Archiv für die 'Literatur' Kategorie

Überzeugende und politisch brisante Liebesgeschichte

admin 8. September, 2016

Dorit Rabinyan

Wir sehen uns am Meer

Kiepenheuer und Witsch Verlag

 

 

Erst nachdem ich das Buch gelesen hatte, habe ich mitbekommen, dass es in Israel einen heftigen Streit um diesen Roman gibt. Das Bildungsministerium hat das Buch aus dem Lesekanon der Schulen herausgenommen. Es ist also “politisch nicht erwünscht”.

Sehr sonderbar, denn diese Liebesgeschichte zwischen einer Israelin und einem Palästinenser wird konsequent aus der Sicht von Liat, der Israelin, beschrieben. Und diese ist durchaus nicht so offen, sie behandelt Chelmi, ihren “heimlichen Geliebten” - wie sie ihn nennt, nicht immer gut. Für sie steht fest, dass es sich bei dieser Liebe nur um eine zeitlich begrenzte handeln kann, denn zu Hause - in Israel - kann sie unmöglich mit einem Palästinenster ankommen.
Sie verleugnet ihn aber auch in New York immer wieder, wenn sich israelischer Besuch anmeldet beispielsweise. Chelmi hingegen stellt sie seiner Familie vor.

Liat verbringt einige Monate in New York in der Wohnung von Freunden. Der palästinenschische Künstler Chelmi wird ihr von gemeinsamen Freunden vorgestellt. Die beiden verlieben sich sofort und total ineinander. Doch es ist eine Liebe auf Zeit.

 

In meinen Augen liebt Chelmi tiefer und wahrhaftiger, aber Liat scheint ihn nie so ganz ernst zu nehmen. Als tollen Liebhaber - ja sicher, sehr gerne! Auch als jemanden, der ihr die Zeit in New York ganz wunderbar vertreibt, aber als Lebenspartner? Nein, das ist dann doch zu kompliziert.

Die Geschichte hat mich bewegt, der Stil hat mir sehr gut gefallen - lediglich das Ende (das ich hier aber nicht verraten kann) fand ich nicht überzeugend.
Dennoch: sehr lesenswert! Auch gerne in israelischen Schulen….

Bestellen gerne hier: www.thaer.de

Warum musste Boy sterben?

admin 23. Juli, 2016

Wytske Versteeg

Boy

Übersetzerin: Christiane Burkhardt

Wagenbach Verlag

ISBN 978-3-8031-2755-6

240 Seiten

10,90 €

Die junge Autorin war kürzlich in Berlin und ich hatte das Glück, sie aus ihrem gerade erschienen Buch vorlesen zu hören.

Wytske Versteeg wurde 1983 geboren,  sie ist Politikwissenschaftlerin und Essayistin. Eines der Themen mit der sie sich intensiv beschäftigt hatte, ist Obdachlosigkeit, was aber nichts mit dem Inhalt des Buches zu tun hat.

Boy ist ihr zweiter Roman. Frau Versteeg hat schon einige Literaturpreise dafür erhalten und der Roman  wurde  bereits in mehrere Sprachen übersetzt.

Ich fand die Autorin höchst sympathisch, ich liebe ihren Akzent (sie hat auf Deutsch selbst vorgelesen) und ich freue mich sehr über ihre Signatur in meinem Exemplar.

Nun könnte man meinen, dass ich deshalb positiv eingestimmt sei auf das Buch und deshalb weniger kritisch sei. Doch das stimmt nicht, denn ich hatte es schon vor der Veranstaltung gelesen;  mein Urteil ist also unabhängig von persönlicher Sympathie.

Zur „Warnung“ möchte ich vorher schicken, dass es sich um ein sehr trauriges Buch handelt, ich musste tatsächlich immer wieder richtig weinen dabei, aber das verringert ja nicht die Qualität, man sollte als Leser nur wissen, worauf man sich da einlässt.

Ein niederländisches Ehepaar, gut situiert, sie Psychiaterin, er Entwicklungshelfer, adoptieren ein afrikanisches Kind. Boy entwickelt sich jedoch nicht so wie sie sich das erhofft hatten. Er ist ein in sich zurück gezogenes einsames Kind, das keine Freunde hat und sich seinen Eltern immer mehr emotional entzieht.

Boy zieht gerne Frauenkleider an, er stottert und ist auch sonst nicht so, wie man es bei der tatsächlich sehr liebevollen Erziehung erwarten könnte. Bei den Mitschülern ist er außen vor, er wird gemobbt. Inwiefern dahinter auch rassistische Motive stecken, wird im Roman nicht weiter untersucht, doch sicher spielt sein anderes Aussehen auch eine Rolle.

Eines Tages ist Boy verschwunden, aus Sicht der Mutter erleben wir ihre absolute Angst und Panik.

Nach einigen Tagen findet die Polizei seinen Leichnam im Wasser. Die Mutter versucht in Gesprächen mit den Mitschülern herauszufinden, was passiert war, doch alles was sie entdeckt, ist, dass ihr Kind absolut gar keine Freunde hatte. Allein eine Lehrerin, die Leiterin der Theatergruppe, hatte eine gewisse Beziehung zu Boy aufbauen können.

Diese Lehrerin hatte nach Boys Tod gekündigt und war nach Rumänien gezogen, um dort eine Art Aufbauarbeit zu leisten. Boys Mutter forscht ihr nach, reist ihr nach und gibt sich als freiwillige Helferin aus, um sie auszuspionieren. Immer klarer scheint es ihr, dass diese Lehrerin Schuld am Tod ihres Kindes sei.

Wir Leser erfahren einiges über dieses karge Leben in Rumänien, über die Lehrerin (selber eine Außenseiterin) und über die Vorgänge vor Boys Tod.  Die Mutter möchte die Lehrerin töten, das ist ihr eindeutiges Ziel. Es sei aber verraten, dass sie das letztendlich nicht tun wird.

Auch wenn es durchaus einen Spannungsbogen, verschiedene Perspektiven und eine interessante Handlung gibt, liegt für mich das Hauptaugenmerk aber auf der Trauerverarbeitung der Mutter.

Es hilft ihr überhaupt nicht, dass sie Psychiaterin ist, dass sie eigentlich eine gute Ehe führte – nein, durch Boys Tod ist ihr Leben zerstört. Sie kann überhaupt nicht nachvollziehen, warum ihr Mann nach längerer Zeit versucht, wieder auf irgendeine Weise zu leben. Es kommt dadurch zu einer Entfremdung der Ehepartner.

Wenn ich Trauerverarbeitung als wichtigstes Thema nenne, dann meine ich damit aber nicht nur die Verarbeitung (bzw. Nicht-Verarbeitung) von Boy’s Tod, sondern auch die Trauer, die Boy in seinem jungen und kurzen Leben durchleben musste, die Trauer der Eltern, die versuchten ihr Bestes zu geben und immer wieder damit konfrontiert wurden, dass es nicht ausreichte. Die Trauer des Ehemannes um Kind und den Verlust seiner Frau – und nicht zuletzt auch die Trauer der Lehrerin über ihr eigenes Versagen.

Man kann sich die Frage stellen, warum man eigentlich ein gar so trauriges Buch überhaupt lesen sollte?

Nun, weil es ausgezeichnet geschrieben ist, weil es einen von Anfang an in seinen Bann zieht, weil man mitlebt und mitleidet. Einfach: weil sich die Lektüre auf alle Fälle lohnt!

Sie können das Buch gerne bei mir in der Buchhandlung Thaer bestellen, Ich würde mich freuen!

Familiengeschichte zwischen Iran und Deutschland

admin 17. Mai, 2016

Shida Bazyar
Nachts ist es leise in Teheran
Kiepenheuer und Witsch Verlag
19,99€

Shida Bazyar gelingt mit ihrem Debütroman gleich ein großer Wurf.

Sie wurde 1988 in Hermeskeil / Rheinland- Pfalz geboren, ist in Brandenburg als Bildungsreferentin tätig und lebt in Berlin.
In ihrem Buch erzählt sie von einer iranischen Familie, die kurz nachdem Chomeinis Gottesstaat an die Macht kam, nach Deutschland geflohen war.
In jedem Kapitel schildert ein anderes Familienmitglied aus seinem Blickwinkel heraus seine jeweils eigene Geschichte.
Behsad war ein Linksintellektueller, ein Kommunist, der sich politisch gegen den Schah engagiert hatte. Nach dem Sturz des Schahs war die Freude groß, doch sie währte leider nicht lange. Als sich abzeichnete, dass alle Oppositionellen außer den religiösen Anhängern Chomeinis verfolgt und als sein bester Freund inhaftiert wurde, beschlossen er und seine Familie ins Exil zu gehen.
Nahid, seine literaturbegeisterte Frau, erzählt den nächsten Abschnitt. Das Leben in Deutschland mit deutschen Freunden, der auch kritischen Betrachtung anderer Exiliraner, sowie ihr Heimweh nach Iran wird von ihr sehr vielschichtig beschrieben.
In den folgenden Kapiteln, die oft Jahre dazwischen auslassen, erschließt sich dem Leser das Leben der Kinder des Paares. Besonders beeindruckend gerät die Beschreibung eines Besuchs in Teheran aus Sicht der jugendlichen Laleh. Auch die gescheiterte grüne Revolution 2009 spielt eine nicht unwesentliche Rolle.
Vor unseren Augen entsteht so ein berührender Familienroman, ein Liebesroman und gleichzeitig auch politischer Roman über Themen wie Unterdrückung, Widerstand und Freiheitsliebe.
Mit ihrem schnörkellosen, schlichten und flüssigen Stil schreibt sich Shida Bazyar mühelos in Kopf und Herz der Leser ein.
Ein wundervolles Debüt!

Gerne können Sie das Buch bei mir in der Buchhandlung bestellen

Silvia Tenbricks Leben als Füchsin

admin 19. April, 2016

David Garnett

Dame zu Fuchs

Übersetzerin: Maria Hummitzsch

Dörlemann Verlag

17 €

David Garnett (1892 – 1981) war ein britischer Schriftsteller und Verleger. Er gehörte zur berühmten Bloomsbury -
Group, dem literarischen Kreis um Virginia Woolf.

Die Tebricks sind ein junges, frisch verheiratetes und sehr verliebtes Paar, sie wohnen auf einem schönen ländlichen Anwesen in Oxfordshire.

Bei einem Waldspaziergang geschieht das Unmögliche: der junge Ehemann dreht sich zu seiner Frau um und sieht an deren Stelle eine Füchsin.

Er ist zwar verzweifelt, nimmt sie aber auch in der neuen Gestalt weiterhin als seine geliebte Ehefrau an. Er liebt sie, kümmert sich um sie, versteckt sie zu Hause, entlässt die Dienstboten, kleidet sie an, liest ihr vor und trinkt mit ihr gesittet Tee. Silvia, die nun eine Fähe ist, lässt durch ihr Verhalten erkennen, dass sie für seine Zuwendung dankbar ist und ihn ebenfalls noch liebt.

Doch die langsame Verwilderung Silvias ist nicht aufzuhalten, Richard muss sie letztendlich in die Wälder ziehen lassen. Aber auch dort besucht er sie und ihre Jungen, die sie mit einem „Rivalen“ bekommen hat, oft und beginnt auch die jungen Füchse zu lieben. Wird Richard, der ebenfalls zunehmend verwildert, was  wir als Leser schneller bemerken als er selbst, letztendlich auch zum Tier werden?

Garnett schrieb dieses Buch bereits 1922, es begeistert mich besonders wegen seiner eleganten ausgefeilten Sprache, doch noch mehr wegen seiner fantastisch surrealen Geschichte.

Man kann sich einfach nur freuen, dass „Lady into Fox“ wieder  - und noch dazu in einer wunderschönen Leinenausstattung – neu veröffentlicht wurde.

Eine echte Entdeckung!

Elvira Hanemann

 Bestellen können Sie das Buch gerne bei mir in der Buchhandlung Thaer

Erschlagt die Armen!

admin 5. März, 2016

Shumona Sinha,

Erschlagt die Armen!

Übersetzerin: Lena Müller

Edition Nautilus

18 €

 

Shumona Sinha, geboren 1973 in Kalkutta, lebt seit 2001 in Paris. Bis zur Veröffentlichung  ihres in Frankreich bereits 2011 erschienen  Buches arbeitete sie als Übersetzerin in der Asylbehörde. Wegen des Romans verlor sie ihre Stelle.

 

Eine junge Frau, Dolmetscherin, schlägt einen Migranten in der Metro mit einer Flasche blutig. Sie wird verhaftet und soll in der Zelle einem Vernehmer, der nur K. genannt wird, die Gründe für ihre Tat erklären.

Da ihr der Grund selbst nicht klar ist, versucht sie sich und K. von ihrer Arbeit und ihren daraus resultierenden widersprüchlichen Gefühlen  zu erzählen.

Sie hört sich Tag für Tag die Elendsgeschichten der Menschen an, die in Frankreich um Asyl ersuchen. Geschichten von Gewalt, Bedrohung, politischer Verfolgung und Todesangst. Ihre Aufgabe ist es, genau zu übersetzen. D och wenn sie diese Aufgabe erfüllt, wird sie von den Migranten und deren Anwälten als Verräterin angesehen. Verräterin, weil sie selbst eine dunkle Hautfarbe hat, weil sie solidarisch mit den Geflüchteten sein müsste.

Doch nicht alle Geschichten, die erzählt werden sind wahr. Vieles ist auswendig Gelerntes, das ihnen die Menschenhändler eingetrichtert haben und einiges hält genaueren Nachfragen nicht stand.

Der jungen Frau ist klar, dass sich diese Menschen in einer schrecklichen Lage befinden, dass sie sich gezwungen sehen zu lügen, doch sie ist hin – und hergerissen zwischen Mitleid, Ekel und der Sehnsucht danach, nichts mehr mit diesem Konglomerat an Armut, Elend, Lügen und Verrat zu tun zu haben.  Sie selbst wird immer unglücklicher in dieser Arbeit, bei der sie zwischen allen Fronten steht.

Bei  einem Zusammenstoß  in der Metro eskaliert ihre Wut und ihr Zorn auf gewaltsame Weise.

 

Shumona Sinha schreibt wortgewaltig, schön  und poetisch.

Inhaltlich ist es ein ehrliches Buch, eines das die vielen Facetten der Flüchtlingsproblematik nicht in ein Schwarz-Weiß-Schema presst, sondern klar macht, dass es viele Wahrheiten gibt.

 Der Titel soll nicht etwa ein Aufruf zur Gewalt sein, sondern es ist ein Zitat aus einem Gedicht von Charles Baudelaire.

Sehr lesenswert!

Sie können es gerne bei mir in der Buchhandlung bestellen

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