft vertrieben werden. So sind sie auf der Suche nach einem anderen Land, in dem man sie lieber mag.

Doch warum eigentlich mag niemand die Kellergeigers? Sehr bald finden wir heraus, dass es viele Kellergeigers gibt, nicht nur diese eine Familie und dass sie alle nicht gemocht werden. Warum? Nun ja, die Frauen tragen Kopftücher (oder Hüte oder auch nur Haare auf dem Kopf), die Männer haben schwarze Haare und große Schnauzbärte (oder auch keine), ihre Nasen sind zu rund (oder zu spitz), sie sehen zu ungewöhnlich aus (oder zu normal, das kann man ja auch nicht leiden, wenn jemand zu normal ist). Irgendetwas ist halt immer falsch.

Auf dem Weg zu Grenze geraten sie an einen Kellergeiger, der sie für viel Geld (das sie aber nicht haben, aber - nun ja, eine schöne Geige täte es zur Not auch) über die Grenze bringen möchte. Drüben sei alles viel toller, alle Welt würde die Kellergeigers lieben, die Straßen seien sauber und es gäbe genug zu essen.

Unsere Kellergeiger Familie ist aber nicht blöd und schafft es auch ohne diesen Schlepper (das Wort wird nie benutzt) über die Grenze, einfach indem sie so schöne Schlaflieder spielen, dass die Grenzer in einen angenehmen Schlummer verfallen. Doch drüber angelangt, müssen sie erkennen, dass sie auch dort nicht gemocht werden. Zwar heißen sie dort anders “Violondecave” aber sie sind immer noch zu arm, zu anders und ihre Nasen gefallen auch dort nicht. Sie sollen abgeschoben werden.

Der älteste Sohn wird tatsächlich (wegen unerlaubten Musizierens) abgeschoben und von seiner Familie getrennt. Doch er kommt in ein Land, in dem die Kellergeigers “Cellarfiddlers” genannt werden und auch nicht gemocht werden, aber manche schaffen es doch. Er selbst wird professioneller Musiker und sehr erfolgreich. Doch er vermisst seine Familie. Eines Tages kommt die Familie, die mittlerweile sehr traurig und frustriert - und gar nicht mehr so lieb zueinander sind - auch in dieses Land.

Mittlerweile wurde nämlich in ihrer alten “Heimat” ein Befehl erlassen, dass man allen Kellergeigern ein großes “K” auf die Stirn tätowiert, um sie besser zu erkennen, das wurde dann doch zu viel und sie flohen.

Es kommt - entgegen aller Erwartungen - zu einer glücklichen Wiedervereinigung der Familie - und alle sind froh und freuen sich.

Wie schön! Immerhin handelt es sich ja um ein Kinderbuch - und da schadet es nichts, wenn es ein glückliches Ende hat.

Andererseits versteht jeder Erwachsene, der das liest - und der das hoffentlich gemeinsam mit seinem Kind liest, dass die Kellergeigers wohl für “Fremde” an sich stehen. Vieles erinnert an Sinti und Roma, manches auch an Juden, doch eigentlich ist es unwesentlich, was sie sind, es reicht dass sie anders sind. Man bedenke: mal ist die Nase zu spitz, mal zu rund….

Eine großartige Neuerscheinung, ein wunderbares Buch, das man jeder/jedem ab etwa 10 Jahren schenken sollte - oder einfach als Erwachsene/r selber lesen. Man wird es nicht bereuen!

Sie können das Buch sehr gerne bei mir in der Buchhandlung bestellen.

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