Feuchtwanger, Brecht und das kalifornische Exil

admin 21. June, 2011

Klaus Modick „Sunset“
Eichborn Verlag 18,95 €
ISBN:9783821861173
Klaus Modick, 1951 in Oldenburg geboren, studierte Germanistik, Pädagogik und Geschichte, in Literaturwissenschaften promovierte er über Lion Feuchtwanger. Die Liebe zu diesem Schriftsteller verließ ihn nie und bringt uns Leser nun das große Vergnügen diesem in „Sunset“ wieder zu begegnen.
Modick ist seit 1984 ausschließlich  als Schriftsteller und Übersetzer tätig.
In der Doppelbedeutung des Wortes „Sunset“ das zugleich auf die Sunset Boulevard in Hollywood anspielt wie auf den Lebensabend, den Sonnenuntergang des Lebens, wird schon das Geschehen in etwa umrissen. Modick schildert nur einen einzigen Tag im Leben des alten Lion Feuchtwanger. Bei Sonnenaufgang erhält dieser ein Telegramm von J.R. Becher mit der Nachricht, dass Brecht gestorben ist und einer Einladung zum Begräbnis.

Feuchtwanger ist an diesem Tag im Jahre 1956 allein zu Hause in seiner luxuriösen Villa in Hollywood, seine Frau Martha ist unterwegs.
Er reflektiert seine Freundschaft mit Brecht und hält innere Zwiegespräche mit dem zu früh verstorbenen Freund. Sehr viel unterschiedlicher wie diese beiden Männer – die sich bis zum Schluss immer noch siezten – kann man gar nicht sein: der provokante, freche und oft unverschämte, aber geniale Brecht, der statt zu bitten immer fordert auf der einen Seite. Auf der anderen Seite der disziplinierte, sehr erfolgreiche Feuchtwanger, der sich immer bewusst ist, dass er im Glück lebt und deshalb von seinem Glück abzugeben bereit ist.

Wie es den beiden gelingt, trotz allem – auch trotz der heimlichen Zuneigung Brechts für Feuchtwangers schöne Frau Martha – gute Freunde zu werden und zu bleiben, das erschließt sich dem Leser nur annähernd. Gerade das macht das Buch so reizvoll, dass es nicht alles erklärt und nicht alles ergründet, dass es seinen Protagonisten – über die man sowieso meint schon nahezu alles zu wissen- noch Freiraum lässt.

Zeitgeschichtlich und politisch Interessantes wie die Gründe ins Exil nach Kalifornien zu gehen, die Flucht vor den Nazis, die mühevolle Arbeit im Exil irgendwie „anzukommen“, die beklemmende Politik der McCarthy-Ära mit ihrer hysterischen Kommunistenjagd bringt Modick en passant ins Gedächtnis zurück. Was der Verlust von Heimat gerade auch für literarisch Arbeitende bedeutete, wird eindringlich artikuliert.

Auch die anderen berühmten literarischen Exilanten wie Thomas und Heinrich Mann, dessen Frau Nelly, Erika Mann, Franz Werfel und dessen Frau Alma Mahler-Werfel finden Eingang in den Roman, aber im Mittelpunkt steht die Beziehung Feuchtwanger – Brecht.

Feuchtwanger wird als der gütige, hilfsbereite Mensch, der vielen Exilanten finanziell und mit Zuspruch geholfen hat und der wohl auch wirklich so war mit all seiner Intelligenz, seinem Fleiß und seiner Liebe zu seiner Frau Martha respekt- und liebevoll geschildert. Man spürt dass Modick diesen Schriftsteller unheimlich schätzt.

Dem Roman merkt man nichts von der Trockenheit, dem wissenschaftlichen Anspruch, die man von einem, der über das Thema seine Promotionsarbeit geschrieben hatte, befürchten kann, an. Im Gegenteil liest sich das – sowieso nicht sehr dicke – Buch absolut flüssig und leicht. Man kann es locker an einem Sunset auslesen und dann das Gefühl haben, sich sowohl gut unterhalten zu haben wie auch etwas dazu gelernt.

Literarische Spielereien oder anspruchsvolle stilistische Verschränkungen oder gar wilde Zeitsprünge – das sind Modicks Sache nicht, nein er schreibt hier klar und verständlich und im Ton dem Thema angemessen.

Auch das Cover des Buchs ist sehr ansprechend und schön gestaltet.

Für mich – die mir diese beiden Schriftsteller von früher Jugend an am Herzen liegen – war das Lesen von Modicks Roman eine Art freudiges Wiederfinden.
Ich bin sicher, dass das Buch gerade für Menschen, die wenig oder gar nichts wissen über das kalifornische Exil der deutschen Literaten und die Feuchtwanger oder Brecht eher nur dem Namen nach kennen, ein sehr guter Einstieg ist.
Man braucht keinerlei Vorkenntnisse (sie schaden aber auch nicht) um dem Inhalt folgen zu können.
Die Jahre der deutschen Schriftsteller im Exil werden oft geschildert , so zuletzt in Michael Lentz „Pazifik Exil“ (auch ein gutes Buch!) aber Modick gelingt wieder eine ganz eigene Variante, weil er sich auf die Person Feuchtwangers konzentriert – aus dieser Konzentration entsteht dann aber doch auch der Abriss einer ganzen Welt.

Ich wünsche nicht nur dem Roman „Sunset“ einen großartigen Erfolg, sondern hoffe auch, dass er dazu beiträgt, Feuchtwanger selbst wieder in den Mittelpunkt zu stellen.

Das Buch kann gleich hier bestellt werden:

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Zeitreise ins Osmanische Reich

admin 8. March, 2011

Ute Krause „Osman – Der Dschinn in geheimer Mission“
Oetinger Verlag
ISBN 978-3-7891-4048-8
288 Seiten
13,95 €

Ute Krause, gebürtige Berlinerin (Jahrgang 1960) und immer noch – bzw. wieder - in Berlin wohnend, ist eine bekannte Buchillustratorin. Sie lebte schon in vielen Ländern, so in Indien, Nigeria, den Vereinigten Staaten und auch in der Türkei.
Nach einem Studium im Film- und Fernsehbereich in München war sie auch in diesem Berufsfeld tätig, sie drehte Werbespots, aber auch Dokumentar- und Kurzfilme, sie schrieb Drehbücher und zeichnete Cartoons. Mittlerweile hat sie an ca. 60 Kinderbüchern mitgewirkt, oft als Illustratorin (so z.B. in dem von mir hier schon besprochenen Band „Rita, das Raubschaf“) aber auch als Auorin.
Sie wurde auch schon für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert und auch von der Stiftung Deutsche Buchkunst. Ihre Bücher  wurden in viele Sprachen übersetzt.

Nach der ersten Geschichte um den Flaschengeist Osman „Osman – Der Dschinn in der Klemme“ geht es weiter mit den Geschichten um Fanni, Anton und Osman.Es sei vorausgeschickt, dass man den ersten Band nicht unbedingt kennen muss, obwohl das sicher auch kein Schaden ist. Ich habe jedenfalls sehr gut ohne den Vorgänger gelesen zu haben, in die Geschichte hineingefunden und ich bin ziemlich sicher, dass das auch Kindern gut gelingen wird.

Man erfährt, dass die Geschwister Fanni und Anton wohl schon einmal ein heikles turbulentes und nicht ganz ungefährliches Abenteuer mit Osman, dem Dschinn aus der Sultanszeit des Osmanischen Reichs erlebt haben, glücklich wieder in die Gegenwart zurück gekehrt sind und ihren Eltern versprochen haben, sich nie wieder auf so etwas einzulassen.Doch als Anton von dem gerade verstorbenen Antiquitätenhändler Friedrich ein verschnürtes Paket erbt, wird er geradewegs in ein neues Abenteuer verwickelt. In dem Paket befindet sich nämlich nichts anderes als eine Flasche samt dem zugehörigen Flaschengeist.
Dieser ist ein dicker, etwas chaotischer und eigentlich recht freundlicher (aber beileibe nicht immer!) Dschinn, der dem Schlafen und Essen sehr zugetan ist und seit über 300 Jahren in der Flasche zubringen musste.

Leider zerbricht die Glasflasche aus Versehen und da man einen leibhaftigen Dschinn nicht einfach in eine neue Glasflasche sperren kann, bleibt den Kindern nichts anderes übrig, als wieder in der Zeit zurück zu reisen um einen ganz bestimmten Glasbläser aus Stambul (so hieß Istanbul früher) zu finden, der genau das richtige Glas für einen Flaschengeist herstellen kann.
Eigentlich klar, dass es mit der Herstellung einer neuen Flasche nicht getan ist. Um einem alten Freund (den Fanni sehr und ganz besonders zugetan ist!) zu helfen, lassen sich die beiden als Sklaven verkleidet in den Sultanshof einschleußen. Dort erleben sie in den Haremsgemächern die wildesten Intrigen und erkennen bald, dass der Kampf um die Nachfolge des kranken Sultans mit äußerst unlauteren Mitteln geführt wird. Jede der Haremsfrauen möchte ihren eigenen Sohn als nächsten Sultan auf dem Thron sehen, also trickst man „ein wenig“ herum, um die Konkurrenten auszuschalten.
Dass es dem jungen – übrigens sehr arroganten und auf den ersten Blick gar nicht sympathischen – Prinzen Achmed gesundheitlich gar nicht gut geht, merken die Geschwister bald; auch entsteht langsam der Verdacht, dass sein Zustand eventuell mit Nahrungsmitteln, die ihm von den netten Tanten geschenkt werden, zusammen hängen könnte. Allein: wer von den Ehefrauen des noch lebenden Sultans verantwortlich ist – diese Frage ist nicht so leicht zu klären.Mit Hilfe von Osman, der sich unerkannt bei den Frauen umhören kann und natürlich mit Hilfe der eigenen Intelligenz versuchen Fanni und Anton, das Komplott aufzudecken. Doch leider ist der schludrige und – immer zur falschen Zeit – schläfrige Osman nicht in jedem Fall eine Hilfe, manchmal ist er eher das Gegenteil. So geraten die Kinder in einige Gefahrensituationen, bis letztendlich nach einigen spannenden Abenteuern, aber auch Herzensproblemen, der „Fall“ zu geklärt wird.

Das Ende ist so konzipiert, dass weitere Abenteuer durchaus vorstellbar (und wünschenswert) sind.

Ich kannte Ute Krause bisher nur durch zahlreiche sehr schöne, sehr gelungene Bilder- und Kinderbuchillustrationen. So war ich natürlich gespannt darauf, ob sie sich auch als Schriftstellerin bewährt.

Ein richtig schönes Kinderbuch!Frau Krause schreibt in einem sehr lockeren und immer wieder witzigen Stil. Das Buch liest sich abwechslungsreich und lebhaft und streckenweise wirklich spannend. Was mir sehr gut gefällt ist, dass sie nicht zu einfach schreibt, sondern den Kindern durchaus Verständnis für Sprache abverlangt.Ich will damit auf keinen Fall sagen, das Buch sei schwierig geschrieben, nein im Gegenteil: die Sätze sind nicht zu lang, nicht zu kompliziert, wörtliche Rede wechselt immer wieder ab mit der Erzählhaltung des „allwissenden“ Erzählers. Also ist der Stil unterhaltsam und lebendig. Aber sie scheut eben nicht davor zurück, auch mal schwierigere Wörter zu benutzen (die aber erklärt werden) und Sachverhalte nicht unnötig zu vereinfachen.
Gerade auch die lustigen Stellen fordern von den Kindern eine gewisse Intelligenz; mir gefällt es immer, wenn man kindliche Leser auch als denkende Menschen ernst nimmt (das tun ja leider nicht alle Kinderbuchautoren).

Eigentlich hatte ich mir, da Frau Krause ja so schön malen und zeichnen kann, ein wenig mehr Bilder erhofft. Doch wahrscheinlich wäre das Buch dadurch erstens sehr viel teurer geworden und zweitens hätte es wohl dann doch eher so ausgesehen, als richte es sich an kleine Kinder.
Meine Enttäuschung hält sich aber in Grenzen, denn ich werde sehr gut getröstet durch die außerordentlich schön gestalteten und geschmackvollen Vignetten an den Kapitelanfängen und durch kleine Zeichnungen am Ende der Kapitel. Und dann gibt es ja noch das lustige Titelbild!

Mal ganz davon abgesehen, dass es sicherlich nicht schadet, deutschen Kindern ein wenig türkisch – osmanische Geschichte nahe zu bringen und ihnen somit zu zeigen, dass es auch in anderen Teilen der Welt Kultur gab und gibt, gefällt mir auch die Heiterkeit des Buches sehr gut.
Das ist ein Kinderbuch, das einfach Spaß macht!
Der Verlag gibt als Altersempfehlung ca. 10 – 12 Jahre an, das ist sicher richtig so, doch ich denke, dass sich das auch sehr gut zum Vorlesen für kleinere Kinder (ab 8 Jahren etwa) eignet.
An meinem Beispiel kann man sehen, dass es aber auch sehr viel älteren Menschen noch Vergnügen bereitet. Sie können das Buch gerne gleich hier bei mir bestellen:

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Krieg in Deutschland -und wir suchen Asyl?

admin 5. March, 2011

Janne Teller Krieg -

Stell dir vor, er wäre hier

Übersetzerin aus dem Dänischen:  Sigrid EngelerIllustrationen: Helle Vibeke Jensen Hanser Verlag
gebunden, 64 Seiten
ISBN 978-3-446-23689-9

6.90 €

 

Der Ich-Erzähler ist ein Junge aus Deutschland, etwa 14 Jahre alt, der in einem von Bomben zerstörten Haus lebt, seine Mutter leidet an einer Lungenentzündung, es ist kalt, die Wände sind teilweise nicht mehr vorhanden, die Familie leidet Hunger. Teile der Familie sind schon im Krieg umgekommen, der große Bruder gehört der Miliz an, die Familie weiß nicht, wie sie einen weiteren kalten Winter überleben soll. Dem Vater gelingt es, zu fliehen, doch es gibt Probleme mit dem Familiennachzug.

Nach vielen Problemen und Schwierigkeiten gelingt die Flucht schließlich – und zwar nach Ägypten. Dort werden sie in ein großes Flüchtlingslager gebracht, wo sie zwar versorgt werden, aber wo es Konflikte mit den ebenfalls geflohenen Franzosen – den Kriegsgegnern – gibt. Sie leben nun in einem Land, dessen Sprache und Sitten sie nicht verstehen, wo sie nicht arbeiten dürfen und wo sie nicht anerkannt werden. Immerhin erhalten sie nach einigen Jahren Asyl und beginnen sich eine kleine Existenz zu schaffen.

Die Sehnsucht nach Deutschland bleibt, doch diejenigen die heimlich wieder dort waren zu Besuch, sagen, dass sich alles ganz schrecklich verändert hätte…

Irgendwann sagt der Junge, der nun kein Junge mehr ist, dass er das Gefühl habe, ihm seien große Teile seines Lebens gestohlen worden, er gehört nirgends richtig hin. Er fühlt, dass er dankbar sein muss für die Rettung seines und seiner Familie Leben, er ist es auch, aber dennoch: so hatte er sich als Kind sein Leben nicht gewünscht!

Es ist erstaunlich, wie viele Details und wie viel mehr an Inhalt (das Leben der Schwester beispielsweise) Janne Teller auf diesen paar Seiten unterbringt und wie sie den Leser dazu anregt, sich noch viel mehr zusätzliche Details auszumalen.

In einer klaren und knappen – einfachen – Sprache kommt dieser Text sehr eindringlich daher. „Krieg, stell dir vor, er wär’ hier“ so lautet der Untertitel des Buches und genau das gelingt der Autorin mit diesem Appell an die Vorstellungskraft auch. Man wird durch ihre suggestiven Aufforderungen, sich alles „anders herum“ zu denken sofort in das Buch hineingezogen. Wie es Frau Teller versteht, mit einem einfachen Perspektivenwechsel tiefstes Verständnis für die Nöte von Asylbewerbern zu wecken, das ist grandios und bewegend!

 

Janne Tellers Buch regt tatsächlich zum Nachdenken an, auf unterschiedliche Weise und auf unterschiedlichen Ebenen.

Dieses Buch muss – und wird hoffentlich auch – den Weg in sehr viele Schulklassen finden, denn es eignet sich hervorragend zu Diskussionen, egal ob im Deutsch- oder im Geschichts – oder im Sozialkundeunterricht oder meinetwegen auch in Geographie.

Ich werde es dringend jedem Lehrer/ jeder Lehrerin die den Weg in unsere Buchhandlung findet, anraten und natürlich auch den jungen (und älteren) Lesern selbst.

 

Sie können das Buch gleich hier bei mir bestellen:

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Philip Roth’s “Nemesis” - wieder ein Meisterwerk!

admin 10. February, 2011

Philip Roth „Nemesis“Übersetzer: Dirk van GunsterenISBN 9783446236424Hanser Verlag  18,90 € Original:„Nemesis“ Random HouseISBN 978022408953119,30 € 

Philip Roth wurde 1933 in Newark, New Jersey als Sohn einer gutbürgerlichen jüdisch- amerikanischen Familie geboren. Mittlerweile ist er der Träger aller wichtigen amerikanischen Literaturpreise, so z.B. des PEN-Faulkner Awards, des National Book Awards und des Pulitzerpreises und vieler internationaler Preise. Er gehört unstrittig zu den höchstrangigen zeitgenössischen Schriftstellern des 20. und 21. Jahrhunderts.

Es fehlt nur noch der Nobelpreis, den er aber allemal verdient hat und auf den ich immer noch für ihn hoffe.
Nach zwei gescheiterten Ehen lebt er heute allein  auf einer Farm in Connecticut.

Wie nahezu alle seiner Romane spielt auch dieser im kleinen Städtchen Newark in New Jersey im jüdischen Milieu.Der junge Lehrer Bucky Cantor nimmt seinen Sommerjob, die Beaufsichtigung eines Sportplatzes im jüdischen Viertel von Newark sehr ernst. Er liebt Kinder, er liebt Sport und er versteht es, die ihm anvertrauten jungen Menschen zu motivieren, ihnen soziales Verhalten beizubringen wie auch die Ordnung auf dem großen Platz einigermaßen aufrecht zu halten. Er ist beliebt, er kann etwas und ist zufrieden mit sich und der Welt. Zwar vermisst er seine Freundin, die als Leiterin eines Sommercamps ebenfalls mit Kindern und Jugendlichen unterwegs ist, doch sonst fehlt nicht viel zum absoluten Glück.Wir befinden uns im Jahr 1944, der 2. Weltkrieg ist im vollen Gange, Bucky bedauert, dass er seinen Teil zum Gelingen des Kriegsausganges nicht leisten kann, gerne wäre er – wie die meisten Gleichaltrigen – Soldat geworden, doch seine Kurzsichtigkeit hielt ihn davon ab. Umso größer ist sein Pflichtbewusstsein, die ihm zu Hause gestellte Aufgabe optimal zu erfüllen. Doch da bricht mitten in der Gluthitze des Sommers eine Epidemie aus: Kinderlähmung! Sind am Anfang noch wenige Kinder betroffen, davon aber einige, die Bucky besonders am Herzen lagen, breitet sich die Krankheit immer schneller aus. Keiner weiß, wie das richtige Verhalten aussehen sollte: soll man die öffentlichen Sportplätze schließen oder ist es eher besser, normal weiter zu machen, keine Panik aufkommen zu lassen und die Kinder an die frische Luft zu lassen? Buckys Freundin drängt ihn aus Angst um ihn, zu ihr in das Sommercamp zu kommen, eine Stelle als Sportlehrer sei gerade frei geworden. Bucky kämpft mit sich, seinem Pflichtbewusstsein, seiner Liebe und entschließt sich letztendlich, das Angebot anzunehmen.  Doch das Gefühl, „seine“ Kinder hier in der Stadt verlassen zu haben, verfolgt ihn, es ist leider nicht das einzige was ihn verfolgt. Polio macht nicht halt hinter den unsichtbaren Grenzen des jüdischen Viertels von Newark, auch wenn einige Rassisten die besonders hohe Quote dort als Gottes Strafe ansahen. Es ist schwer, ohne zu viel zu verraten, weiter über den Inhalt zu sprechen, so viel sei mir dennoch noch gestattet:Es geht darum, wie sehr ein Einzelner Einfluss auf sein Schicksal hat, wie ehrlich Liebende zueinander sein können und sollen und wie man mit der Härte des Lebens zurecht kommt  – und ob das überhaupt geht. Klingt zu allgemein? Möglich, aber alles was ich konkret nennen könnte, nähme zu viel vom Inhalt vorweg.Philip Roth ist ein grandioser Stilist. Seine Sprache ist ein Genuss, er ist jemand, der es versteht ohne manieristische Spielereien so zu schreiben, dass es zwar irgendwie „einfach“ bleibt, aber nie flach oder platt. Er nimmt seine Charaktere ernst, aber auch die Themen, um die es ihm geht. Niemals schreibt er etwas nur so hin, damit ein bestimmtes Gefühl nur angedeutet wird, nein, alles hat seinen Sinn. Sehr angetan war ich mal wieder von der Konstruktion des Romans. Hier wird irgendwann noch im ersten Drittel des Buches eine Ich-Stimme auftauchen, von der man erst am Ende erfährt, um wen es sich handelt. Sie tritt nicht oft in den Vordergrund, aber immerhin doch so oft, dass zusätzliche Spannung erzeugt wird. Obwohl es nicht wirklich um „Spannung“ im Sinne von „suspense“ hier geht, aber er weiß einfach, wie man ein vielschichtiges Werk noch ein wenig vielschichtiger macht.

Großartig auch wieder seine Fähigkeit, obwohl er so viele Details beschreibt, dennoch nichts Überflüssiges, kein Geschwafel hineinzubringen. Wieder – wie schon in einem seiner absolut besten Romane „Empörung“ – handelt es sich um ein verdichtetes, relativ kurzes Buch, in dem dennoch eine ganze Welt enthalten ist.

 Welche Ausmaße die Polio-Epidemie annahm, was sie für die Betroffenen bedeutete, das alles hatte ich bisher überhaupt nicht gewusst. In meiner Kindheit liefen schon noch Kinder mit Lähmungen und Deformationen umher, von denen ich wusste, dass sie an Kinderlähmung erkrankt waren, doch war mir absolut nicht bewusst, wie gefährlich, wie weit verbreitet und wie oft es nicht „nur“ Lähmungen waren, die die Krankheit bewirkten, sondern der Tod.So schließt Roth zwar hier auch eine historische Bildungslücke meinerseits, aber das hätte ich auch einfacher haben können. Was mich hier so betroffen machte, war die eindringliche Art, mit der er sich einer der Urängste der Menschheit, die Angst vor Epidemien, annimmt. So detailliert und genau er in jedem seiner Bücher auf menschliche Eigenheiten eingeht, so klar er Charaktere in all ihren Widersprüchen zeichnet, so genau zeichnet er auch hier das langsame Anschwellen der Angst bis zu ihrem Höhepunkt nach. Das ist ergreifend, beängstigend und unheimlich!   Die Liebesbeziehung von Bucky und seiner Freundin endet auf eine Weise, die ich nicht so vorausgesehen hätte, das Verhältnis der beiden und überhaupt Buckys feste Einstellung zum Leben auch in anderer Hinsicht ist nicht so, dass ich es teile, es geht also weniger darum, wie „sympathisch“ Bucky uns nun ist, sondern um diese gewisse Ausweglosigkeit, in der sich Menschen befinden. Wie der Einzelne damit umgeht, wie Menschen sich Schicksalsfragen stellen – das sind Grundthemen des Lebens, wie sie nur selten jemand so tief und bewegend wir Philip Roth bearbeitet. Alter Mann, nur weiter so!  Irgendwann kommt der Tod, aber vielleicht vorher doch noch der Literaturnobelpreis!

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Anständig essen - wie geht das? Ein Selbstversuch

admin 3. February, 2011

Wenn einen ein Thema mal gepackt hat, dann wird man einfach hellhöriger und ist noch interessierter als vorher. So auch bei mir in diesem Fall. Nachdem schon Jonathan Safran Foers Buch „Tiere essen“ mein absolutes Wohlgefallen gefunden hat, freute ich mich, dass eine andere von mir geschätzte Schriftstellerin sich nun einem sehr ähnlichen Thema widmet mit ihrem gerade erschienen Buch über anständiges Essen.

Karin Duve „Anständig essen – ein Selbstversuch“

Galiani Verlag 

ISBN: 9783869710280

335 Seiten

19,95 €

Karen Duve wurde 1961 in Hamburg geboren. Sie lebt heute in Brandenburg zusammen mit einem Maultier, einem Pferd, etlichen Hühnern und einer Frau, die sie „Jiminy Grille“ nennt nach der Grille aus Pinocchio.

Sie arbeitete nach ihrem Abitur und einer abgebrochenen Ausbildung zur Steuerinspektorin 13 Jahre lang als Taxifahrerin, was sie in ihrem amüsanten und klugen Roman „Taxi“ literarisch verwertete, ein Buch mit dem sie großen Erfolg hatte.

Ihren Durchbruch in der Literaturszene erzielte sie 199 mit dem mehrfach ausgezeichneten „Regenroman“. Seitdem ist sie eine feste Größe auf dem deutschen Buchmarkt: „Dies ist kein Liebeslied“ „Die entführte Prinzessin“ „Weihnachten mit Thomas Müller“ und weitere Titel waren alle erfolgreich, mit „Taxi“ gelang es ihr sogar, auf die Shortlist zum Deutschen Buchpreis zu gelangen.

Warum nennt Karen Duve besagte Freundin eigentlich Jiminy Grille? Weil Jiminy das Gewissen darstellt, das Pinocchio ebenso abgeht, genau so wie es Frau Duve früher abging, zumindest was das Thema Tiere essen anbelangt.

Karin Duve war ein Mensch, die so ziemlich alles gerne aß: Gummibärchen, Hähnchengrillpfannen für 2, 99 €, Schokolade in rauen Mengen in sich stopfte und liebend gerne Coca Cola light trank. Also das Gegenteil einer sich bewusst ernährenden Zeitgenossin, tierliebend allerdings war sie schon immer, ohne jedoch zu hinterfragen was das eine mit dem andern zu tun hat. Erst durch hartnäckiges Nachfragen ihrer Freundin sah sie sich gezwungen, einmal genauer nachzudenken über ihre Essgewohnheiten. Dieses Nachdenken führte dann zu einem Selbstversuch, der ursprünglich nur wenige Monate dauern sollte, dann aber über ein ganzes Jahr, nämlich das Jahr 2010  hinweg durchgeführt wurde. Dieser Selbstversuch liegt nun in Buchform vor.

Karin Duve probierte verschiedene Formen von anständigerem, also besserem Essen unter dem Gesichtspunkt Ethik und Moral und Verantwortungsbewusstsein gegenüber unseren Mitlebewesen und unserer Umwelt aus.Sie begann mit der Umstellung auf biologische Nahrungsmittel: Einkaufen in Bioläden oder zumindest von biologisch kontrollierten Waren aus dem Supermarkt. Während dieser Phase informierte sie sich fleißig über verschiedene Ernährungsformen, über artgerechte Tierhaltung, über die Unterschiede von Labeln, was Bioqualität angeht und – last but not least – über die Schwierigkeiten der Umstellung.

In der nächsten Testphase lebte sie vegetarisch, später vegan und noch später als Fruktarierin.

Am Ende des Buches zieht sie ein ganz persönliches Fazit für sich und begründet es auch sehr gut und nachvollziehbar: sie wird von nun an vegetarisch leben und zu großen Teilen vegan, aber nicht konsequent, wobei sie diese Lebensweise eigentlich für die richtigere hält.

Sehr schön und für den potentiellen Leser nicht unwichtig ist zudem ihr trockener Humor und ihr flüssiger Stil. Ich musste an mehreren Stellen laut lachen, an anderen schmunzeln, an wieder anderen habe ich heftig und zustimmend mit dem Kopf genickt und manchmal auch ungläubig die Stirn gerunzelt.

Karin Duve schafft es in ihrem „Anständig essen“ jedenfalls hervorragend, den Leser/ die Leserin nicht nur sachlich zu informieren, sondern ihn bzw. sie auch zu unterhalten und mitzureißen. Sie ist nicht verbiestert und verbittert, sie bedauert auch immer wieder mal, dass es „leider keinen Weg zurück“ gibt, wenn man erst mal begonnen hat, sich intensiv zu informieren. Das Bratwürstel wird einfach nicht mehr so gut schmecken, wenn man erst mal weiß unter welchen Bedingungen es früher gelebt hat und wie es getötet wurde. Frau Duve würde nicht beschwören, nie wieder Fleisch anzurühren, was sie allerdings – ebenso wie Foer übrigens – als unverrückbare Tatsache sieht ist der Verzicht auf Produkte aus Massentierhaltung, die gehört ihrer – und meiner Meinung nach - einfach abgeschafft. 

Frau Duve gibt zu, dass sie nicht ganz der „gute Mensch“ geworden  ist, als den sie sich gern sähe, aber ihr Fazit „ Und dass es mir nicht gelungen ist, ein guter Mensch zu werden, soll mich nicht davon abhalten, ein besserer zu werden“ gefällt mir ausgesprochen gut! 

Wer nur ein Buch über dieses Thema lesen möchten (es gibt mehrere gute darüber), dann möge er dieses lesen! Wer gar nichts darüber wissen möchten, weil er sich nicht seinen Genuss verderben lassen möchte, der möge dem Buch wenigstens eine Chance geben! Die hat es verdient…

 

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