Archiv für die 'Literatur' Kategorie

Die englische Queen und die Lust am Lesen

admin 4. September, 2008

 In der sehr schön gestalteten Salto Reihe des Wagenbach Verlags ist ein wunderbares neues Bändchen erschienen, das auf keinen Fall übersehen werden darf! Bennett hat sich in seinem neuen Roman eine ganz besondere Hauptfigur ausgesucht: Queen Elizabeth. Wie diese steife und eher trockene Dame plötzlich mit aller Leidenschaft der Literatur verfällt, lieber auf der Couch liegt und Romane liest und diese mit allen Beratern und Staatsbesuchen besprechen will anstatt Staatsangelegenheiten zu regeln, das ist einfach köstlich! 

 Alan Bennett wurde 1934 in Leeds geboren. Er, der Sohn eines Metzgers ist einer der erfolgreichsten englischen Dramatiker. Darüber hinaus ist er auch noch als Regisseur und Schauspieler tätig. Viele seiner Bücher sind ins Deutsche übersetzt worden, im Wagenbach Verlag erhältlich sind derzeit noch vier weitere Titel. 

Die Queen ist – wie man weiß – eine äußerst pflichtbewusste Dame, die ihr Leben lang die ihrem Amt auferlegten Aufgaben wenn auch nicht immer mit Begeisterung, so dennoch mit der inneren Befriedigung derjenigen, die wissen ihre Arbeit ist nützlich, erfüllt hatte. Dass sie dabei immer absolut korrekt gekleidet war, mit fast preußisch zu nennender Haltung und einem freundlichen, aber kalkulierbaren Lächeln auf den Lippen, ist selbstverständlich. Was ist nur geschehen, dass sie nun mit einer Strickjacke, die ihre Zofe insgeheim als „ein Verbrechen“ bezeichnet umherläuft und sie sich so oft wie möglich den Gesprächen mit ihrem Berater entzieht und auch ihren Repräsentationspflichten nicht mehr ganz so pünktlich und immer unlustiger werdend nachgeht? Es soll sogar vorgekommen sein, dass sie ab und an ohne krank zu sein, Unwohlsein vortäuscht. Diese Besorgnis erregenden Veränderung begann mit einem banalen Anlass: die unfolgsamen Corgis der Queen liefen mal wieder davon und als die Queen sie wieder einfing, kam sie vor einem Bücherbus zu stehen ganz in der Nähe ihres Palastes. Von einem Bücherbus wusste sie bislang nichts, doch da sie ein höflicher Mensch ist, fühlte sie sich bemüßigt, sich ein Buch auszuleihen. Als ungeübte Leserin versuchte sie sich an einer trockenen und schwierigen Lektüre. Als sie das Buch zurückzubringen wollte, stieß sie wieder auf den gleichen Küchenjungen der schon beim letzten Mal lesend im Bus saß. Sie bat ihn um Hilfe bei der Auswahl der Lektüre. Auch wenn die persönlichen Vorlieben des Küchenjungen eher danach ausgerichtet waren, ob der Autor schwul war oder nicht, entpuppt sich doch der Gedankenaustausch zwischen ihm und der Queen als so fruchtbar, dass sie ihn zu ihrem persönlichen Pagen ernennt. Seine Hauptaufgabe besteht in der Auswahl der Lektüre der Königin und den gemeinsamen Gesprächen über Gelesenes. Ja, die gute alte Elizabeth, die sich nie fürs Lesen interessiert hatte, tut nun praktisch nichts anderes mehr. Natürlich erfüllt sie weiterhin ihre unabdingbaren Aufgaben, aber jede freie (und auch manche nicht freie) Minute wird zum Lesen genutzt. Es ist selbstverständlich, dass sich so ein „Hobby“ auf den ganzen Menschen auswirkt. Doch nicht nur die Queen selbst ist davon betroffen, sondern ihr Hofstaat, die Regierung, ihre Berater und in gewisser Weise auch das Volk. So kann es nicht weiter gehen! (Das meinen zumindest einige sehr einflussreiche Personen). Ein Spiel der Intrigen beginnt. Doch die Queen wird alle an ihrem 80. Geburtstag noch ordentlich überraschen! ==Stil:== Alan Bennett schreibt in einem sehr amüsanten und leichtfüßigen Stil. Er besitzt einen Humor, der einen zwar nicht zu Schenkel klopfenden Lachanfällen hinreißt, doch muss man bei der Lektüre immer wieder schmunzeln und ab und an auch in sich hinein kichern. Herrlich sind die kleinen Spitzen, die er austeilt, die wie nebenbei die Politik und die „bessere“ Gesellschaft kritisieren. ==Meine Meinung:== Mit seinem roten Leineneinband, dem praktischen und schönen Lesebändchen, der guten handwerklichen Verarbeitung und dem gelungenen Foto auf dem Cover lädt das Buch schon vom sinnlichen Aspekt her zum Lesen ein. Ein witziges, kluges und anspruchsvolles Büchlein das zudem noch Lust auf weitere Lektüre macht. Nicht nur auf weitere Lektüre dieses Autors, sondern auch auf einige der Bücher, die auf der Leseliste der Queen standen. ==Fazit:== Die ideale Lektüre für zwischendurch für jeden Bücherfreund, jeden Liebhaber skurrilen englischen Humors und ein ideales Geschenk für jeden Menschen, der ein wenig an Literatur interessiert ist. Möglicherweise ist es ein noch idealeres Geschenk für liebe Menschen, die man noch – ganz subtil - auf den Geschmack bringen möchte.

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Der große alte deutsche Schriftsteller überzeugt wieder

admin 11. July, 2008

Siegried Lenz  „Schweigeminute“

Hoffmann und Campe Verlag 15,95 €

Der große deutsche Schriftsteller Siegfried Lenz hat mit 82 Jahren seine erste Liebesgeschichte geschrieben. Der Gymnasiast Christian erinnert während der Trauerfeier für seine verstorbene Lehrerein Stella die kurze Zeit ihrer heimlichen Liebe. Christian verliebte sich in seine Englischlehrerin; die Erwiderung seiner Gefühle erscheint nicht nur dem Schüler sondern auch dem Leser als unausweichlich. Lenz problematisiert die verbotene Liebe zwischen minderjährigem Jungen und erwachsener Frau nicht.

Sicher könnten alle Beteiligten wissen, dass sich so eine Liebe nicht lange geheim halten lässt, dass sie schwierig ist, dass eine gemeinsame Zukunft unmöglich ist, aber all das wird nur in Nebensätzen angedeutet. Wie Gefühle so stark sein können, wie zwei Menschen sich so zueinander hingezogen fühlen, dass sie gar nicht ernsthaft widerstehen können, das beschreibt Lenz mit einer konsequenten und überzeugenden Klarheit.

Nach nur kurzer Zeit dieser gerade aufgeblühten Liebe wird Stella durch ein Bootsunglück aus dem Leben gerissen, Christian soll auf der Trauerfeier sprechen, doch er erinnert sich lieber im Stillen an sie.

Lenz ist ein Meister der Sprache - er versteht wirklich sein „Handwerk“: das Schreiben!

In der Beschreibung von Gefühlen und Zwischentönen beherrscht er die Kunst der zarten Andeutung, einer fast hin getupften Beiläufigkeit, die gerade durch ihre leichte Lakonie Emotionen nachvollziehbar macht. Bewundernswert finde ich die Genauigkeit, die Ernsthaftigkeit und den Respekt für seine Helden - noch bewundernswerter, dass er dennoch eine fast heiter zu nennende Leichtigkeit beibehält. Liebe, Freude, Verlust und Trauer - um mehr geht es nicht, doch das genügt vollkommen!

Ein literarisches Kleinod!

 

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Preis der Leipziger Buchmesse 2008- Leipziger Nachtgestalten

admin 1. June, 2008

Daten:
Clemens Meyer
„Die Nacht, die Lichter“
Fischer Verlag

ISBN 9783100486011
18,90€
Clemens Meyer wurde 1977 in Halle geboren, heute lebt und schreibt er in Leipzig. Nach seinem Abitur schlug er sich als Hilfsarbeiter durch, als Möbelpacker, Bauhelferund im Wachschutz. 1998 studierte er am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig . 2002 erhielt er ein erstes Stipendium, 2003 ging er als Sieger des MDR Literaturwettbewerbs hervor.
2006 erzielte er mit seinem Debütroman „Als wir träumten“ bereits einen Achtungserfolg: Er wurde damals von vielen schon als Sieger im Klagenfurter Ingeborg Bachmann Wettbewerb gesehen, aber das war etwas voreilig.

Meyers Nachtgeschichten, sein 2. Buch spielen in der Welt der Loser, derjenigen, die auf der Schattenseite des Lebens stehen. Drogensüchtige, Einsame,Alkoholiker, Kriminelle, Asylanten, aber auch einfach arme Menschen, Hartz IV-Empfänger sind die Protagonisten der 15 Geschichten.

Ob es der Traum eines schwarzen Boxers ist, eine Boxschule zu eröffnen, was ihm, der sich immer weiter vermarkten lassen muss, aber nicht gelingt oder die Geschichte über die Verzweiflung eines alten Mannes, der sich die notwenige OP seines Hundes nicht leisten kann, diese Stories erschüttern, gehen einem sehr nahe. Ein Typ, der Schwule erpresst, ein völlig abgedrehter Mann, der schließlich seine über alles geliebte Freundin töten wird oder der süchtige Künstler, alle der vorgestellten Menschen berührten mich tief.

Am meisten bewundere ich aber, wie Meyer es versteht, den Sprachlosen Sprache zu verleihen.

Meyer kennt sich aus in diesem Milieu, er ist nahe bei seinen Figuren. Als Leser denkt man unwillkürlich, dass der Autor zu den Menschen gehört(e), die selbst nahe am Abgrund stehen oder besser standen.

Jede Geschichte aus diesem Buch ist so eindringlich, so nahe gehend, dass ich es nicht in einem Zug lesen konnte, das Gelesene musste erst verdaut werden, bevor ich wieder aufnahmebereit war.

Meyer balanciert gekonnt und elegant zwischen Nähe und Distanz, die Konstruktion seiner Stories ist ebenso bewundernswert wie seine Kunst, Interesse zu wecken am Schicksal von Menschen, für die man sich normalerweise nicht so interessiert. Er zeigt dem Leser eine Parallelwelt, die nicht wirklich weit weg ist, es scheint nur so.

Clemens Meyer ist eine echte Bereicherung der jungen deutschen Literatur!

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Buchhandlung Thaer

Der Deutsche Buchpreis 2007 geht an Julia Franck für “Die Mittagsfrau”

admin 15. October, 2007

Julia Franck ist als Siegerin um den heiß umkämpften Deutschen Buchpreis 2007 hervorgegangen mit ihrem nunmehr fünften Buch „Die Mittagsfrau“.
Ich freue mich darüber ganz besonders, denn ich lese Julia Franck schon seit 1995, als sie mir einmal als Siegerin in einem „Open – Mike“ Wettbewerb mit einer skurrilen Kurzgeschichte angenehm auffiel.
Bisher hat mir alles, was sie schrieb, gut gefallen, aber ihr neues Buch ist in meinen Augen ihr bestes: stilistisch sicher, eine gute Story mit emotionaler Tiefe erzählt, viel Zeitgeschichte darin und so geschrieben, dass man als Leser „mitgeht“.
Die Hauptfigur ist Helene, ein junges Mädchen aus Görlitz, deren Vater eine kleine Druckerei besitzt, die Mutter - sie ist Jüdin – erkrankt nach einigen Fehlgeburten an einer schweren Depression und erweist sich ihren beiden Töchtern gegenüber als liebesunfähig.
Der Vater kehrt aus dem 1. Weltkrieg schwer beschädigt zurück und hinterlässt den beiden Mädchen bald nichts weiter als ein marodes Unternehmen.
Den Schwestern, die ein sehr inniges Verhältnis zueinander haben, gelingt es, zu einer wohlhabenden Tante nach Berlin zu ziehen, wo sie am Bohemeleben der Weimarer Republik teilnehmen. Beide verlieben sich, die ältere Schwester in eine Jugendfreundin, Helene selbst in einen jungen Studenten.
Doch die Geschichte geht nicht gut aus…
Der Krieg kommt, Helene heiratet einen Nazisympathisanten, der ihr – die als Halbjüdin gefährdet ist – Schutz bietet, sie aber bald mit dem gemeinsamen Sohn alleine lässt.
Helene kommt mit dieser Situation und den Kriegswirren nicht klar und tut etwas Unerhörtes: sie verlässt ihr Kind.

Diese Geschichte fesselt an sich schon sehr, doch Julia Franck gelingt es durch ihren leisen, präzisen Ton, durch ihre sehr sinnliche Erzählweise zudem, dass man nicht einfach nur durch den Verlauf der Ereignisse interessiert bleibt, sondern dass das Lesen zum literarischen Genuss wird.
Ein psychologisch sehr einfühlsamer, obwohl ans Herz gehender dennoch niemals in die Nähe des Kitsches geratender Roman, dem ich die Auszeichnung als „bester deutschsprachiger Roman des Jahres 2007“ von ganzem Herzen gönne!
Die Mittagsfrau gibt es jetzt auch als Hörbuch: Allgemeine Infos zu Hörbüchern

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Düsteres grandioses Endzeitdrama

admin 1. October, 2007

Cormac McCarthy
„Die Straße“

Ein Buch, das tief in der Seele haften bleibt, ein Buch, das man wohl nie mehr gänzlich vergessen kann, die Gedanken daran zur Seite, das schon, aber es gibt Szenen, die bleiben werden.
Ein Vater und ein Sohn gehen eine Straße entlang nach Süden, Ziel ist das Meer.
Zeit: in einer nahe erscheinenden Zukunft, nach einer großen Katastrophe, höchstwahrscheinlich nach einem atomaren Unfall, Genaues wird nie gesagt.
Ort: wahrscheinlich die USA.
Der Vater, der immer nur „der Mann“ und sein Sohn, der nur „der Junge“ genannt werden sind zwar nicht die letzten Überlebenden im Land (oder auf der Erde?), aber all zu viele Menschen gibt es nicht mehr. Es erscheint eher verwunderlich, dass etwa 8 Jahre danach (so alt dürfte der Junge, der kurz nach dem „Ereignis“ geboren wurde sein) überhaupt noch Menschen unterwegs sind. Denn es gibt kein Leben sonst mehr: keine Tiere, keine wachsenden Pflanzen, rein gar nichts. Die beiden ernähren sich von alten Konserven, die sie ab und zu noch in verlassenen Häusern finden. Doch auch diese Häuser sind meist schon geplündert.
Der Vater ist krank, der Sohn stark unterernährt, dennoch: die beiden leben noch!
Und sie haben ein Ziel: das Meer! Sie hoffen, es sei blau – was genau sie dort erwarten, keiner weiß es.
Die seltenen Begegnungen mit anderen Menschen sind meist unangenehm und manchmal höchst gefährlich, immerhin ist Menschenfleisch noch eine Möglichkeit der Nahrungsaufnahme…
Die Hoffnung des Jungen, es müsse doch noch irgendwo andere „Gute“ geben kollidiert mit dem Sicherheitsbedürfnis des Vaters, der sein Kind vor entmenschlichten Überlebenden „den Bösen“ schützen möchte.
Die Atmosphäre des Buches ist düster, hoffnungslos und beklemmend. Man fragt sich, warum die beiden eigentlich überhaupt weiter machen.

McCarthy schreibt in einem kargen und äußerst knappen Stil. Der größte Teil der Handlung besteht aus banaler Suche nach Essen, Wasser, Kleidung und Schutz vor Kälte. Die Dialoge sind knapp und wiederholen sich oft in ähnlicher Weise.
Die wenigen „Höhepunkte“ ragen dafür umso erschütternder hervor.
Oft liest man, ein Schriftsteller schreibe in einer „verknappten“ Sprache, er hätte einen „minimalistischen“ Stil – nun, wer dieses Buch liest, versteht endlich, was damit gemeint ist.
Selten habe ich einen Roman gelesen, der mit so wenigem so viel erzählt.
Der Leser denkt sich die Details selber weiter, er schreibt den Roman im Kopf fort.

Die Kunst McCarthys kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden: er ist ein absoluter Meister, der in einer glasklaren, kalt anmutenden Sprache so schreibt, dass einem der Atem stockt und das Herz manchmal schier stehen bleibt!
Ganz große Literatur!

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