Archiv für die 'Krimis' Kategorie

“Nur” noch ein Schwedenkrimi? - Nein!

admin 27. September, 2008

Die drei Krimis des leider früh verstorbenen schwedischen Krimiautors Stieg Larsson gehören für mich zu den spannendsten Büchern der letzten Jahre im Krimigenre.

 

Der Autor war ein überzeugter Kämpfer gegen Rechtsradikalismus und Fremdenfeindlichkeit in seinem Land und ein Träger fortschrittlicher Ideen. Leider starb er mit knapp 50 Jahren an einem Herzinfarkt. Seine Bücher, die er - erfolgreich wie er war - sicher weiter geschriebne hätte, sind damit nur auf drei beschränkt. Ich habe alle drei gelesen und war sehr begeistert. Ich werde nun mit dem ersten Band “Verblendung” beginnen.

Inhalt: 

Henrik Vanger, ein älterere Herr, Industriellerist seit fast 40 Jahren unglücklich darüber, dass seine geliebte Nichte als Jugendliche spurlos verschwand. Einmal im Jahr bekommt er eine kleine Erinnerung geschickt. Eine Erinnerung, die ihn quält und ihn nie vergessen lässt.

Mikael Blomqvist, Journalist, muss für drei Monate ins Gefängnis. Er hat den Industriellen Wennerström in Zeitungsartikeln angegriffen, ohne wasserdichte Beweise zu haben. Beruflich steht er damit praktisch vor dem Aus. Seine Kollegin und Geliebte (eine der harmonischen Dreiecksbeziehungen, die es wohl nur in Romanen gibt) Erika Berger versucht ihre gemeinsame kritische Zeitung „Millenium“ vor dem endgültigen Aus zu retten

Lisbeth Salander, eine junge Frau, die noch viel jünger aussieht, arbeitet in  einer privaten Detektei. Sie ist unsozial, unbeliebt (bei fast allen) weil sie nicht „normal“ kommunizieren kann, dafür ist sie aber hoch talentiert und trotz unorthodoxer Arbeitsweise die beste Ermittlerin der Detektei.

In einer Situation, in der Mikael Blomqvist nicht mehr weiter weiß, bekommt er von Henrik Vanger, ein finanziell höchst attraktives Angebot: er soll herausfinden, was damals zum Verschwinden von Harriet Vanger geführt hatte. Ausschlaggebend für Blomqvists Akzeptieren des Vorschlags ist aber nicht nur das Geld, sondern das Versprechen Vangers, ihm Beweise für die kriminellen Aktivitäten Wennerströms zu liefern. So geht er also in die Provinz und widmet sich nahezu aussichtslosen Recherchearbeiten. Durch die ungewöhnliche Figur der Salander gewinnt die Story an Spannung, an Tiefe und an Tempo

Ob Harriet gestorben ist und wenn ja wie und warum, möchte ich offen lassen. Auch wer verantwortlich ist für die vielen Morde an Frauen, die sich in den Jahren vor Harriets Verschwinden ereignet hatten, werde ich nicht verraten. Wie es mit Mikael, Lisbeth, Erika und Henrik weitergeht, ja, auch das muss ich verschweigen (obwohl es mir schwer fällt).

Das Ende des Romans ist  überraschend, auch  befriedigend, aber ein Rest von Verstörung bleibt, denn man möchte einfach noch mehr wissen. Wie gut, dass es einen zweiten Band gibt, der einem zumindest die Illusion gibt, hier vollständige Aufklärung zu finden.

Sehr auffällig ist die Charaktertiefe, die Larsson seinem Personal zugesteht. Für einen Krimiautor ist das unüblich. Er lässt sich wirklich Zeit, die einzelnen Personen – zum Teil auch Menschen, die eher Nebenfiguren sind – vor dem inneren Auge des Lesers richtig lebendig werden zu lassen, sie mit ihren kleinen und großen Macken kennen zu lernen. So gelingt es ihm, sehr großes Interesse an der Psyche der Romanhelden zu wecken.

Eine Fülle verschiedener zum Teil parallel laufender Nebenstränge könnte fast zu einer Überlastung führen, zu einem Nachlassen des Interesses. Doch Larsson versteht es sehr gut, die Spannungselemente immer dann wieder geschickt einzubauen, wenn man gerade dabei ist, etwas langsamer zu lesen.

Es handelt sich sowohl um einen Krimi, den man „klassisch“ nennen könnte, damit meine ich, dass man wirklich wissen möchte: „wer um Himmels Willen war es denn nun?“  und „was geschah denn damals mit Harriet Vanger?“ als auch um einen „modernen“ Krimi, einen der unser Interesse an Psychologie weckt. Mittlerweile ist es schon fast normal, sich in die Psyche der Täter hineinversetzen zu lassen, doch Larsson versetzt uns auch in die Psyche der Opfer und der Ermittler. Das ist ungewöhnlich und unterscheidet ihn von vielen anderen schreibenden Kollegen. 

Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand dieses Buch liest und nicht dem nächsten Band entgegen fiebert.

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Der neue Mankell:Der Weg führt von Schweden nach China - über Afrika

admin 16. July, 2008

In einem kleinen Dorf in Schweden werden fast alle Einwohner auf brutale Weise ermordet, die Polizei steht vor einem Rätsel.  Birgitta Roslin, Richterin,  findet heraus dass ihre Mutter aus eben diesem Dorf stammt und ihre Großeltern unter den Ermordeten sind.
Sie stößt - eher zufällig - auf Spuren, die die Polizei noch nicht entdeckt hat. Sie bietet der Polizei ihre Hilfe an, die aber nur halbherzig akzeptiert wird.
Birgitta Roslin forscht weiter, denn die geheimnisvollen Morde lassen ihr keine Ruhe. Die Spuren führen nach China, deshalb begleitet sie eine alte Freundin, die dort einen Vortrag halten muss.

Sie lernt bei dieser Reise verschiedene Menschen kennen, von denen sie nicht recht weiß, ob sie ihnen vertrauen kann oder ob sie eine Gefahr für sie darstellen. Als sie sogar bedroht und überfallen wird, spitzt sich die Situation zu und sie muss in Polizeigewahrsam noch länger in China bleiben. Muss sie nun Angst haben? Wird sie von der Polizei  beschützt oder soll sie ruhig gestellt werden?

Durch alte Tagebuchaufzeichnungen erfährt Birgitta liest von einem ihrer Vorfahren, der als Einwanderer in den USA als Vorarbeiter beim Bau einer wichtigen Eisenbahnlinie tätig war. Unter seiner Obhut waren auch chinesische Arbeiter. Birgitta istvöllig entsetzt über die Brutalität und den Rassismus, der aus den Worten ihres Ahnen spricht.

Doch ein weiteres Tagebuch spielt eine Rolle: das eines Chinesen, der ebenfalls  im 19. Jahrhundert beim Bau der Zuglinie gearbeitet hatte. Dieses Tagebuch berichtet in erschütternder Weise von einer tragischen Odyssee, von einem Leben zwischen Leibeigenschaft, Betrug, Tod der nächsten Verwandten und moderner Sklaverei.

Einer - ein ganz spezieller Leser dieser Aufzeichnungen schwört Rache für die damaligen Ereignisse.

Kann es sein, dass die Morde in einem schwedischen Dorf des 21. Jahrhunderts  tatsächlich mit einer Geschichte aus dem 19. Jahrhundert am anderen Ende der Welt zusammen?
Wenn das so ist - dann ist  auch Birgitta Roslin gefährdet…

Ich mochte das Buch, ich fand es spannend -höchstens beim Stil (recht einfach, häufige Wiederholungen) gibt es  ein wenig zu meckern: Doch trägt die interessante Themenwahl dazu bei, dass ich es sehr schnell und letzendlich auch befriedigt gelesen habe.

Bestellen Sie bei Interesse gleich hier bei der
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Laura rennt

admin 2. October, 2007

Lucarelli „Laura di Rimini“

DuMont Literatur Verlag

ISBN: 9783832160098
9,90 €

Carlo Lucarelli (geb. 1960 in Parma) ist ein talentierter Vertreter der modernen italienischen Kriminalliteratur.
Es ist ein Jammer, dass fast keine Titel von ihm auf Deutsch lieferbar sind. Immerhin kann man „Laura di Rimini“ noch käuflich erwerben. Andere ebenfalls tolle Bücher wie „Almost Blue“ oder „Der Kampfhund“ sind leider nur noch im Original erhältlich.

Die fleißige Studentin Laura aus Bologna hat eigentlich nichts anderes im Kopf, als gute Noten zu schreiben und in den Semesterferien nach Hause zu fahren. Doch leider vertauscht sie im Büro ihrer Dozentin ihren Rucksack und merkt erst nach Tagen, dass sie 4 Kilo Kokain mit sich herumschleppt.
Laura hasst Krimis, aber das nützt ihr nichts. Sie gerät –unschuldig wie sie ist – mitten in einen solch turbulenten Krimi der Extraklasse hinein, dass ihr Hören und Sehen vergeht!
Russische Mafiosi, gefährliche Uni-Assistenten, Verfolgungsjagden auf der Autobahn, Mörder in Mickey-Maus-Masken, schwer korrupte Polizeibeamte – doch Laura haftet etwas an, das anderen fehlt: Glück!
Mit einer unverbrüchlichen Naivität (die allerdings zwangsläufig abnimmt im Laufe des Romans) verfolgt sie nur ein Ziel: sie will diesen blöden Rucksack den Besitzern zurückgeben und wieder ihr normales Leben aufnehmen. Doch wenn die Rucksackbesitzer nun mal hochkarätige Verbrecher sind, gestaltet sich das schwierig.

Lucarelli schreibt hier einen fulminanten, rasanten und streckenweise sehr, sehr witzigen Krimi, der gleichzeitig eine Krimikomödie ist und von der ersten bis zur letzten Seite (es sind leider nur knapp über 100 Seiten) zu begeistern weiß!

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Historischer Krimi aus Sardinien - Serienmord und Opium

admin 2. October, 2007

Todde, Giorgio „Das Geheimnis der Nonna Michaela“

Piper Verlag ISBN: 9783492249577

7,95€

Der zeitgenössische sardische Autor (geb. 1951) lebt als Augenarzt in Cagliari, Sardinien.

In diesem historischen Krimi, der im Jahr 1861 auf Sardinien spielt, geht es um die Aufklärung eines Serienmordes. Zumindest oberflächlich betrachtet, denn unter der Oberfläche geht es um das Wesen der Angst.
In einer sehr poetischen und beeindruckenden Sprache wird der Tod des Anwalts Laconi, so wie er ihn selbst erlebt hat, an den Anfang des Buches gesetzt.
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Als die Leiche später zum Einbalsamierer Efisio Marini gebracht wird, stellt dieser fest, dass der Anwalt nicht an seiner Strangulation gestorben ist, sondern schon vorher: sein Herz blieb einfach stehen. Er starb im wahrsten Sinne des Wortes an Angst.
Laconi wird nicht der einzige Tote bleiben…

Die Polizei versucht, den Fall so rasch wie möglich „aufzuklären“, da kommt ihr ein Schmugglerring, der mit Opium handelt, als Schuldige(r) gerade recht. Sehr interessant fand ich auch, dass Opiumverkauf damals noch gar nicht strafbar war, auch wenn das eher ein Nebenthema war.
Noch mehr als der an sich schon spannende Fall begeisterte mich an dem Buch die Sprache, die eigentümliche Charakterisierung der Personen so etwa der betagten Nonna Michaela, die die Fäden spinnt, sich aber nicht in die Karten blicken lässt.
Ein guter Lesetipp für Krimileser, die gerne mal etwas abseits der Mainstream Thriller lesen möchten.
Für mich steht fest: ich werde weitere Bücher von Todde lesen!

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Anspruchsvoller historischer Mafiakrimi aus Sizilien

admin 2. October, 2007

Leonardo Sciascia
„Tag der Eule“
Sz-Krimi-Bibliothek
ISBN: 9783866152397
4,90 €

Der renommierte sizilianische Autor (1921 – 1989) widmet sich in diesem eher schmalen Bändchen dem Thema Mafia. Der Roman (im Original „Il giorno della civetta“) spielt in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts.
Der Kommissar Bellodi wird in dem kleinen Städtchen in Sizilien nicht nur deshalb misstrauisch betrachtet, weil er vom Norden kommt, sondern auch weil er an die Existenz der Mafia glaubt, die auf der Insel ein absolutes Tabuthema war.
Als ein Mann, gerade als er in einen Bus einsteigen wollte, erschossen wird, lassen sich – obwohl das am hellen Tag unter den Augen vieler geschah – partout keine Zeugen finden.
Bellodi findet bald Verdachtsmomente, die auf einen Mord mit ökonomischem Hintergrund hinweisen. Als kurz danach ein möglicher Zeuge spurlos verschwindet, setzt er alles daran, die wahren Mörder – und in diesem Fall noch wichtiger – die Auftraggeber zu finden.
Doch nicht nur die von ihm Verdächtigten, sondern leider auch seine Vorgesetzten versuchen ihn auf eine andere Spur zu lenken. Angeblich soll ein Eifersuchtsdrama das Motiv sein.
Doch Bellodi, der höfliche, freundliche aber hartnäckige (und unbestechliche) Kommissar lässt nicht locker. Auch wenn ihm immer wieder Zitate wie folgende begegnen:
„”Und im Übrigen: was ist eigentlich die Mafia? … Auch sie nur Gerede. Dass sie existiert, behauptet jedermann, wo sie existiert, weiß niemand …“

Sciascia beleuchte hier sehr genau die gesellschaftlichen, politischen und sozialen Verflechtungen der Polizei und der Politik mit der angeblich nicht existenten Mafia.
Es gelingt ihm eine ausgezeichnete Verknüpfung eines historischen Romans in der Tradition der Aufklärung und eines spannenden Kriminalromans.

Der Stil ist eher der Hochliteratur zuzurechnen mit ausgefeilten Sätzen und klugen Konstruktionen; auf den einen oder anderen Leser mag der Stil etwas altmodisch wirken, aber es lohnt sich auf jeden Fall, sich darauf einzulassen.
Wer einen wichtigen Vertreter der italienischen Literatur kennen lernen möchte oder etwas über die Hintergründe der heutigen Mafia erfahren möchte, aber auch wer einen gehaltvollen und spannenden historischen Krimi lesen möchte, ist hier sehr gut beraten.

Leider ist dieses Buch mittlerweile nicht mehr lieferbar, aber es gibt noch den Film.

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