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Philip Roth’s “Nemesis” - wieder ein Meisterwerk!

admin 10. Februar, 2011

Philip Roth „Nemesis“Übersetzer: Dirk van GunsterenISBN 9783446236424Hanser Verlag  18,90 € Original:„Nemesis“ Random HouseISBN 978022408953119,30 € 

Philip Roth wurde 1933 in Newark, New Jersey als Sohn einer gutbürgerlichen jüdisch- amerikanischen Familie geboren. Mittlerweile ist er der Träger aller wichtigen amerikanischen Literaturpreise, so z.B. des PEN-Faulkner Awards, des National Book Awards und des Pulitzerpreises und vieler internationaler Preise. Er gehört unstrittig zu den höchstrangigen zeitgenössischen Schriftstellern des 20. und 21. Jahrhunderts.

Es fehlt nur noch der Nobelpreis, den er aber allemal verdient hat und auf den ich immer noch für ihn hoffe.
Nach zwei gescheiterten Ehen lebt er heute allein  auf einer Farm in Connecticut.

Wie nahezu alle seiner Romane spielt auch dieser im kleinen Städtchen Newark in New Jersey im jüdischen Milieu.Der junge Lehrer Bucky Cantor nimmt seinen Sommerjob, die Beaufsichtigung eines Sportplatzes im jüdischen Viertel von Newark sehr ernst. Er liebt Kinder, er liebt Sport und er versteht es, die ihm anvertrauten jungen Menschen zu motivieren, ihnen soziales Verhalten beizubringen wie auch die Ordnung auf dem großen Platz einigermaßen aufrecht zu halten. Er ist beliebt, er kann etwas und ist zufrieden mit sich und der Welt. Zwar vermisst er seine Freundin, die als Leiterin eines Sommercamps ebenfalls mit Kindern und Jugendlichen unterwegs ist, doch sonst fehlt nicht viel zum absoluten Glück.Wir befinden uns im Jahr 1944, der 2. Weltkrieg ist im vollen Gange, Bucky bedauert, dass er seinen Teil zum Gelingen des Kriegsausganges nicht leisten kann, gerne wäre er – wie die meisten Gleichaltrigen – Soldat geworden, doch seine Kurzsichtigkeit hielt ihn davon ab. Umso größer ist sein Pflichtbewusstsein, die ihm zu Hause gestellte Aufgabe optimal zu erfüllen. Doch da bricht mitten in der Gluthitze des Sommers eine Epidemie aus: Kinderlähmung! Sind am Anfang noch wenige Kinder betroffen, davon aber einige, die Bucky besonders am Herzen lagen, breitet sich die Krankheit immer schneller aus. Keiner weiß, wie das richtige Verhalten aussehen sollte: soll man die öffentlichen Sportplätze schließen oder ist es eher besser, normal weiter zu machen, keine Panik aufkommen zu lassen und die Kinder an die frische Luft zu lassen? Buckys Freundin drängt ihn aus Angst um ihn, zu ihr in das Sommercamp zu kommen, eine Stelle als Sportlehrer sei gerade frei geworden. Bucky kämpft mit sich, seinem Pflichtbewusstsein, seiner Liebe und entschließt sich letztendlich, das Angebot anzunehmen.  Doch das Gefühl, „seine“ Kinder hier in der Stadt verlassen zu haben, verfolgt ihn, es ist leider nicht das einzige was ihn verfolgt. Polio macht nicht halt hinter den unsichtbaren Grenzen des jüdischen Viertels von Newark, auch wenn einige Rassisten die besonders hohe Quote dort als Gottes Strafe ansahen. Es ist schwer, ohne zu viel zu verraten, weiter über den Inhalt zu sprechen, so viel sei mir dennoch noch gestattet:Es geht darum, wie sehr ein Einzelner Einfluss auf sein Schicksal hat, wie ehrlich Liebende zueinander sein können und sollen und wie man mit der Härte des Lebens zurecht kommt  – und ob das überhaupt geht. Klingt zu allgemein? Möglich, aber alles was ich konkret nennen könnte, nähme zu viel vom Inhalt vorweg.Philip Roth ist ein grandioser Stilist. Seine Sprache ist ein Genuss, er ist jemand, der es versteht ohne manieristische Spielereien so zu schreiben, dass es zwar irgendwie „einfach“ bleibt, aber nie flach oder platt. Er nimmt seine Charaktere ernst, aber auch die Themen, um die es ihm geht. Niemals schreibt er etwas nur so hin, damit ein bestimmtes Gefühl nur angedeutet wird, nein, alles hat seinen Sinn. Sehr angetan war ich mal wieder von der Konstruktion des Romans. Hier wird irgendwann noch im ersten Drittel des Buches eine Ich-Stimme auftauchen, von der man erst am Ende erfährt, um wen es sich handelt. Sie tritt nicht oft in den Vordergrund, aber immerhin doch so oft, dass zusätzliche Spannung erzeugt wird. Obwohl es nicht wirklich um „Spannung“ im Sinne von „suspense“ hier geht, aber er weiß einfach, wie man ein vielschichtiges Werk noch ein wenig vielschichtiger macht.

Großartig auch wieder seine Fähigkeit, obwohl er so viele Details beschreibt, dennoch nichts Überflüssiges, kein Geschwafel hineinzubringen. Wieder – wie schon in einem seiner absolut besten Romane „Empörung“ – handelt es sich um ein verdichtetes, relativ kurzes Buch, in dem dennoch eine ganze Welt enthalten ist.

 Welche Ausmaße die Polio-Epidemie annahm, was sie für die Betroffenen bedeutete, das alles hatte ich bisher überhaupt nicht gewusst. In meiner Kindheit liefen schon noch Kinder mit Lähmungen und Deformationen umher, von denen ich wusste, dass sie an Kinderlähmung erkrankt waren, doch war mir absolut nicht bewusst, wie gefährlich, wie weit verbreitet und wie oft es nicht „nur“ Lähmungen waren, die die Krankheit bewirkten, sondern der Tod.So schließt Roth zwar hier auch eine historische Bildungslücke meinerseits, aber das hätte ich auch einfacher haben können. Was mich hier so betroffen machte, war die eindringliche Art, mit der er sich einer der Urängste der Menschheit, die Angst vor Epidemien, annimmt. So detailliert und genau er in jedem seiner Bücher auf menschliche Eigenheiten eingeht, so klar er Charaktere in all ihren Widersprüchen zeichnet, so genau zeichnet er auch hier das langsame Anschwellen der Angst bis zu ihrem Höhepunkt nach. Das ist ergreifend, beängstigend und unheimlich!   Die Liebesbeziehung von Bucky und seiner Freundin endet auf eine Weise, die ich nicht so vorausgesehen hätte, das Verhältnis der beiden und überhaupt Buckys feste Einstellung zum Leben auch in anderer Hinsicht ist nicht so, dass ich es teile, es geht also weniger darum, wie „sympathisch“ Bucky uns nun ist, sondern um diese gewisse Ausweglosigkeit, in der sich Menschen befinden. Wie der Einzelne damit umgeht, wie Menschen sich Schicksalsfragen stellen – das sind Grundthemen des Lebens, wie sie nur selten jemand so tief und bewegend wir Philip Roth bearbeitet. Alter Mann, nur weiter so!  Irgendwann kommt der Tod, aber vielleicht vorher doch noch der Literaturnobelpreis!

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Tiere essen?

admin 14. September, 2010

Jonathan Safran Foer„Tiere essen“Kiepenheuer & Witsch Verlag 2010 „Eating Animals“ übersetzt von Isabel Bogdan, Ingo Herzke, Brigitte JakobeitISBN: 9783462040449388 Seiten

19,95 €

Der erfolgreiche amerikanische Schriftsteller Jonathan Safran Foer widmet sich in seinem ersten Sachbuch einem äußerst wichtigen, in der öffentlichen Wahrnehmung aber wenig präsenten Thema: der Massentierhaltung und ihren Folgen.

 

Was ist dieses Buch? Ein Aufruf, Vegetarier zu werden? Ein Pamphlet für Tierrechte? Ein persönlicher Erfahrungsbericht über Foers eigene Wandlung vom Ab- und – zu- Vegetarier zum echten? Oder aber ein informatives und unterhaltsam geschriebenes Sachbuch, das viele Aspekte rund ums Thema Tiere essen aufzeigt?

 

Foers Lieblingsessen aus der Kindheit war ein Hühnergericht, das seine Großmutter zubereitete. Später im Leben gehörte er zu denen, die immer mal wieder fleischlos lebten, dann wieder Fleisch aßen nur um wieder in eine vegetarische Phase zu wechseln.

Erst als vor etwa 3 Jahren Vater wurde, begann er sich intensiver mit der Frage auseinander zu setzen: wie sollen wir unser Kind ernähren? Doch nicht nur die bloße Nahrungsaufnahme stand zur Debatte, sondern noch mehr die Frage nach den richtigen Antworten, die man seinen Kindern geben  möchte, wenn sie nachhaken, wo das Essen denn herkommt, das auf dem Tisch steht.

 

Dieser autobiografische Ansatz wird sich zwar durch das ganze Buch hindurch ziehen, doch eigentlich ist er nur der Ausgangspunkt zu einer intensiven Recherche über alles rund um das Thema.

 

Foer wird getrieben durch den unstillbaren Wunsch, sich wirklich genau zu informieren. So sucht er offizielle Daten, er bittet um Gespräche mit den Leitern von Schlachthöfen, von riesigen Schweineställen (so kann man diese industriellen Tieraufbewahrungsanstalten eigentlich gar nicht nennen), er versucht etwas über die Vorgänge in Geflügelfarmen herauszufinden. Manchmal kommt es zu Kontakten mit den Verantwortlichen für Massentierhaltung, doch viel öfter werden Gespräche verweigert, keine Antworten gegeben und möglichst alles unter Verschluss gehalten. Doch Foer gibt dann noch lange nicht auf: er befragt Arbeiter und Angestellte – und diese Innenansichten sind sicher viel interessanter und aufwühlender, als es der offizielle Bericht eines Managers oder Geschäftsführers wäre.

Egal ob es sich um Fischzuchtanlagen, Rinderfarmen oder Hühnerfarmen handelt, das was Foer herausfindet, dreht einem nicht nur den Magen um und lässt einen ernsthaft um die Gesundheit bangen, sondern es erzeugt auch Widerwillen, Ekel und Mitleid. Selbst bei jemandem wir mir, die ich keine überzeugte Tierfreundin bin, mich interessieren Tiere – außer Katzen und die werden ja Gott sei Dank nicht geschlachtet – erzeugt das Lesen echtes Mitgefühl und noch etwas anderes: Scham! Wie kann man nur zulassen, dass Millionen männlicher Küken sofort getötet (bei lebendigem Leib zerhäckselt) werden, nur weil sie in Legehennenbetrieben keine Funktion haben?

Wie kann man es ertragen, dass die im wahrsten Sinne des Wortes armen Schweine (die genetisch den Menschen ziemlich nahe stehen) auf engstem Raum zusammengepfercht sind, nie die Sonne sehen, in ihrer eigenen Scheiße leben müssen?

Es würde den Rahmen hier sprengen, alle unerträglichen Grausamkeiten, die diese Tiere in ihrem kurzen Leben (viel kürzer als „normal“) ertragen müssen, aber es lässt sicher niemanden ungerührt, der sich das durchliest.

 

 

Foer, obwohl selbst Vegetarier, lobt und unterstützt die wenigen  Farmer, die sich um artgerechte Tierhaltung bemühen, zeigt aber auch die extremen wirtschaftlichen Schwierigkeiten, denen sie ausgesetzt sind auf.

Überhaupt – die Wirtschaft! Klar und deutlich wird hier eine harte Anklage gegen diese spätkapitalistischen Methoden erhoben: wenn es um Gewinne geht, ist es vollkommen gleichgültig, wie schlecht es den Tieren geht, es ist auch völlig egal wie gesundheitsschädlich es für die Menschen ist (so gibt es vorbeugende Antibiotika in manchen Bereichen, weil man schon weiß, dass viele Tiere erkranken werden) und – natürlich!- ist es völlig nebensächlich, dass die Umwelt leidet, dass das Klima geschädigt wird, dass aufrechte Farmer, die versuchen, anders zu produzieren, kaputt gemacht werden und und und.

 

Foer scheut auch nicht zurück vor moralischen Fragen, er geht in die Geschichte zurück, er untersucht religiöse Aspekte und fordert den Leser dazu heraus, selber einen eigenen ethisch- moralisch vertretbaren Weg zu finden. Das einzige, was er wirklich fordert ist, dass man nicht ohne Nachzudenken einfach so weiter macht wie bisher.

  

Ich bin vollkommen überzeugt davon, dass jeder, der dieses Buch nicht von vorneherein ablehnt und beginnt, es zu lesen, davon angetan sein wird! Ich würde sogar noch weiter gehen und behaupten, dass man nicht unverändert aus der Lektüre wieder auftauchen wird.

Keine Angst, es handelt sich hier auf keinen Fall um einen missionarischen Fundamentalisten, der jeden Leser mit der Holzhammermethode davon überzeugen will, nie mehr Fleisch zu essen.

 

Man wird nicht unbedingt Vegetarier nach der Lektüre, aber man wird sich ganz sicher genauer überlegen, welche Mengen an Fleisch und Wurst – und vor allem – welche Art von Fleisch und wo es herkommt man konsumieren wird.

Auch wenn Foer es jedem überlässt, seine eigenen Schlüsse aus der Lektüre zu ziehen, lese ich das Buch in einer Hinsicht schon als leidenschaftliche „politische Kampfschrift“: so wie es jetzt läuft, darf es nicht weitergehen!

 

Sehr erfreulich auch, dass es sich hier in keiner Weise um ein trockenes Sachbuch handelt, sondern dass es sich gut liest, abwechslungsreich und flüssig geschrieben ist.

Ich wünsche dem Buch eine weite Verbreitung!

 

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gebundene Ausgabe

 

Taschenbuchausgabe

 

 

Der neue Roman des ersten Deutschen Buchpreisträgers

admin 11. März, 2010


Arno Geiger „Alles über Sally“

Hanser Verlag 2010

21,50 €

 

 

Arno Geiger wurde 1968 in Bregenz geboren. Nach einem Studium der Deutschen Philologie, Alten Geschichte und Vergleichenden Literaturwissenschaft in Wien und Innsbruck arbeitete er von 1986 – 2002 als Videotechniker auf den Bregenzer Festspielen.1996 wurde er  zum Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb eingeladen. Er  lebt heute als freier Schriftsteller in Wolfurt und Wien. Neben fünf weiteren Literaturpreisen wurde Arno Geiger der erste Träger des Deutschen Buchpreises mit „Es geht uns gut“ (2005).

Nun hat er nach dem Kurzgeschichtenband „Anna nicht vergessen“ (2007) einen neuen Roman veröffentlicht.

 

 

„Alles über Sally“ erzählt die Geschichte einer Ehe, einer Ehe, die schon seit 30 Jahren hält, die älteste Tochter ist aus dem Haus, die beiden halbwüchsigen jüngeren leben noch bei den Eltern, die Beziehung nimmt ihren ruhigen Lauf. Während eines Urlaubs gehen sich Sally und Alfred gehörig auf die Nerven und während Sally gerade über Alfreds Unzulänglichkeiten sinniert, bringt ein Anruf von zu Hause ihre zwar langweilige und ein wenig öde, aber insgesamt recht angenehme Welt durcheinander: ihr Haus wurde ausgeraubt!

 

Dieser Einbruch, der nicht nur ein Angriff auf ihr Hab und Gut darstellt, sondern auch ein Angriff auf ihr gewohntes Leben, wirkt wie ein Katalysator, der die beiden zu Fragen grundsätzlicher Art bringt. Alfred verfällt dem Trübsinn, er mag nicht mehr aus dem Haus gehen, hinterfragt alles und wird unsicherer.

Sally hingegen stürzt sich in eine Affäre mit Alfreds Freund und nun beginnt eine realistisch geschilderte Dreiecksgeschichte um Liebe, Verrat und Eifersucht.

Ihr heimlicher Liebhaber ist allerdings nicht nur Alfreds Freund, sondern er und seine Frau sind ein seit vielen Jahren miteinander vertrautes Ehepaar, beide betrügen also nicht nur ihre Partner, sondern auch ihre Freunde bzw. Freundinnen, was die Angelegenheit noch ein wenig verzwickter macht.

Später wird sich herausstellen, dass Sally nicht der einzige Seitensprung des gemeinsamen Freundes ist – wie Sally auf diese neue Wendung reagiert, ist ungewöhnlich und nicht vorhersehbar.

 

Gerade durch die Tatsache, dass es sich um ein älteres Paar handelt, das in einer stabilen – nicht glücklichen aber auch nicht unglücklichen  - Beziehung lebt, erhält die Geschichte einen eigenen Reiz.

 

Ob die gemeinsam erlebten Jahre letztendlich die Oberhand über den Reiz des Neuen gewinnen wird, müssen die Leser selbst erfahren, denn das wird erst gegen Ende des Buches geklärt.

 

 

Geigers plastischer, doch gleichzeitig eleganter Erzählstil überzeugt gerade durch die genaue Beschreibung an sich unwesentlicher Details der Beziehung. Wie sieht Sally ihren aus dem Leim gegangen Partner, der Stützstrümpfe gegen Krampfadern trägt – brutal und hart oder liebevoll? Oder ist beides möglich?

 

Auch wenn Sallys Verhalten nicht gerade sympathisch ist, beschreibt der Autor die inneren Beweggründe und Gedanken dieser klugen und interessanten Person so detailliert und nachvollziehbar, dass sie uns, ohne  ihre Handlungsweise weder zu billigen noch gut zu heißen, dennoch bewegt.

Gerade weil Geiger nie der Gefahr erliegt, gefühlig zu schreiben, versteht er es, uns zu rühren.

 

 

Ein Buch, das sich flüssig liest, nie langweilt und auf intelligente Weise unterhält.

 

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Graphivc Novel für klein und Groß über Chinas jüngere Vergangenheit

admin 11. März, 2010


 

 

Chen Jianghong

„An Großvaters Hand“

 

80 Seiten

Moritz Verlag

Aus dem Französischen übersetzt von Tobias Scheffel

24,80 €

 

 

Chen Jianghong wurde 1963 in Tianjin geboren. Er studierte Kunst in Beijing, lebt aber seit 1987 in Paris, wo er als freischaffender Künstler arbeitet.

Er hat sich einen Namen gemacht als Kinderbuchautor und Illustrator, seine Bücher wurden mit mehreren Preisen ausgezeichnet. So erhielt er für sein wunderschönes Bilderbuch „Han Gan und das Wunderpferd“ 2005 den Jugendliteraturpreis und für „Der Tigerprinz“ den „Luchs“ der ZEIT und den Rattenfänger Literaturpreis.

 

 

 

In seinem neuen Buch „An Großvaters Hand“ begibt er sich weg von dem Genre des Märchens, dem er bisher in seinen Bilderbüchern treu geblieben war. Er erzählt, malt und zeichnet seine eigene Kindheit im China während des großen Umbruchs.

Nun kann man fragen, ob die Kulturrevolution ein geeignetes Thema für ein Kinderbuch ist, das der Verlag mit der Altersempfehlung „ab 4 Jahren“  und versieht. Wenn man sich Jianghongs Buch genauer ansieht, kann man durchaus zu diesem Schluss kommen. Kleine Kinder werden große Freude daran haben, die vielen Details der Bilder zu entdecken und die Geschichte ist in einfachen Worten gehalten, die man als Erwachsener genau so vorlesen kann um verstanden zu werden. Es werden keine Grausamkeiten beschrieben und keine schrecklichen Einzelheiten erzählt.

Dennoch werden Kinder begreifen, dass es einfach traurig ist für die ganze Familie, wenn der Vater für lange Zeit weggeschickt wird. Was ein Umerziehungslager wirklich ist, muss ein Kind dabei nicht unbedingt verstehen.

 

Der kleine Chen lebt in einer intakten und glücklichen Familie auf dem Land in Nordchina ein ruhiges friedliches Leben. Sicher gibt es einige Probleme, so man muss sehr bescheiden leben und sich einschränken, aber die Großmutter kocht und näht, zieht kleine Küken auf und versorgt die Kinder gut. Zwar ist die große Schwester taubstumm, doch der kleine Chen freut sich darüber, dass sie ihm die Zeichensprache beibringt. Die Außenwelt entdeckt der kleine Junge vorwiegend an der Hand seines Großvaters. Mit ihm geht er in den Park, wo sie auf andere ältere Männer treffen, die darum wetteifern, wer den schönsten Singvogel besitzt; mit ihm erkundet er die Straßen und die Nachbarschaft.

 

Eines Tages ist plötzlich alles anders: Das Bild des Tigers an der Wand wird ersetzt durch das Bild Maos, die Familie wirft alte Fotografien weg und sieht nach, ob noch alle Bücher stehen bleiben können oder aussortiert werden müssen. Bald kommen die uniformierten Revolutionsgarden in die Häuser und überprüfen, ob die Bewohner linientreu sind oder noch dem alten Denken verhaftet.

 

Am Ende wird der inzwischen 8-jährige Chen, wie alle Kinder seines Alters, selber Rotgardist.

In tief berührenden Bildern erspürt man mehr die Veränderung, die das alles für das Leben eines Kindes hatte, als dass es wirklich genau erzählt wird. So sieht man den kleinen Chen bei einer freundlichen Nachbarin, die er gerne mag, kurz danach erfährt man, dass die Nachbarin weggebracht wurde und er sie nicht mehr sah. Den Rest muss man sich dazu denken.

Hier ist natürlich der erwachsene Vorleser gefragt, denn er wird selbst entscheiden müssen, wie viel er zusätzlich erklären kann oder möchte.

 

Jedenfalls ist das Buch, wenn man es denn als Kinderbuch betrachtet, ein sehr guter Einstieg, um die jüngere Geschichte Chinas ein wenig zu erklären, ohne zu sehr ins Detail gehen zu müssen.

Abhängig vom Alter und Verständnis der Kinder kann man das natürlich auch als Aufhänger für Gespräche über Freiheit und Diktatur nutzen.

 

Man kann das aber auch einfach bleiben lassen und sich an den vielen wunderschönen Zeichnungen freuen.

Ich tendiere sowieso dazu, dieses Buch weniger als normales Bilderbuch, denn als ein hochwertiges Kunstobjekt zu betrachten.

Sei es das Format, das Papier, die Farben sowie der Leinenrücken und natürlich die Zeichnungen – all das zusammen spricht die bibliophile Seele in uns an.

 

Es erinnert in seiner Art an eine „graphic novel“, wer beispielsweise die (verfilmte) sehr schöne Autobiographie der Iranerin Marjane Sartrapi „Persepolis“ mochte, wird auch von Chen Jianghongs „An Großvaters Hand“ begeistert sein.

 

 

 

Eine autobiografische Erinnerung, eine in klaren und schönen Worten erzählte Kindheitsgeschichte im China zur Zeit der Kulturrevolution.

Eine geniale Mischung zwischen  Bilderbuch, Graphic Novel und Kunstband.

 

Ein Buch für alle Menschen ab 4 Jahren bis ins hohe Alter, die Wert auf hochwertige Gestaltung und guten Geschmack legen.

 

 

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Bennett, Alan Die souveräne Leserin

admin 11. März, 2010

In der sehr schön gestalteten Salto Reihe des Wagenbach Verlags ist ein wunderbares  Bändchen erschienen, das auf keinen Fall übersehen werden darf!

 

Alan Bennett „Die souveräne Leserin“

Wagenbach Verlag 2008

ISBN: 9783803112545

120 Seiten  14,90 €

 

 

Alan Bennett wurde 1934 in Leeds geboren. Er, der Sohn eines Metzgers ist einer der erfolgreichsten englischen Dramatiker. Darüber hinaus ist er auch noch als Regisseur und Schauspieler tätig. Viele seiner Bücher sind ins Deutsche übersetzt worden, im Wagenbach Verlag erhältlich sind derzeit noch vier weitere Titel.

 

Inhalt:

 

Die Queen ist – wie man weiß – eine äußerst pflichtbewusste Dame, die ihr Leben lang die ihrem Amt auferlegten Aufgaben wenn auch nicht immer mit Begeisterung, so dennoch mit der inneren Befriedigung derjenigen, die wissen ihre Arbeit ist nützlich, erfüllt hatte.

Dass sie dabei immer absolut korrekt gekleidet war, mit fast preußisch zu nennender Haltung und einem freundlichen, aber kalkulierbaren Lächeln auf den Lippen, ist selbstverständlich.

 

Was ist nur geschehen, dass sie nun mit einer Strickjacke, die ihre Zofe insgeheim als „ein Verbrechen“ bezeichnet umherläuft und sie sich so oft wie  möglich den Gesprächen mit ihrem Berater entzieht und auch ihren Repräsentationspflichten nicht mehr ganz so pünktlich und immer unlustiger werdend nachgeht? Es soll sogar vorgekommen sein, dass sie ab und an ohne krank zu sein, Unwohlsein vortäuscht.

 

Diese Besorgnis erregenden Veränderung begann mit einem banalen Anlass: die unfolgsamen Corgis der Queen liefen mal wieder davon und als die Queen sie wieder einfing, kam sie vor einem Bücherbus zu stehen ganz in der Nähe ihres Palastes.

Von einem Bücherbus wusste sie bislang nichts, doch da sie ein höflicher Mensch ist, fühlte sie sich bemüßigt, sich ein Buch auszuleihen. Als ungeübte Leserin versuchte sie sich an einer trockenen und schwierigen Lektüre. Als sie  das Buch zurückzubringen wollte, stieß sie wieder auf den gleichen Küchenjungen der schon beim letzten Mal lesend im Bus saß. Sie bat ihn um Hilfe bei der Auswahl der Lektüre.

 

Auch wenn die persönlichen Vorlieben des Küchenjungen eher danach ausgerichtet waren, ob der Autor schwul war oder nicht, entpuppt sich doch der Gedankenaustausch zwischen ihm und der Queen als so fruchtbar, dass sie ihn zu ihrem persönlichen Pagen ernennt. Seine Hauptaufgabe besteht in der Auswahl der Lektüre der Königin und den gemeinsamen Gesprächen über Gelesenes.

Ja, die gute alte Elizabeth, die sich nie fürs Lesen interessiert hatte, tut nun praktisch nichts anderes mehr. Natürlich erfüllt sie weiterhin ihre unabdingbaren Aufgaben, aber jede freie (und auch manche nicht freie) Minute wird zum Lesen genutzt. Es ist selbstverständlich, dass sich so ein „Hobby“ auf den ganzen Menschen auswirkt.

Doch nicht nur die Queen selbst ist davon betroffen, sondern ihr Hofstaat, die Regierung, ihre Berater und in gewisser Weise auch das Volk.

So kann es nicht weiter gehen! (Das meinen zumindest einige sehr einflussreiche Personen). Ein Spiel der Intrigen beginnt.

Doch die Queen wird alle an ihrem 80. Geburtstag noch ordentlich überraschen!

 

Alan Bennett schreibt in einem sehr amüsanten und leichtfüßigen Stil. Er besitzt einen Humor, der einen zwar nicht zu Schenkel klopfenden Lachanfällen hinreißt, doch muss man bei der Lektüre immer wieder schmunzeln und ab und an auch in sich hinein kichern.

Herrlich sind die kleinen Spitzen, die er austeilt, die wie nebenbei die Politik und die „bessere“ Gesellschaft kritisieren. 

 

Mit seinem roten Leineneinband, dem praktischen und schönen Lesebändchen, der guten handwerklichen Verarbeitung und dem gelungenen Foto auf dem Cover lädt das Buch schon vom sinnlichen Aspekt her zum Lesen ein.

Ein witziges, kluges und anspruchsvolles Büchlein das zudem noch Lust auf weitere Lektüre macht. Nicht nur auf weitere Lektüre dieses Autors, sondern auch auf einige der Bücher, die auf der Leseliste der Queen standen.

 

 

Die ideale Lektüre für jeden Bücherfreund, jeden Liebhaber skurrilen englischen Humors und ein ideales Geschenk für jeden Menschen, der an Literatur interessiert ist. Möglicherweise ist es ein noch idealeres Geschenk für liebe Menschen, die man noch – ganz subtil - auf den Geschmack bringen möchte.

 

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