Die stille Wut der Leserin

admin 24. Januar, 2017

Ich schreibe hier sonst immer nur über Bücher, die ich Ihnen bzw. euch empfehlen möchte. Bücher, die ich toll fand, die mich berührt haben, die ich informativ fand, lustig, spannend - jedenfalls so gut, dass ich denke, es ist eine Bereicherung sie zu lesen.

Dieses Mal ist es ein wenig anders, denn der Krimi, den ich kürzich gelesen habe, hat mich eher wütend gemacht.

Das Beste daran ist jedenfalls der Titel, der hat was.

Isabella Bach, Die stille Wut der Tante Sutton Verlag 12,99 €

Interessant fand ich auch, dass er in Berlin spielt und dass es um das Thema Tollwut geht - daraus könnte man doch etwas machen. Auch  der Verlag ist mir (allerdings eher durch historische Berliner Fotobände) durchaus positiv bekannt. Doch was sich Isabelle Bach hier ausgedacht hat, das ist leider wirklich nur unausgegoren und  zusammengeschustert.

Worum geht es?

Valentina Bergh ist Sekretärin in Frankfurt, sie ist chronisch krank, mit ihrer Familie zerstritten und nicht gerade zufrieden mit ihrem Leben. Als ihre Berliner Tante, eine recht erfolgreiche Krimischriftstelleri, ihr anbietet zu ihr zu ziehen, freut sie sich und nimmt gerne an.

Doch als sie dort ankommt, ist die Tante gerade verstorben. Gemeinsam mit einer Berliner Freundin versucht sie nun herauszufinden, woran die Tante gestorben ist. Verdächtige Nachbarn gibt es zuhauf: einen aufdringlichen Apotheker, einen zutiefst unglücklichen Arzt (dessen Familie gerade an Tollwut gestorben ist), eine aufsässige Putzfrau samt behinderten gärtnernden Sohn. Und dann gibt es da noch den Onkel der Freundin, der mittlerweile Polizist ist und den Valentina von klein auf angehimmelt hat.

Man könnte denken, das ist doch eine Mischung aus der man etwas machen könnte. Ja, könnte man auch. Wenn es nicht schon an der Grundvoraussetzung fehlte, nämlich daran, wieso Valentina eigentlich denkt, es gäbe einen Kriminalfall. Die Verdachtsmomente die sie heranzieht sind so hanebüchen, so unüberzeugend, dass ich mich die erste Hälfte des Buches fragte, wieso sie eigentlich davon überzeugt ist, dass die Tante ermordet wurde. Sie und ihre Freundin spinnen Hirngespinste zusammen die pubertär und sinnlos sind. Natürlich war mir von Anfang an klar, dass es sicher ein Mord war (sonst wäre es ja kein Krimi) und auch die Tatsache, dass Valentina ihrer Tante nacheifern möchte und auch Krimischriftstellerin werden spricht dafür.

Logisch ist das aber an keiner Stelle. Also, mein erster Eindruck: absolut unspannend und eine an den Haaren herbeigezogene Handlung.

Was mich aber letztendlich viel mehr störte, das waren sprachliche Mängel und Logikfehler, aber auch der bemühte Humor. Zugegeben, Humor ist immer etwas sehr persönliches und vielleicht gibt es ja Leser, die Ausdrücke wie ” Ach du liebe Entengrütze” (statt “heilige Scheiße”) oder “bis neulich” (statt “bis später) witzig finden, ich finde es nur doof.

Keiner der Charaktere wirkt echt, niemand ist überzeugend, die Reaktionen sind oft so sonderbar, dass ich sie dreimal lesen musste, bis ich verstand, auf was sie abzielen. Nur ein Beispiel: der Apother-Nachbar erklärt, dass heimische Fledermäuse Überträger von Tollwut sein können. Valentina findet das anscheinend so verrückt, dass sie sich fast in die Hosen macht. Sie macht sich lustig über den Apotheker. Aber warum sie so reagiert (anstatt das einfach interessant zu finden, nachzufragen, vielleicht sich darüber schlau zu machen), das bleibt ihr Geheimnis.

Mein Missvergnügen stieg von Seite zu Seite, immer mehr unglaubwürdige Menschen mit noch unglaubwürdigeren Reaktionen (auf die Spitze getrieben wird das bei einer Ärztin im Krankenhaus, diese Frau ist nur noch eine Karikatur ihrer selbst, die Autorin meint das aber leider ernst) - und immer noch keine Spannung!

Zwischendrin eine sehr sonderbare Liebesgeschichte, bei der man sich auch nur an den Kopf langen kann.

Ich habe- das muss ich ehrlich sagen - schon sehr lange keinen so blöden Krimi mehr gelesen.

Wenn dennoch jemand (immerhin kostet das Buch nicht viel - und wie gesagt - die Geschmäcker sind ja verschieden - das bestellen möchte, kann es gerne bei mir in der Buchhandlung tun

Eine jüdische Familiengeschichte

admin 17. Januar, 2017

Marcia Zuckermann

Mischpoke

Frankfurter Verlagsanstalt

24 €

Marcia Zuckermann wurde 1947 in Ost-Berlin geboren. Ihr jüdischer Vater überlebte den Holocaust als politischer Gefangener im KZ Buchenwald, ihre protestantische Mutter war als Kommunistin im Widerstand aktiv. 1958 musste die Familie die DDR als Dissidenten verlassen. In West-Berlin absolvierte Marcia Zuckermann eine Ausbildung als Werbewirtin im Verlagswesen und war Mitbegründerin und Geschäftsführerin einer Zeitschrift. Sie lebt als freie Journalistin und Autorin in Berlin.

Mischpoke bedeutet im Jiddischen „Familie“  - und um einen Familienroman, der die Kohanims über 100 Jahre hinweg begleitet, handelt es sich hier auch.

Samuel Kohanim, Sägewerksbesitzer in Westpreußen hat sieben Töchter, die unterschiedlicher nicht sein könnten, es eint sie nur der Wunsch nicht so zu werden wie ihre verhärtete und verbitterte Mutter Mendel.

Die Auswirkungen des Ersten Weltkriegs treiben große Teile der Familie nach Berlin. Zwischen dem roten Wedding und bürgerlichen Modeateliers, Kommunisten und Zionisten lesen wir von Liebesgeschichten, davon mehr unglückliche als glückliche, Mischehen, geliebten und ungeliebten Kindern, Schwestern die sich spinnefeind sind, sich dann aber doch in der Not helfen, Antisemiten und Nazis. Leider lesen wir auch von vielen Toten und von viel Leid, aber wie sollte das bei einer jüdischen Familiengeschichte, die im 20. Jahrhundert spielt, auch anders sein. Bewundernswert mit wie viel Verve, mit welch tollen Charakterbeschreibungen und auch mit Humor die Autorin die Geschichte ihrer eigenen Familie lebendig macht!

Marcia Zuckermann versteht es hervorragend, mit diesem rasanten, gewitzten und bewegenden Roman einen ganz eigenen und persönlichen Akzent zu setzen. Sie erzählt authentisch über deutsche, polnische und jüdische Zeitgeschichte und findet durch die – leider etwas zu kurz gekommene – Rahmenhandlung auch noch den Bogen zur aktuellen Flüchtlingsdebatte.

Ein lesenswerter Roman!

Elvira Hanemann

Über eine Bestellung bei mir in der Buchhandlung würde ich mich freuen!

Luggi kehrt zurück

admin 6. November, 2016

Friedrich Ani

Nackter Mann der brennt

Suhrkamp Verlag 20 €

Friedrich Ani, geboren 1959, lebt in München. Er schreibt Romane, Gedichte, Jugendbücher, Hörspiele, Theaterstücke und Drehbücher. Sein Werk wurde mehrfach übersetzt und vielfach prämiert, u. a. mit dem Deutschen Krimi Preis, dem Adolf-Grimme-Preis und dem Bayerischen Fernsehpreis.

Das ist der ungewöhnlichste Kriminalroman, den ich seit langem gelesen habe!

Und das, obwohl es in der Geschichte um Kindesmissbrauch geht, ein Thema, um das ich mittlerweile einen großen Bogen mache, weil es mir zu aufgesetzt schockierend, zu voyeuristisch und zu abgeschmackt ist. Doch es gibt Ausnahmen: der neue Roman von Ani ist eine solche.

Wir erleben das Geschehen aus Sicht des Mörders, der uns an seine Rache teilnehmen lässt. Als älterer  Mann, verbraucht und gezeichnet von Drogen- und Alkoholmissbrauch kehrt Luggi Dragomir in das Dorf seiner Kindheit zurück. Mit 14 Jahren ist er von dort geflohen, niemand erkennt ihn mehr. Die späte  Rückkehr verdankt er seinen Alpträumen und seinem schlechten Gewissen. Er und andere, jüngere Kinder wurden damals von den Honoratioren des Dorfes missbraucht – und er konnte weder sich noch den Kleineren helfen. Jedes einzelne dieser Kinder wurde gebrochen, doch die alten Männer jedoch genießen ihr Leben als angesehene Mitglieder der Gesellschaft. Ist Luggi also eine positive Identifikationsfigur, eine Art Robin Hood der Schwachen und Missbrauchten? Gar so einfach macht Ani es sich nicht, die Charakterisierung seines „Helden“ fällt sehr differenziert aus – die Story nimmt den Leser mit in schreckliche Abgründe und zeigt sehr gut auf, wie aus Opfern Täter werden.

Anis Sprache ist eigenwillig, herb, stellenweise hochpoetisch, dann wieder brutal –niemals schludrig oder trivial, immer treffend und präzise. Sehr ungewöhnlich und anspruchsvoll!

Bestellen können Sie das gerne über meine Buchhandlung!

Gegen Hass und Ausgrenzung - für Diversität!

admin 19. Oktober, 2016

Carolin Emcke, Gegen den Hass

Fischer Verlag 20 €

Die Preisträgerin des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 2016 (letztes Jahr erhielt Navid Kermani diesen Preis) hat soeben ein neues Buch veröffentlicht.

Carolin Emcke, 1967 geboren, promovierte Philosophin, erlangte besonders durch ihre Texte aus Kriegs- und Krisenregionen, die sie zwischen 1998 bis 2013 bereiste Bekanntheit. Ihre Bücher „Von den Kriegen“ und „Weil es sagbar ist“ handeln von dieser Zeit.

Mit „Wie wir begehren“ erzählt sie von ihrem eigenen homosexuellen Coming-Out sowie von der politischen und sozialen Bedeutung des sexuellen Handelns.

In „Gegen den Hass“ legt sie ein kluges, differenziertes aber auch leidenschaftliches Plädoyer für eine offene Gesellschaft vor.

Beginnend mit der Hetzjagd auf Flüchtlinge im sächsischen Clausnitz berührt sie Themen wie die neue Rechte in Gestalt von Pegida und Co., über die Wahrnehmung von dunkelhäutigen Menschen in den USA, erklärt die dortige Black-lives-matter-Bewegung über die Intoleranz gegen Transgender-Personen bis hin zu der menschenverachtenden Propaganda der IS.

Man könnte meinen, das sei ein sehr weiter Bogen, den sie da spannt und das alles sei auf 240 Seiten nicht abzuhandeln. Doch Carolin Emcke hakt diese Themen auch nicht einfach ab, sondern setzt sie in einen Zusammenhang. Ihre These lautet: ein Staat, ein Gemeinweisen, ist immer dann am stärksten, wenn er/es offen ist. Je diverser desto sicherer und besser lebt es sich für den Einzelnen, aber auch für das kollektive Wir.

Echte Demokratie ist nur dann zu haben, wenn alle in dieser Demokratie Lebenden daran partizipieren, wenn Minderheiten mit Respekt begegnet wird und wenn die Art und Weise wie wir leben, mit allen immer wieder neu ausgehandelt wird. Ein ausführlicher und präziser Anhang lädt ein dazu, sich weiter zu informieren.

Besonders gut gefiel mir ihr “Lob des Unreinen”, ein Essay in dem sie sich mit der hirnrissigen These dass ein möglichst reines unvermischtes Volk (oder auch eine sehr eng ausgelegte Version einer Religion) etwas Erstrebenswertes sei, auseinander setzt. Sie hingegen spricht sich für die kulturelle, religiöse, sexuelle Verschiedenheit in einem säkularen Rechtsstaat aus.

Ein intelligenter, sehr gut lesbarer Appell an jeden Einzelnen, sich drängenden gesellschaftlichen Fragen zu stellen – und sich nicht mit einfachen Antworten auf komplexe Fragen zu begnügen.

Bestellen können Sie dieses höchst lesenswerte Buch bei mir in der Buchhandlung Thaer

Mit der Raumpatrouille durch die Kindheit

admin 4. Oktober, 2016

Matthias Brandt

Raumpatrouille

Kiepenheuer & Witsch

18 €

Matthias Brandt ist als sehr guter Schauspieler bekannt  - und als Sohn von Willy Brandt. Mit dem Geschichtenband „Raumpatrouille“ debütiert er nun als Schriftsteller.

So locker, mit viel trockenem Humor und menschlicher Wärme wie er diese Geschichten aus der eigenen Kindheit geschrieben hat, bin ich mir sicher, dass es unmöglich dabei bleiben wird. Ich jedenfalls hätte große Lust, noch mehr davon zu lesen.

Besonders beeindruckt mich, wie er sehr Privates erzählt, ohne voyeuristische Bedürfnisse zu befriedigen. Zwar gibt es in den vierzehn Kapiteln zwei,  in denen bekannte Politiker (Wehner und Lübke) vorkommen, aber das war es dann auch schon.

Der Rest erzählt von der Kindheit und dem Aufwachsen in einer rheinischen Kleinstadt in einer Zeit als man eben Raumpatrouille im Fernsehen sah und Astronaut im Garten und mit „Welthölzern“ spielte – was durchaus auch gefährlich sein konnte.

Sicher rührt es an, wenn man die Reise des kleinen Jungen mit seiner Mutter nach Norwegen miterlebt oder ihm der Vater, dem er ein wenig Zeit abtrotzt,  ein Buch vorliest. Doch das würde es auch, wenn es sich dabei nicht um Rut und Willy Brandt handelte.

Matthias Brandt fängt witzige und melancholische Momente ein, er erzählt von einem phantasiebegabten Kind, das unter ein wenig anderen Bedingungen als die anderen aufwächst (Personenschutz!), aber er zeigt gleichzeitig eine fast allgemeingültig zu nennende Entwicklung eines Menschen auf, der 1961 in der BRD zur Welt kam.

Interessanterweise kam gleichzeitig auch eine Musik CD von Jens Thomas heraus „Memory Boy“, die von diesem Buch inspiriert wurde. Beides passt sehr gut zusammen.

Ein wirklich sehr schöner kleiner Band, dem man ruhig auch mal Menschen, die sonst keine Kurzgeschichten mögen, in die Hand drücken darf!

Bestellen können Sie das gerne in der Buchhandlung Thaer

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