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Von Eisbären und anderen Menschen

admin 31. Juli, 2014

Im heißesten Sommer möchte ich zur Abkühlung einen Roman über Eisbären vorstellen.

Yoko Tawada
Etüden im Schnee

ISBN 9783887697372
Übersetzerin: Yoko Tawada
Konkursbuch Verlag Claudia Gehrke
12,90 €

Yoko Tawada  wurde 1960 in Tokio, der Hauptstadt Japans als Tochter eines Buchhändlers geboren. Sie lebt seit 1982 in Deutschland, größtenteils in Hamburg, aber seit 2006 in Berlin. Nach einem Studium der Literaturwissenschaft in Tokio und in Hamburg ist sie als freie Schriftstellerin tätig.

Im Laufe der Jahre erhielt sie unzählige Stipendien und Literaturpreise, u.a. war sie als Stipendiatin in der Villa Aurora im Feuchtwangerhaus in Los Angeles, sie erhielt den Chamissopreis, die Goethemedaille und viele japanische Literaturpreise. Über ihr Werk wird an den Universitäten geforscht und unterrichtet und sie gehört zu den nicht gerade dicht gestreuten Schriftstellern, die schon zu Lebzeiten Gegenstand von Untersuchungen und Forschungen der Literaturwissenschaft sind.Frau Tawada schreibt sowohl auf Deutsch wie auf Japanisch.Ihre zahlreichen auf Deutsch geschriebenen Bücher sind alle im kleinen Konkursbuchverlag erschienen, der ebenfalls eine Besonderheit darstellt, da er sich bemüht, seine Bücher immer lieferbar zu halten (zumindest die von Yoko Tawada) und nicht dem allgemeinen Trend verfällt, ein Buch nach knapp 2 Jahren, sollte es nicht gerade ein Bestseller sein, abzuschreiben.

Einige ihrer Buchtitel:
Talisman (Roman), Das Bad (Roman), Die Poetik der Transformation, Ein Gast (Roman), Abenteuer der deutschen Grammatik (Gedichte und Kurzprosa), Schwager in Bordeaux
Das nackte Auge - Roman / Yoko Tawada
(Roman), Aber die Mandarinen müssen heute noch geraubt werden (lyrische Texte), Wo Europa anfängt, Überseezungen (literarische Essays), Sprachpolizei und Spielpolyglotte (literarische Texte) und Das nackte Auge (Roman).

Ihre neueste Veröffentlichung kann man als eine Familiengeschichte, als ein Migrationsepos, aber auch als Tier-Mensch-Geschichte, als Ost-West-Roman und gut und gerne auch als hochkomische Literatur lesen. Frau Tawada hat das Buch auf Japanisch geschrieben und anschließend selbst ins Deutsche übersetzt.

Das Leben einer Eisbärengroßmutter, deren Tochter und des Enkelsohns werden auf originelle Weise literarisch begleitet: ihre Zeit im Zirkus, als Artisten und im Zoo wird kritisch, witzig und sehr phantasievoll entlang einer Migrationsgeschichte von der alten Sowjetunion über die DDR bis in den West-Berliner Zoo erzählt.

Es erstaunt nur wenig, dass sich der Enkelsohn als „unser Knut“, der Lieblingseisbär nicht nur der Berliner, entpuppt. Wir können hier also quasi einen Entwicklungsroman über Eisbär Knut und seine Vorfahren lesen.Im Stile einer Mehrgenerationensaga lernen wir zuerst Knuts Großmutter kennen etwa ihr enges Verhältnis zu ihrer Pflegerin/Zirkusdompteuse. Diese beiden (Eisbär und Frau) haben ein sehr enges und vielschichtiges Verhältnis zueinander. Doch die Bärin tritt nicht nur im Zirkus auf, sondern sie besucht auch politische Kongresse, wo sie beispielsweise über die Bedeutung des Fahrrads für die Volkswirtschaft spricht.

Unter dem Titel (den der Verleger ausgesucht hat) „Applaussturm für meine Tränen“ erringt sie einen großen Verkaufserfolg. Wir dürfen ihr Leben als Zirkusstar in der Sowjetunion mitverfolgen ebenso wie ihre „Flucht“ ins westdeutsches Exil, wo sie sich aber auch nicht lange aufhält, denn es zieht sie nach Kanada, also näher zu ihrer genetischen Heimat, in die Kälte.Ihre Tochter Tosca wiederum kehrt in die DDR zurück und erzählt uns Lesern nicht nur ihr Leben sondern auch die Geschichte ihrer menschlichen Partnerin.

Im dritten Teil lernen wir die Welt aus der Sicht von Knut kennen, selbstverständlich auch sein Verhältnis zu Matthias Dörfler, seinem Pfleger. Knuts Blick auf die Zoobesucher, auf seine Rolle als Star, aber auch als Symbol für Umweltschutz und seine „politische“ Bedeutung (man erinnert sich daran, dass Sigmar Gabriel ihn als Maskottchen gegen die Klimaerwärmung benutzt hat) wird sehr interessant dargestellt.
Dass das Ende ein eher trauriges ist, wissen wir zwar aus den Nachrichten (Knut ist tot, Dörfler ist tot, Michael Jackson ist tot und die Klimaerwärmung ist noch lange nicht gestoppt), das Buch selbst hingegen ist alles andere als trist…

Gleich am Anfang wird man in eine sonderbar anmutende in Ich-Form geschriebene Erinnerung eines Babys mit Fell hineingeworfen. Noch sonderbarer wird es dann, als dieses Baby beginnt zu schreiben. Doch je weiter die kleine Eisbärin mit dem Schreiben ihrer Autobiografie kommt, desto weniger verrückt kommt es einem vor. Ein schreibender Eisbär? Wenn er etwas Interessantes zu erzählen hat, warum nicht?

Es ist wahrlich nicht einfach, Yoko Tawadas Stil zu beschreiben, denn eigentlich ist er unvergleichlich. Mir fällt zumindest niemand ein, von dem ich sagen könnte, sie schriebe so ähnlich wie Herr oder Frau Soundso. Denn das tut sie nicht!Vielleicht mag es genügen, wenn ich sage, sie schreibt fantasievoll, kreativ, witzig und vor allem das: sie ist sich jeder ihrer Zeilen bewusst! Da ist nichts dahingeschludert oder so geschrieben, wie „einem der Schnabel wächst“, sondern sie ist jemand, der Sprache liebt und gerne mit ihr spielt und experimentiert.

Aber bitte nicht von dieser Einschätzung abschrecken lassen! Ich weiß, dass es Sprachexperimentierer gibt, die sich ganz schrecklich schwierig und sperrig lesen lassen, aber in diese Kategorie gehört Frau Tawada ganz sicherlich nicht. Im Gegenteil: dieser Roman lässt sich ganz wunderbar flüssig und eben auch sehr amüsant lesen.
Ich bin äußerst angetan von diesem fulminanten Ritt durch die Zeiten vor einem politisch und zeitgeschichtlich interessanten Hintergrund, der Tierrechtsaspekte streift und letztendlich sogar Michael Jackson von den Toten auferstehen lässt, damit sich dieser mit Knut über die Last, die Medienlieblinge zu ertragen haben, unterhalten kann.

Das hört sich alles absurd an? Mag sein, doch kann ich versichern, dass ich absolut fasziniert von dieser Geschichte war, mich köstlich amüsiert habe und – wie immer bei der Lektüre von Yoko Tawada – voller Bewunderung für ihren kreativen Umgang mit Sprache bin.Auf die Idee einen Migrantenroman als Satire aus Sicht einer emigrierten Eisbärenfamilie zu schreiben muss man erst einmal kommen!

Erwähnen möchte ich noch die Covergestaltung, die bei allen Büchern Tawadas aus dem Konkursbuchverlag Claudia Gehrke sehr gelungen ist: auf den ersten Blick hält man das Cover nämlich für eher langweilig, irgendwie weiß eben. Wenn man aber genau hinsieht, erkennt man dass es sich um ein Eisbärenfell handelt.

Ich kann diesen Roman mit bestem Gewissen jeder/jedem empfehlen, der Spaß an subtilem Witz hat und offen ist für Genre überschreitende Literatur. Genauso kann ich es aber auch jeder/m, der gute Unterhaltung und eine witzige Sommerlektüre sucht, ans Herz legen.

Lasst euch einfach überraschen!

Bestellen können Sie das Buch gerne bei mir in der Buchhandlung!

Antonia und die Bobos

admin 4. August, 2013

 

Doris Knecht „Besser“

Rowohlt Berlin

978387134705

284 Seiten

19,95 €

 

Doris Knecht wurde 1966 in Rankweil (Vorarlberg) geboren. Nach einigen Versuchen mit diversen Studienfächern (Architektur, Politikwissenschaften und Germanistik) wurde sie Journalistin. Beim bekannten Wiener Stadtmagazin „Falter“ war sie nicht nur lange als Schreiberin tätig, sondern hatte auch einige Jahre den Posten als stellvertretende Chefredakteurin. Danach folgten das Nachrichtenmagazin „Profil“ und der Schweizer „Tagesanzeiger“. Seit 2005 erscheint im „Kurier“ die Kolumne „Jetzt erst Knecht“.

Mit ihrem Romandebüt „Gruber geht“ 2011 kam sie auf die Longlist zum Deutschen Buchpreis. Einige kürzere Bücher hatte sie vorher schon in verschiedenen Verlagen veröffentlicht.Sie lebt zusammen mit ihren Zwillingstöchter und deren Vater, dem Musikredakteur Christian Schachinger zusammen in Wien.

Antonia ist eine junge Frau, die mit ihrem Leben nicht nur zufrieden sein könnte, sondern die es meistens auch ist. Sie, aus einer ganz anderen Gesellschaftsschicht kommend, hat mit Adam, ihrem Ehemann und dem Vater ihrer beiden kleinen Kinder einen wirklich „guten Fang“ gemacht. Adam ist nicht nur wohlhabend (oder reich? Wo genau ist da die Grenze zu ziehen?) und großzügig zu ihr und ermöglicht ihr ein finanziell sorgenfreies Leben, sondern er ist auch noch freundlich, klug, ein guter Vater – und er liebt sie.

 Antonia, die sich zwar innerlich nie ganz zugehörig fühlt zur Wiener „Bobo“- Szene (das heißt Bourgeois Bohemiens, musste ich auch nachsehen), zu diesen arrivierten Ex-Hipstern, ist Adam dennoch unendlich dankbar, dass er sie aus ihrem früheren Leben regelrecht gerettet hat. Sie versucht alles, ihren beiden Kindern, von denen gerade der Sohn etwas schwierig ist, eine gute Mutter zu sein, sie mag ihren Mann, dennoch hat sie oft das Gefühl, ihn hereingelegt zu haben, weil sie ihm von Anfang an immer etwas vorgespielt hat und das immer noch tut.

Die Tatsache, dass Antonia einen Liebhaber hat, von dem nur ihre Schwester Astrid und ihr bester Freund Moritz etwas wissen, belastet ihr Gewissen zwar auch, aber eher ist es ihre Vorgabe, eine andere zu spielen als sie wirklich ist. Die Künstlerin in ihrem Atelier, das ihr Adam gekauft hatte, die fürsorgliche Mutter, die Gastgeberin – das ist die eine Seite, doch die andere, die sich aus ihrer Vergangenheit speist, blitzt immer nur in Momenten auf.

Eine Alkoholkranke Mutter, eine große Schwester, die sie hasst und verleugnet, Drogensucht und ein Mann mit einer Narbe am Hals – diese Stichworte beschreiben eine dunkle Vergangenheit, die sich immer wieder in die doch eigentlich helle Gegenwart drängen.

Erst als die Gegenwart sich ebenfalls verdunkelt, als in ihrem Haus eine schreckliche Gewalttat begangen wird – an der sie sich indirekt schuldig fühlt – kommt es zu einer Konfrontation, zu einer Klärung.

 Ein etwas überraschendes (oder für mich nicht absolut verständliches) Ende setzt dann noch einmal einen interessanten Kontrapunkt zu dem Happy End, das sich vorher vage abzeichnete.

Doris Knecht schreibt in einem knappen Stil, mit ironisch zugespitzten Dialogen, vielen Gedanken und inneren Monologen, eine Sprache, die sich durchaus traut, nicht einfach chronologisch eine Story hintereinander weg zu erzählen.

Ich kannte die Autorin vorher nicht, aber sie ist in Österreich eine bekannte Kolumnistin, ihre Glossen „Alles was Knecht ist“ scheinen einen hohen Beliebtheitsgrad zu haben. Auch hatte sie mit ihrem Vorgängerroman „Gruber geht“ einen Achtungserfolg erzielt.

Ich kann mir gut vorstellen, dass sie eine exzellente Kolumnistin ist, denn sie schreibt scharfzüngig, bissig, dann wieder emotional und alles andere als belanglos.Mir jedenfalls gefällt ihr abwechslungsreicher und locker zu lesender Stil, der dennoch immer wieder zum Innehalten und Nachdenken anregt, sehr gut.

Als ich das Buch – ohne großes Vorwissen – begann, war mir nach wenigen Seiten klar, dass ich es mochte, dass es eines der Bücher wird, die ich auch schnell durchlesen möchte.

Stellenweise begeisterte es mich sogar richtiggehend. Knechts Art souverän abzuwechseln zwischen amüsanten Beschreibungen von Antonias Mitmenschen, die sie (mit wenigen Ausnahmen) von einer distanzierten Warte aus regelrecht zerlegt und dann wieder dem depressiven Graben in ihrer dunklen Vergangenheit – das hat was!

Ich fand es auch spannend, heraus zu finden, was eigentlich mit der Protagonistin früher los war, die Andeutungen die in Richtung Heroin, Gewalt und Kriminalität gehen, reizten zum Weiterlesen. Allerdings wurde hier auch eine Spannung aufgebaut, die letztendlich nicht wirklich hundertprozentig eingelöst wurde, denn so richtig schlau wurde ich zum Schluss dann auch nicht, ein wenig herumrätseln bleibt dann doch noch.

 In manchen Rezensionen wird das Buch als „Frauenroman“ bezeichnet, doch das könnte auf die falsche Fährte führen. In meinen Augen ist das jedenfalls keiner dieser Romänchen über Prosecco trinkende Frauen, die mal hier ein Problemchen haben und mal da eins, sich über ihre Cellulite ärgern und außer ihrer eigenen Wirkung auf Männer wenig bis nichts im Kopf haben. Wer auf so was Lust hat, findet jede Menge anderer Bücher, aber sollte sich lieber nicht an Doris Knecht, die wesentlich mehr Tiefgang hat und vor allem über einen sehr viel literarischeren Schreibstil verfügt, vergreifen.

 Manche der Figuren hätten mich stärker interessiert, doch so richtig innerlich kennen lernt man eigentlich nur Antonia selbst (und auch die nicht in letzter Konsequenz). Am stärksten fand ich den Roman an den Stellen, an denen Knecht ausbricht aus ihrer amüsanten Ironie und die „Bobos“, die ja zum Teil ihre Freunde sind, als echte Menschen mit echten Schicksalen beschreibt. Die Momente, in denen Adam nicht nur der nette Lebensretter ist, sondern ein richtig liebenswerter Mensch mit Ecken und Kanten und in denen ihre reizenden Kinder durchaus mal unausstehlich sind – kurz gesagt: immer dann wenn sie Menschen und nicht nur Romancharaktere beschreibt.

 Doris Knecht kann das, sie kann das sogar sehr gut, aber sie bleibt insgesamt doch noch ein wenig zu sehr an der Oberfläche der Charaktere.

 Man könnte sagen: Da geht definitiv noch mehr! Jedenfalls werde ich diese Autorin im Auge behalten als ein viel versprechendes Talent.

   Ein lesenswerter Roman mit Tiefgang, gut geschrieben, zwar mit kleinen Mängeln, über die man aber großzügig hinwegsehen kann.

 

Bestellen können Sie das gerne gleich hier:

 

Tochter Speers setzt ihrer jüdischen Lehrerin ein literarisches Denkmal

admin 5. Oktober, 2012

Hilde Schramm „Meine Lehrerin Dr. Dora Lux – Nachforschungen 1882 – 1959“

Rowohlt Verlag

19,95 €

 

Hilde Schramm, 1936 geboren, Erziehungswissenschaftlerin, Vizepräsidenten des Berliner Abgeordnetenhauses 89/90 für die Alternative Liste, engagiert in humanistischen, demokratischen und Menschenrechtsorganisationen, ist die Tochter von Albert Speer. Ihre Familiengeschichte trug zu einer ganz persönlichen Aufarbeitung des Nationalsozialismus bei.

 

Mit der Biografie ihrer Lehrerin Dr. Dora Lux setzt sie einer starken, integren und ungewöhnlichen Frau ein Denkmal.

 

Dora Lux war nicht nur eine der ersten Abiturientinnen in Deutschland und eine der ersten, die promovierten, sondern auch jemand, der sich für Frauenrechte und für Demokratie einsetzte. Dass sie auch jüdischer Herkunft war, bescherte ihr ab 1933 ein Berufsverbot.

Der ungeheure Mut, noch Jahre nach der Machtergreifung der Nazis regimekritische Artikel zu publizieren, sowie ihre Weigerung, sich als Jüdin registrieren zu lassen, fordert Respekt und Erstaunen ein.

 

Aufgrund jahrelanger Nachforschungen gelang es Hilde Schramm, das Leben dieser mutigen und fortschrittlichen Frau, die noch in hohem Alter in der Nachkriegszeit als Lehrerin tätig war, sehr lebendig nachzuzeichnen.

 

Die Biografie – auch durch viele Fotos bereichert – liest sich trotz großer Genauigkeit nie spröde, sondern flüssig und anregend.

Gute Biografien müssen nicht immer von berühmten Menschen handeln, oft sind es gerade die über unbekannte „Heldinnen“, die uns besonders berühren.

 

Ich empfinde das als ein hochinteressantes Buch, das nicht nur inhaltlich, sondern auch stilistisch gelungen ist und den Leser/die Leserin informierter und klüger hinterlässt.

Es geht eben nicht nur um die Aufarbeitung von jüdischen Schicksalen während der Nazizeit, sondern auch um die Bedeutung des Kampfes um den Zugang zu Bildung, anspruchsvoller Arbeit von Frauen, kurz gesagt: um Frauenemanzipation.

 

Eine klare Leseempfehlung für jede/n, der geschichtlich und politisch interessiert ist sowie für Menschen, die Interesse an Biografien herausragender Frauen haben.

 Hier bestellen

 

Krieg in Deutschland -und wir suchen Asyl?

admin 5. März, 2011

Janne Teller Krieg -

Stell dir vor, er wäre hier

Übersetzerin aus dem Dänischen:  Sigrid EngelerIllustrationen: Helle Vibeke Jensen Hanser Verlag
gebunden, 64 Seiten
ISBN 978-3-446-23689-9

6.90 €

 

Der Ich-Erzähler ist ein Junge aus Deutschland, etwa 14 Jahre alt, der in einem von Bomben zerstörten Haus lebt, seine Mutter leidet an einer Lungenentzündung, es ist kalt, die Wände sind teilweise nicht mehr vorhanden, die Familie leidet Hunger. Teile der Familie sind schon im Krieg umgekommen, der große Bruder gehört der Miliz an, die Familie weiß nicht, wie sie einen weiteren kalten Winter überleben soll. Dem Vater gelingt es, zu fliehen, doch es gibt Probleme mit dem Familiennachzug.

Nach vielen Problemen und Schwierigkeiten gelingt die Flucht schließlich – und zwar nach Ägypten. Dort werden sie in ein großes Flüchtlingslager gebracht, wo sie zwar versorgt werden, aber wo es Konflikte mit den ebenfalls geflohenen Franzosen – den Kriegsgegnern – gibt. Sie leben nun in einem Land, dessen Sprache und Sitten sie nicht verstehen, wo sie nicht arbeiten dürfen und wo sie nicht anerkannt werden. Immerhin erhalten sie nach einigen Jahren Asyl und beginnen sich eine kleine Existenz zu schaffen.

Die Sehnsucht nach Deutschland bleibt, doch diejenigen die heimlich wieder dort waren zu Besuch, sagen, dass sich alles ganz schrecklich verändert hätte…

Irgendwann sagt der Junge, der nun kein Junge mehr ist, dass er das Gefühl habe, ihm seien große Teile seines Lebens gestohlen worden, er gehört nirgends richtig hin. Er fühlt, dass er dankbar sein muss für die Rettung seines und seiner Familie Leben, er ist es auch, aber dennoch: so hatte er sich als Kind sein Leben nicht gewünscht!

Es ist erstaunlich, wie viele Details und wie viel mehr an Inhalt (das Leben der Schwester beispielsweise) Janne Teller auf diesen paar Seiten unterbringt und wie sie den Leser dazu anregt, sich noch viel mehr zusätzliche Details auszumalen.

In einer klaren und knappen – einfachen – Sprache kommt dieser Text sehr eindringlich daher. „Krieg, stell dir vor, er wär’ hier“ so lautet der Untertitel des Buches und genau das gelingt der Autorin mit diesem Appell an die Vorstellungskraft auch. Man wird durch ihre suggestiven Aufforderungen, sich alles „anders herum“ zu denken sofort in das Buch hineingezogen. Wie es Frau Teller versteht, mit einem einfachen Perspektivenwechsel tiefstes Verständnis für die Nöte von Asylbewerbern zu wecken, das ist grandios und bewegend!

 

Janne Tellers Buch regt tatsächlich zum Nachdenken an, auf unterschiedliche Weise und auf unterschiedlichen Ebenen.

Dieses Buch muss – und wird hoffentlich auch – den Weg in sehr viele Schulklassen finden, denn es eignet sich hervorragend zu Diskussionen, egal ob im Deutsch- oder im Geschichts – oder im Sozialkundeunterricht oder meinetwegen auch in Geographie.

Ich werde es dringend jedem Lehrer/ jeder Lehrerin die den Weg in unsere Buchhandlung findet, anraten und natürlich auch den jungen (und älteren) Lesern selbst.

 

Sie können das Buch gleich hier bei mir bestellen

 

Philip Roth’s “Nemesis” - wieder ein Meisterwerk!

admin 10. Februar, 2011

Philip Roth „Nemesis“Übersetzer: Dirk van GunsterenISBN 9783446236424Hanser Verlag  18,90 € Original:„Nemesis“ Random HouseISBN 978022408953119,30 € 

Philip Roth wurde 1933 in Newark, New Jersey als Sohn einer gutbürgerlichen jüdisch- amerikanischen Familie geboren. Mittlerweile ist er der Träger aller wichtigen amerikanischen Literaturpreise, so z.B. des PEN-Faulkner Awards, des National Book Awards und des Pulitzerpreises und vieler internationaler Preise. Er gehört unstrittig zu den höchstrangigen zeitgenössischen Schriftstellern des 20. und 21. Jahrhunderts.

Es fehlt nur noch der Nobelpreis, den er aber allemal verdient hat und auf den ich immer noch für ihn hoffe.
Nach zwei gescheiterten Ehen lebt er heute allein  auf einer Farm in Connecticut.

Wie nahezu alle seiner Romane spielt auch dieser im kleinen Städtchen Newark in New Jersey im jüdischen Milieu.Der junge Lehrer Bucky Cantor nimmt seinen Sommerjob, die Beaufsichtigung eines Sportplatzes im jüdischen Viertel von Newark sehr ernst. Er liebt Kinder, er liebt Sport und er versteht es, die ihm anvertrauten jungen Menschen zu motivieren, ihnen soziales Verhalten beizubringen wie auch die Ordnung auf dem großen Platz einigermaßen aufrecht zu halten. Er ist beliebt, er kann etwas und ist zufrieden mit sich und der Welt. Zwar vermisst er seine Freundin, die als Leiterin eines Sommercamps ebenfalls mit Kindern und Jugendlichen unterwegs ist, doch sonst fehlt nicht viel zum absoluten Glück.Wir befinden uns im Jahr 1944, der 2. Weltkrieg ist im vollen Gange, Bucky bedauert, dass er seinen Teil zum Gelingen des Kriegsausganges nicht leisten kann, gerne wäre er – wie die meisten Gleichaltrigen – Soldat geworden, doch seine Kurzsichtigkeit hielt ihn davon ab. Umso größer ist sein Pflichtbewusstsein, die ihm zu Hause gestellte Aufgabe optimal zu erfüllen. Doch da bricht mitten in der Gluthitze des Sommers eine Epidemie aus: Kinderlähmung! Sind am Anfang noch wenige Kinder betroffen, davon aber einige, die Bucky besonders am Herzen lagen, breitet sich die Krankheit immer schneller aus. Keiner weiß, wie das richtige Verhalten aussehen sollte: soll man die öffentlichen Sportplätze schließen oder ist es eher besser, normal weiter zu machen, keine Panik aufkommen zu lassen und die Kinder an die frische Luft zu lassen? Buckys Freundin drängt ihn aus Angst um ihn, zu ihr in das Sommercamp zu kommen, eine Stelle als Sportlehrer sei gerade frei geworden. Bucky kämpft mit sich, seinem Pflichtbewusstsein, seiner Liebe und entschließt sich letztendlich, das Angebot anzunehmen.  Doch das Gefühl, „seine“ Kinder hier in der Stadt verlassen zu haben, verfolgt ihn, es ist leider nicht das einzige was ihn verfolgt. Polio macht nicht halt hinter den unsichtbaren Grenzen des jüdischen Viertels von Newark, auch wenn einige Rassisten die besonders hohe Quote dort als Gottes Strafe ansahen. Es ist schwer, ohne zu viel zu verraten, weiter über den Inhalt zu sprechen, so viel sei mir dennoch noch gestattet:Es geht darum, wie sehr ein Einzelner Einfluss auf sein Schicksal hat, wie ehrlich Liebende zueinander sein können und sollen und wie man mit der Härte des Lebens zurecht kommt  – und ob das überhaupt geht. Klingt zu allgemein? Möglich, aber alles was ich konkret nennen könnte, nähme zu viel vom Inhalt vorweg.Philip Roth ist ein grandioser Stilist. Seine Sprache ist ein Genuss, er ist jemand, der es versteht ohne manieristische Spielereien so zu schreiben, dass es zwar irgendwie „einfach“ bleibt, aber nie flach oder platt. Er nimmt seine Charaktere ernst, aber auch die Themen, um die es ihm geht. Niemals schreibt er etwas nur so hin, damit ein bestimmtes Gefühl nur angedeutet wird, nein, alles hat seinen Sinn. Sehr angetan war ich mal wieder von der Konstruktion des Romans. Hier wird irgendwann noch im ersten Drittel des Buches eine Ich-Stimme auftauchen, von der man erst am Ende erfährt, um wen es sich handelt. Sie tritt nicht oft in den Vordergrund, aber immerhin doch so oft, dass zusätzliche Spannung erzeugt wird. Obwohl es nicht wirklich um „Spannung“ im Sinne von „suspense“ hier geht, aber er weiß einfach, wie man ein vielschichtiges Werk noch ein wenig vielschichtiger macht.

Großartig auch wieder seine Fähigkeit, obwohl er so viele Details beschreibt, dennoch nichts Überflüssiges, kein Geschwafel hineinzubringen. Wieder – wie schon in einem seiner absolut besten Romane „Empörung“ – handelt es sich um ein verdichtetes, relativ kurzes Buch, in dem dennoch eine ganze Welt enthalten ist.

 Welche Ausmaße die Polio-Epidemie annahm, was sie für die Betroffenen bedeutete, das alles hatte ich bisher überhaupt nicht gewusst. In meiner Kindheit liefen schon noch Kinder mit Lähmungen und Deformationen umher, von denen ich wusste, dass sie an Kinderlähmung erkrankt waren, doch war mir absolut nicht bewusst, wie gefährlich, wie weit verbreitet und wie oft es nicht „nur“ Lähmungen waren, die die Krankheit bewirkten, sondern der Tod.So schließt Roth zwar hier auch eine historische Bildungslücke meinerseits, aber das hätte ich auch einfacher haben können. Was mich hier so betroffen machte, war die eindringliche Art, mit der er sich einer der Urängste der Menschheit, die Angst vor Epidemien, annimmt. So detailliert und genau er in jedem seiner Bücher auf menschliche Eigenheiten eingeht, so klar er Charaktere in all ihren Widersprüchen zeichnet, so genau zeichnet er auch hier das langsame Anschwellen der Angst bis zu ihrem Höhepunkt nach. Das ist ergreifend, beängstigend und unheimlich!   Die Liebesbeziehung von Bucky und seiner Freundin endet auf eine Weise, die ich nicht so vorausgesehen hätte, das Verhältnis der beiden und überhaupt Buckys feste Einstellung zum Leben auch in anderer Hinsicht ist nicht so, dass ich es teile, es geht also weniger darum, wie „sympathisch“ Bucky uns nun ist, sondern um diese gewisse Ausweglosigkeit, in der sich Menschen befinden. Wie der Einzelne damit umgeht, wie Menschen sich Schicksalsfragen stellen – das sind Grundthemen des Lebens, wie sie nur selten jemand so tief und bewegend wir Philip Roth bearbeitet. Alter Mann, nur weiter so!  Irgendwann kommt der Tod, aber vielleicht vorher doch noch der Literaturnobelpreis!

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