Archiv für die 'Literatur' Kategorie

Feuchtwanger, Brecht und das kalifornische Exil

admin 21. June, 2011

Klaus Modick „Sunset“
Eichborn Verlag 18,95 €
ISBN:9783821861173
Klaus Modick, 1951 in Oldenburg geboren, studierte Germanistik, Pädagogik und Geschichte, in Literaturwissenschaften promovierte er über Lion Feuchtwanger. Die Liebe zu diesem Schriftsteller verließ ihn nie und bringt uns Leser nun das große Vergnügen diesem in „Sunset“ wieder zu begegnen.
Modick ist seit 1984 ausschließlich  als Schriftsteller und Übersetzer tätig.
In der Doppelbedeutung des Wortes „Sunset“ das zugleich auf die Sunset Boulevard in Hollywood anspielt wie auf den Lebensabend, den Sonnenuntergang des Lebens, wird schon das Geschehen in etwa umrissen. Modick schildert nur einen einzigen Tag im Leben des alten Lion Feuchtwanger. Bei Sonnenaufgang erhält dieser ein Telegramm von J.R. Becher mit der Nachricht, dass Brecht gestorben ist und einer Einladung zum Begräbnis.

Feuchtwanger ist an diesem Tag im Jahre 1956 allein zu Hause in seiner luxuriösen Villa in Hollywood, seine Frau Martha ist unterwegs.
Er reflektiert seine Freundschaft mit Brecht und hält innere Zwiegespräche mit dem zu früh verstorbenen Freund. Sehr viel unterschiedlicher wie diese beiden Männer – die sich bis zum Schluss immer noch siezten – kann man gar nicht sein: der provokante, freche und oft unverschämte, aber geniale Brecht, der statt zu bitten immer fordert auf der einen Seite. Auf der anderen Seite der disziplinierte, sehr erfolgreiche Feuchtwanger, der sich immer bewusst ist, dass er im Glück lebt und deshalb von seinem Glück abzugeben bereit ist.

Wie es den beiden gelingt, trotz allem – auch trotz der heimlichen Zuneigung Brechts für Feuchtwangers schöne Frau Martha – gute Freunde zu werden und zu bleiben, das erschließt sich dem Leser nur annähernd. Gerade das macht das Buch so reizvoll, dass es nicht alles erklärt und nicht alles ergründet, dass es seinen Protagonisten – über die man sowieso meint schon nahezu alles zu wissen- noch Freiraum lässt.

Zeitgeschichtlich und politisch Interessantes wie die Gründe ins Exil nach Kalifornien zu gehen, die Flucht vor den Nazis, die mühevolle Arbeit im Exil irgendwie „anzukommen“, die beklemmende Politik der McCarthy-Ära mit ihrer hysterischen Kommunistenjagd bringt Modick en passant ins Gedächtnis zurück. Was der Verlust von Heimat gerade auch für literarisch Arbeitende bedeutete, wird eindringlich artikuliert.

Auch die anderen berühmten literarischen Exilanten wie Thomas und Heinrich Mann, dessen Frau Nelly, Erika Mann, Franz Werfel und dessen Frau Alma Mahler-Werfel finden Eingang in den Roman, aber im Mittelpunkt steht die Beziehung Feuchtwanger – Brecht.

Feuchtwanger wird als der gütige, hilfsbereite Mensch, der vielen Exilanten finanziell und mit Zuspruch geholfen hat und der wohl auch wirklich so war mit all seiner Intelligenz, seinem Fleiß und seiner Liebe zu seiner Frau Martha respekt- und liebevoll geschildert. Man spürt dass Modick diesen Schriftsteller unheimlich schätzt.

Dem Roman merkt man nichts von der Trockenheit, dem wissenschaftlichen Anspruch, die man von einem, der über das Thema seine Promotionsarbeit geschrieben hatte, befürchten kann, an. Im Gegenteil liest sich das – sowieso nicht sehr dicke – Buch absolut flüssig und leicht. Man kann es locker an einem Sunset auslesen und dann das Gefühl haben, sich sowohl gut unterhalten zu haben wie auch etwas dazu gelernt.

Literarische Spielereien oder anspruchsvolle stilistische Verschränkungen oder gar wilde Zeitsprünge – das sind Modicks Sache nicht, nein er schreibt hier klar und verständlich und im Ton dem Thema angemessen.

Auch das Cover des Buchs ist sehr ansprechend und schön gestaltet.

Für mich – die mir diese beiden Schriftsteller von früher Jugend an am Herzen liegen – war das Lesen von Modicks Roman eine Art freudiges Wiederfinden.
Ich bin sicher, dass das Buch gerade für Menschen, die wenig oder gar nichts wissen über das kalifornische Exil der deutschen Literaten und die Feuchtwanger oder Brecht eher nur dem Namen nach kennen, ein sehr guter Einstieg ist.
Man braucht keinerlei Vorkenntnisse (sie schaden aber auch nicht) um dem Inhalt folgen zu können.
Die Jahre der deutschen Schriftsteller im Exil werden oft geschildert , so zuletzt in Michael Lentz „Pazifik Exil“ (auch ein gutes Buch!) aber Modick gelingt wieder eine ganz eigene Variante, weil er sich auf die Person Feuchtwangers konzentriert – aus dieser Konzentration entsteht dann aber doch auch der Abriss einer ganzen Welt.

Ich wünsche nicht nur dem Roman „Sunset“ einen großartigen Erfolg, sondern hoffe auch, dass er dazu beiträgt, Feuchtwanger selbst wieder in den Mittelpunkt zu stellen.

Das Buch kann gleich hier bestellt werden:

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Philip Roth’s “Nemesis” - wieder ein Meisterwerk!

admin 10. February, 2011

Philip Roth „Nemesis“Übersetzer: Dirk van GunsterenISBN 9783446236424Hanser Verlag  18,90 € Original:„Nemesis“ Random HouseISBN 978022408953119,30 € 

Philip Roth wurde 1933 in Newark, New Jersey als Sohn einer gutbürgerlichen jüdisch- amerikanischen Familie geboren. Mittlerweile ist er der Träger aller wichtigen amerikanischen Literaturpreise, so z.B. des PEN-Faulkner Awards, des National Book Awards und des Pulitzerpreises und vieler internationaler Preise. Er gehört unstrittig zu den höchstrangigen zeitgenössischen Schriftstellern des 20. und 21. Jahrhunderts.

Es fehlt nur noch der Nobelpreis, den er aber allemal verdient hat und auf den ich immer noch für ihn hoffe.
Nach zwei gescheiterten Ehen lebt er heute allein  auf einer Farm in Connecticut.

Wie nahezu alle seiner Romane spielt auch dieser im kleinen Städtchen Newark in New Jersey im jüdischen Milieu.Der junge Lehrer Bucky Cantor nimmt seinen Sommerjob, die Beaufsichtigung eines Sportplatzes im jüdischen Viertel von Newark sehr ernst. Er liebt Kinder, er liebt Sport und er versteht es, die ihm anvertrauten jungen Menschen zu motivieren, ihnen soziales Verhalten beizubringen wie auch die Ordnung auf dem großen Platz einigermaßen aufrecht zu halten. Er ist beliebt, er kann etwas und ist zufrieden mit sich und der Welt. Zwar vermisst er seine Freundin, die als Leiterin eines Sommercamps ebenfalls mit Kindern und Jugendlichen unterwegs ist, doch sonst fehlt nicht viel zum absoluten Glück.Wir befinden uns im Jahr 1944, der 2. Weltkrieg ist im vollen Gange, Bucky bedauert, dass er seinen Teil zum Gelingen des Kriegsausganges nicht leisten kann, gerne wäre er – wie die meisten Gleichaltrigen – Soldat geworden, doch seine Kurzsichtigkeit hielt ihn davon ab. Umso größer ist sein Pflichtbewusstsein, die ihm zu Hause gestellte Aufgabe optimal zu erfüllen. Doch da bricht mitten in der Gluthitze des Sommers eine Epidemie aus: Kinderlähmung! Sind am Anfang noch wenige Kinder betroffen, davon aber einige, die Bucky besonders am Herzen lagen, breitet sich die Krankheit immer schneller aus. Keiner weiß, wie das richtige Verhalten aussehen sollte: soll man die öffentlichen Sportplätze schließen oder ist es eher besser, normal weiter zu machen, keine Panik aufkommen zu lassen und die Kinder an die frische Luft zu lassen? Buckys Freundin drängt ihn aus Angst um ihn, zu ihr in das Sommercamp zu kommen, eine Stelle als Sportlehrer sei gerade frei geworden. Bucky kämpft mit sich, seinem Pflichtbewusstsein, seiner Liebe und entschließt sich letztendlich, das Angebot anzunehmen.  Doch das Gefühl, „seine“ Kinder hier in der Stadt verlassen zu haben, verfolgt ihn, es ist leider nicht das einzige was ihn verfolgt. Polio macht nicht halt hinter den unsichtbaren Grenzen des jüdischen Viertels von Newark, auch wenn einige Rassisten die besonders hohe Quote dort als Gottes Strafe ansahen. Es ist schwer, ohne zu viel zu verraten, weiter über den Inhalt zu sprechen, so viel sei mir dennoch noch gestattet:Es geht darum, wie sehr ein Einzelner Einfluss auf sein Schicksal hat, wie ehrlich Liebende zueinander sein können und sollen und wie man mit der Härte des Lebens zurecht kommt  – und ob das überhaupt geht. Klingt zu allgemein? Möglich, aber alles was ich konkret nennen könnte, nähme zu viel vom Inhalt vorweg.Philip Roth ist ein grandioser Stilist. Seine Sprache ist ein Genuss, er ist jemand, der es versteht ohne manieristische Spielereien so zu schreiben, dass es zwar irgendwie „einfach“ bleibt, aber nie flach oder platt. Er nimmt seine Charaktere ernst, aber auch die Themen, um die es ihm geht. Niemals schreibt er etwas nur so hin, damit ein bestimmtes Gefühl nur angedeutet wird, nein, alles hat seinen Sinn. Sehr angetan war ich mal wieder von der Konstruktion des Romans. Hier wird irgendwann noch im ersten Drittel des Buches eine Ich-Stimme auftauchen, von der man erst am Ende erfährt, um wen es sich handelt. Sie tritt nicht oft in den Vordergrund, aber immerhin doch so oft, dass zusätzliche Spannung erzeugt wird. Obwohl es nicht wirklich um „Spannung“ im Sinne von „suspense“ hier geht, aber er weiß einfach, wie man ein vielschichtiges Werk noch ein wenig vielschichtiger macht.

Großartig auch wieder seine Fähigkeit, obwohl er so viele Details beschreibt, dennoch nichts Überflüssiges, kein Geschwafel hineinzubringen. Wieder – wie schon in einem seiner absolut besten Romane „Empörung“ – handelt es sich um ein verdichtetes, relativ kurzes Buch, in dem dennoch eine ganze Welt enthalten ist.

 Welche Ausmaße die Polio-Epidemie annahm, was sie für die Betroffenen bedeutete, das alles hatte ich bisher überhaupt nicht gewusst. In meiner Kindheit liefen schon noch Kinder mit Lähmungen und Deformationen umher, von denen ich wusste, dass sie an Kinderlähmung erkrankt waren, doch war mir absolut nicht bewusst, wie gefährlich, wie weit verbreitet und wie oft es nicht „nur“ Lähmungen waren, die die Krankheit bewirkten, sondern der Tod.So schließt Roth zwar hier auch eine historische Bildungslücke meinerseits, aber das hätte ich auch einfacher haben können. Was mich hier so betroffen machte, war die eindringliche Art, mit der er sich einer der Urängste der Menschheit, die Angst vor Epidemien, annimmt. So detailliert und genau er in jedem seiner Bücher auf menschliche Eigenheiten eingeht, so klar er Charaktere in all ihren Widersprüchen zeichnet, so genau zeichnet er auch hier das langsame Anschwellen der Angst bis zu ihrem Höhepunkt nach. Das ist ergreifend, beängstigend und unheimlich!   Die Liebesbeziehung von Bucky und seiner Freundin endet auf eine Weise, die ich nicht so vorausgesehen hätte, das Verhältnis der beiden und überhaupt Buckys feste Einstellung zum Leben auch in anderer Hinsicht ist nicht so, dass ich es teile, es geht also weniger darum, wie „sympathisch“ Bucky uns nun ist, sondern um diese gewisse Ausweglosigkeit, in der sich Menschen befinden. Wie der Einzelne damit umgeht, wie Menschen sich Schicksalsfragen stellen – das sind Grundthemen des Lebens, wie sie nur selten jemand so tief und bewegend wir Philip Roth bearbeitet. Alter Mann, nur weiter so!  Irgendwann kommt der Tod, aber vielleicht vorher doch noch der Literaturnobelpreis!

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Die Geschichte einer kleinen Stadt am Rande eines Indianerreservats

admin 21. May, 2009

Louise Erdrich „Solange du lebst“ Insel Verlag  22,80 €  Die amerikanische Schriftstellerin Louise Erdrich dürfte durch ihren Erfolgsroman „Die Rübenkönigin“ in Erinnerung sein oder vom „Club der singenden Metzger“. Doch was ihr mit dieser Neuerscheinung gelingt, bezeichnet nicht nur Philip Roth als ein „Meisterwerk“, auch ich halte es für ein solches.

Erdrich, geb. 1954 in Minnesota, ist mütterlicherseits Indianerin, väterlicherseits stammt sie von deutschen Einwanderern ab. Viele ihrer Bücher bewegen sich in der Welt der Indianer und zeigen ohne mystischen Schmus, ohne herablassendes Gutmenschentum faszinierende Einblicke in diese uns fremde Welt. Erdrich ist „nebenbei“ auch noch Besitzerin eines unabhängigen Buchladens in Minneapolis. Sie lebt mit ihrem Mann, zwei eigenen und drei adoptierten Kindern In Cornish/ Minnesota. Die Handlung setzt mit einer grausigen Bluttat ein, die 1911 im Städtchen Pluto in North Dakota am Rande eines Reservats stattfand: eine weiße Siedlerfamilie wurde fast vollständig ausgelöscht, nur ein Baby überlebte. Als angebliche Täter wurden unschuldige Indianer gelyncht; Einer jedoch überlebte.  Die Folgen dieses Dramas spielen noch heute in  der Geschichte der Stadt eine wesentliche, wenn auch nicht auf den ersten Blick ersichtliche Rolle. Jeder in Pluto scheint mit jedem irgendwie verwandt zu sein, oder verfeindet, ineinander verliebt und möglicherweise in Rache verbunden: jede einzelne Lebensgeschichte hängt mit der eines anderen Stadtbewohners  zusammen. Erst nach und nach erschließt sich dem Leser das innere Geflecht dieser Kleinstadt.  Den Nachfahren - seien es Opfer oder Täter - der in den  grässlichen Mord verwickelten Menschen, stellt sich die Frage, wie sie mit der Schuld oder Unschuld ihrer Vorväter umgehen sollen, ob sie es überhaupt müssen.  Evelina, die Enkelin des alten Indianers Mooshum, hört den Geschichten des Alten gerne zu, doch es dauert lange, bis sie seine Erzählungen von rauen Zeiten und heimlicher Liebe richtig einordnen kann.  Harte Hungerwinter, mystische Träume, Abenteuer, religiöser Fanatismus, Rassismus, Lynchjustiz, Romantik und tödliche Liebe – all das und viel mehr verwebt die begnadete Geschichtenerzählerin Louise Erdrich zu einem mitreißenden Roman voller Leidenschaft und Düsternis.  Unterschiedliche Ich-Erzähler (vier Haupterzähler) treten auf, jeder von ihnen erzählt seinen Blickpunkt  in einem anderen Sprachrhythmus, jeder hat einen anderen Fokus. Langsam erkennt man als Leser den roten Faden und zum Schluss wird auch der Mord von 1911 aufgeklärt.  In einem zornigen, harten, märchenhaften, stellenweise auch humorvollen Stil präsentiert die Autorin eine wunderbare Mischung aus Generationenporträt, Liebesroman und Zeitgeschichte.  Ein Buch, in das man fasziniert versinkt und erst nach dem Ende widerwillig daraus auftaucht. Großartig!

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Juli Zeh schreibt großartige Science Fiction in der Tradition Orwells

admin 8. March, 2009

 Juli Zeh „Corpus Delicti – ein Prozess“  Schöffling Verlag 2009  19,90 €

Juli Zeh wurde 1964 in Bonn geboren. Sie ist Juristin und Schriftstellerin, ihre Bücher (”Adler und Engel”) sind sehr erfolgreich. Bisher wurde ihr literarisches Werk mit insgesamt 13 (!) Preisen ausgezeichnet.Wir befinden uns im Jahr 2057, in einer Zukunft, die vom heutigen Standpunkt aus gesehen wahrlich nicht als die schlechtes mögliche erscheint. Die Menschen haben sich verabschiedet von Ideologien, Religionen und esoterischen Spinnereien, sie leben der Vernunft gemäß. Das Wichtigste im Leben aller einzelnen Menschen ist die Gesundheit, wer der eigenen Gesundheit dient, dient dem Gemeinwesen und damit dem Staat. Krankheiten sind nahezu ausgerottet, alles ist sauber und hygienisch. Doch dieser paradiesische Zustand ist nicht geschenkt, die Bürger müssen alle etwas dafür tun: so muss jeder in regelmäßigen Abständen seine Blut- und Urinwerte abgeben, damit  eventuelle Sünden wie Rauchen oder Alkohol kontrolliert werden können, ein tägliches Fitnessprogramm auf dem Hometrainer muss  abgeleistet werden und per eingebautem Chip werden die Grunddaten an einen Zentralrechner übermittelt. Auch sonst ist das soziale Leben in geordnete Bahnen gelenkt: für die Liebe ist eine Zentrale Partnervermittlung zuständig, da wird auch gleich geprüft, ob die jeweiligen DNA Werte zueinander passen, falls nicht, dann gibt’s auch keine Ehe und keinen Nachwuchs. Mia Holl, Biologin, Anfang Dreißig,  ist eine überzeugte Anhängerin der „Methode“ wie das Gesellschaftssystem auch genannt wird. Als Naturwissenschaftlerin weiß sie, dass alles, was der Staat von seinen Bürgern fordert, vernünftig ist und dem Gemeinwohl dient. Ihr Bruder jedoch, zu dem sie immer schon eine sehr herzliche und nahe Verbindung hatte, opponierte immer mehr gegen die Methode. Sein unkonformistisches Leben - Zigaretten auf dem Schwarzmarkt organisieren, in der freien Natur umherzustreifen, die Partnervermittlung ausnutzen um möglichst viele erotische Kontakte zu bekommen – fand zwar nie die Zustimmung seiner Schwester, doch die beiden hatten eine ironisch liebevolle Akzeptanz des jeweils anderen.  Doch dann wurde plötzlich alles anders: Mias Bruder wird der Vergewaltigung und des Mordes angeklagt, ihm werden terroristische Umtriebe nachgesagt und Staatsfeindlichkeit. Er sei führendes Mitglied der RAK (Recht auf Krankheit), einer gefährlichen Terrororganisation.Mia weiß zwar, dass das alles nicht stimmen kann, doch sie kann ihrem Bruder nicht helfen: er wählt den Freitod.Durch den Tod ihres Bruders wird Mia völlig aus der Bahn geworfen, sie vernachlässigt ihre Pflichten, wird schlampig und geht nicht mehr zur Arbeit. Der Roman setzt an der Stelle ein, als Mia deshalb vor Gericht zur Rechenschaft gezogen wird.Eine freundliche und verständnisvolle Richterin schlägt ihr Maßnahmen vor, wie sie wieder zu ihrem alten Selbst zurückfinden kann, ein Pflichtverteidiger wird ihr zur Seite gestellt.Doch Mia möchte einfach nur Ruhe, um ihre Trauer bewältigen zu können. Doch diese wird sie nicht bekommen.Sowohl der Verteidiger, wie auch die Nachbarn im Hause und besonders ein Mann namens Kramer, ein in den Medien prominenter Verfechter der Methode lassen nicht mehr ab von Mia. Ihr zur Seite steht nur eine Phantasiegestalt, die „perfekte Geliebte“ die ihr Bruder erfunden hatte und die quasi als sein Vermächtnis die heimische Couch besetzt hält. Mit bissigen staatsfeindlichen Kommentaren torpediert sie Mias Versuche, wieder „normal“ zu werden und sich anzupassen. Ein toller Coup des Verteidigers wird noch eine unerwartete Wende in den Verlauf des Prozesses bringen, an dessen Ende Mia eine aus heutiger Sicht sehr sonderbare Strafe droht: das Einfrieren. 

Vielleicht liegt es an Juli Zehs Beruf als Juristin,  dass sie diesen Prozess, seine Begleitumstände und seine Hintergründe so knapp und dennoch treffend formulieren kann?Wer weiß?   Gescheit und geistreich fliegen hier die Argumente pro und contra nur so hin und her, dass man als Leser manchmal fast gegen seinen Willen mit dem Lesen innehalten muss. Leicht könnte man, einfach weil die Handlung so spannend ist, die scharfsinnigen Diskussionen zu schnell überfliegen. Dies sollte man aber tunlichst vermeiden, denn sie haben es in sich! Philosophische Grundfragen nach der Verantwortung des Individuums innerhalb einer Gemeinschaft, den Grenzen der Toleranz, dem Recht auf Widerstand, der Frage nach Selbstbestimmung, nach individueller Freiheit und der Verantwortung des Staatswesens für seine Bürger – all das ist hochinteressant und gleichzeitig hochpolitisch.  Durch kleine Ausschmückungen der Zukunftsschilderung  mildert sie die analytische Intellektualität des Textes ab und erhöht das Lesevergnügen. Juli Zeh spricht reale Probleme an, die heute schon absehbar sind wie den totalen Überwachungsstaat oder die immer mehr auf die Spitze getriebene Suche nach dem „perfekten“ Leben mit dem „perfekten“ Partner. Doch gerade ihr Hauptthema, die Diktatur von Gesundheitsfanatikern gibt mir persönlich sehr viel Stoff zum Nachdenken. Ich entdecke an mir selbst sehr viele Tendenzen, die mich zur Befürworterin der „Methode“ werden ließe. Ich bin überzeugte Verfechterin des öffentlichen Rauchverbots, ich finde es unmöglich, wie Alkohol (im Gegensatz zu anderen eigentlich ungefährlicheren Drogen) verharmlost wird, ich halte es für sehr klug, die Menschen zu regelmäßigem Sport und zu mehr Bewegung anzuhalten und auch die Vorzüge gesunder Ernährung  sehe ich ein.Manchmal finde ich es auch  verständlich  von den Krankenkassen, wenn sie über Belohnungssysteme (was ja irgendwie auch Strafsysteme beinhaltet) für gesundheitliches Wohlverhalten nachdenken. Insofern ist das Buch gerade für Menschen wie mich auch eine gute Warnung, die Freiheit des Einzelnen nicht gering zu schätzen, Freiheit bedeutet eben auch – wie die „Terrorgruppe“ RAK es fordert, das Recht auf Krankheit, das Recht auf Fehler, das Recht auf ein eigenes, nicht so perfektes Leben. Wie man sieht: ein Buch, das mich wirklich zum Nachdenken brachte! 

Letztendlich handelt es sich aber auch einfach um einen spannenden, gut geschriebenen Roman, bei dem man prima mit der Protagonistin mitzittern, sich über die gewitzten Dialoge amüsieren und über den Selbstmord des Bruders mittrauern kann.

Ein sehr anregender, kluger und spannender Roman über eine Variante der Zukunft, so wie wir sie nicht unbedingt haben möchten… Wenn Sie möchten, können Sie das Buch gleich hier bestellen: Buchhandlung Thaerhttp://thaer.shop-asp.de/shop/action/productDetails/7964086/juli_zeh_corpus_delicti_3895614343.html?aUrl=90007281

Die englische Queen und die Lust am Lesen

admin 4. September, 2008

 In der sehr schön gestalteten Salto Reihe des Wagenbach Verlags ist ein wunderbares neues Bändchen erschienen, das auf keinen Fall übersehen werden darf! Bennett hat sich in seinem neuen Roman eine ganz besondere Hauptfigur ausgesucht: Queen Elizabeth. Wie diese steife und eher trockene Dame plötzlich mit aller Leidenschaft der Literatur verfällt, lieber auf der Couch liegt und Romane liest und diese mit allen Beratern und Staatsbesuchen besprechen will anstatt Staatsangelegenheiten zu regeln, das ist einfach köstlich! 

 Alan Bennett wurde 1934 in Leeds geboren. Er, der Sohn eines Metzgers ist einer der erfolgreichsten englischen Dramatiker. Darüber hinaus ist er auch noch als Regisseur und Schauspieler tätig. Viele seiner Bücher sind ins Deutsche übersetzt worden, im Wagenbach Verlag erhältlich sind derzeit noch vier weitere Titel. 

Die Queen ist – wie man weiß – eine äußerst pflichtbewusste Dame, die ihr Leben lang die ihrem Amt auferlegten Aufgaben wenn auch nicht immer mit Begeisterung, so dennoch mit der inneren Befriedigung derjenigen, die wissen ihre Arbeit ist nützlich, erfüllt hatte. Dass sie dabei immer absolut korrekt gekleidet war, mit fast preußisch zu nennender Haltung und einem freundlichen, aber kalkulierbaren Lächeln auf den Lippen, ist selbstverständlich. Was ist nur geschehen, dass sie nun mit einer Strickjacke, die ihre Zofe insgeheim als „ein Verbrechen“ bezeichnet umherläuft und sie sich so oft wie möglich den Gesprächen mit ihrem Berater entzieht und auch ihren Repräsentationspflichten nicht mehr ganz so pünktlich und immer unlustiger werdend nachgeht? Es soll sogar vorgekommen sein, dass sie ab und an ohne krank zu sein, Unwohlsein vortäuscht. Diese Besorgnis erregenden Veränderung begann mit einem banalen Anlass: die unfolgsamen Corgis der Queen liefen mal wieder davon und als die Queen sie wieder einfing, kam sie vor einem Bücherbus zu stehen ganz in der Nähe ihres Palastes. Von einem Bücherbus wusste sie bislang nichts, doch da sie ein höflicher Mensch ist, fühlte sie sich bemüßigt, sich ein Buch auszuleihen. Als ungeübte Leserin versuchte sie sich an einer trockenen und schwierigen Lektüre. Als sie das Buch zurückzubringen wollte, stieß sie wieder auf den gleichen Küchenjungen der schon beim letzten Mal lesend im Bus saß. Sie bat ihn um Hilfe bei der Auswahl der Lektüre. Auch wenn die persönlichen Vorlieben des Küchenjungen eher danach ausgerichtet waren, ob der Autor schwul war oder nicht, entpuppt sich doch der Gedankenaustausch zwischen ihm und der Queen als so fruchtbar, dass sie ihn zu ihrem persönlichen Pagen ernennt. Seine Hauptaufgabe besteht in der Auswahl der Lektüre der Königin und den gemeinsamen Gesprächen über Gelesenes. Ja, die gute alte Elizabeth, die sich nie fürs Lesen interessiert hatte, tut nun praktisch nichts anderes mehr. Natürlich erfüllt sie weiterhin ihre unabdingbaren Aufgaben, aber jede freie (und auch manche nicht freie) Minute wird zum Lesen genutzt. Es ist selbstverständlich, dass sich so ein „Hobby“ auf den ganzen Menschen auswirkt. Doch nicht nur die Queen selbst ist davon betroffen, sondern ihr Hofstaat, die Regierung, ihre Berater und in gewisser Weise auch das Volk. So kann es nicht weiter gehen! (Das meinen zumindest einige sehr einflussreiche Personen). Ein Spiel der Intrigen beginnt. Doch die Queen wird alle an ihrem 80. Geburtstag noch ordentlich überraschen! ==Stil:== Alan Bennett schreibt in einem sehr amüsanten und leichtfüßigen Stil. Er besitzt einen Humor, der einen zwar nicht zu Schenkel klopfenden Lachanfällen hinreißt, doch muss man bei der Lektüre immer wieder schmunzeln und ab und an auch in sich hinein kichern. Herrlich sind die kleinen Spitzen, die er austeilt, die wie nebenbei die Politik und die „bessere“ Gesellschaft kritisieren. ==Meine Meinung:== Mit seinem roten Leineneinband, dem praktischen und schönen Lesebändchen, der guten handwerklichen Verarbeitung und dem gelungenen Foto auf dem Cover lädt das Buch schon vom sinnlichen Aspekt her zum Lesen ein. Ein witziges, kluges und anspruchsvolles Büchlein das zudem noch Lust auf weitere Lektüre macht. Nicht nur auf weitere Lektüre dieses Autors, sondern auch auf einige der Bücher, die auf der Leseliste der Queen standen. ==Fazit:== Die ideale Lektüre für zwischendurch für jeden Bücherfreund, jeden Liebhaber skurrilen englischen Humors und ein ideales Geschenk für jeden Menschen, der ein wenig an Literatur interessiert ist. Möglicherweise ist es ein noch idealeres Geschenk für liebe Menschen, die man noch – ganz subtil - auf den Geschmack bringen möchte.

Sie können das Buch gleich hier bestellen bei der Buchhandlung Thaer

http://thaer.shop-asp.de/shop/action/productDetails/7393965/alan_bennett_die_souveraene_leserin_3803112540.html?aUrl=90007281

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