Darf Literatur fiktiv sein???

admin 21. September, 2016

Das Interesse, das eine Leseprobe bei mir geweckt hatte, hat sich beim Lesen des gesamten Romans im Wesentlichen halten können.
Die inneren Seelenzustände der Schriftstellerin (ob es sich wohl um Delphine de Vigan selbst handelt? Zumindest spielt die Autorin mit diesem Gedanken, denn ihre Schriftstellerin heißt ebenfalls Delphine) werden sehr gut und sehr nachvollziehbar geschildert.
Natürlich möchte man wissen, um wen es sich bei der ominösen L. handelt, warum sie die Dinge tut, die sie tut. L. treibt Delphine in eine über zwei Jahre währende Schreibblockade, sie entfremdet sie ihren Freunden, sogar ihrem Geliebten. Doch das wird leider nie ganz klar.
So spannend ich es fand, zu lesen wie sich Delphines Schreibblockade manifestiert, so unbefriedigend fand ich letztendlich die Figur der L. Ich hätte gerne gewusst, was jemanden wie sie antreibt, was ihre Verletzungen sind, warum sie schießlich sogar zum Äußersten bereit gewesen wäre. Aber irgendwie kommt sie einem als echter Charakter nicht näher.
Eher negativ aufgestoßen ist mir auch der ewige Streit um die Frage ob Literatur fiktiv oder realistisch sein soll. Ich kann mir nicht vorstellen, dass eine echte Schriftstellerin sich diese Frage wirklich stellt. Natürlich ist Literatur (auch autobiografisch untermauerte) immer fiktiv, sonst wäre es keine Literatur. Auch wird ein guter Schriftsteller/in sich nicht unbedingt danach richten, was “der Leser” angeblich möchte.
Ich bin in meiner Gesamtbewertung etwas gespalten: der Stil ist wirklich sehr gut, interessant ist das Ganze auch, aber eben nicht hundertprozentig überzeugend.

Lesenswert ist das Buch aber allemal!

Bestellen können Sie es gerne in der Buchhandlung Thaer

Mein Name ist Lucy Barton

admin 15. September, 2016

Im Englischen heißt der Titel “My Name is Lucy Barton”, was mir persönlich besser gefällt als der deutsche Titel. Aber was soll’s… Das tut dem wunderbaren Roman keinen Abbruch

 

Elizabeth Strout

Die Unvollkommenheit der Liebe

Übersetzt von Sabine Roth

 Luchterhand Verlag 18 €

Der gerade erschienene Roman der Pulitzer Preisträgerin hat mich von der ersten bis zur letzten Seite fasziniert und begeistert.

Lucy Barton, eine New Yorker Schriftstellerin, verheiratet und Mutter zweier Kinder, erkrankt nach einer Operation an einer gefährlichen Infektion. Beschrieben werden die Wochen, in denen sie im Krankenhaus liegt und selten Besuch bekommt. Bis ihre Mutter, mit der sie seit vielen Jahren keinen Kontakt mehr hatte, auftaucht und mehrere Tage an ihrem Bett sitzt.

Nur von diesen Tagen handelt der Roman, Tage in denen nicht mehr geschieht als dass sich die beiden über alte Geschichten aus der Kleinstadt unterhalten. So wenig äußere Handlung sich auch abspielt, umso tiefer werden die seelischen Innenräume ausgeleuchtet. Lucy erinnert sich an ihre Kindheit, die von tiefer Armut – und schlimmer – von Kälte, Lieblosigkeit und Angst geprägt war. Sie reflektiert ihre immensen Anstrengungen, sich von diesem traurigen Vermächtnis zu befreien – und  ihrer eigenen Familie und ihren Kindern Liebe und Vertrauen in sich selbst zu geben.

Auch wenn ihre Mutter kein Wort über Wesentliches verliert,  über den Vater und den  gestörten Bruder, sich nicht nach Lucys Leben erkundigt, all das wiegt nicht das große Glück auf, das Lucy empfindet: ihre Mutter ist bei ihr und sie spricht mit ihr!

Der deutsche Titel mag in die Irre führen, handelt es sich doch um einen tief bewegenden Roman über einen Mutter-Tochter-Konflikt,  über die Untiefen einer schwierigen Familie und um den Kampf, davon frei zu kommen. Angst vor dem Tod, Gedanken über die Ehe, ihre Freunde und ihre Töchter ergänzen die im Vordergrund stehenden Kindheitserinnerungen.

Ich habe selten auf so wenigen Seiten eine so intensive Familiengeschichte gelesen, Strout darf sich getrost mit Alice Munro messen – und das ist ein sehr großes Kompliment!

Bestellen können Sie das gerne bei mir in der Buchhandlung Thaer

 

Überzeugende und politisch brisante Liebesgeschichte

admin 8. September, 2016

Dorit Rabinyan

Wir sehen uns am Meer

Kiepenheuer und Witsch Verlag

 

 

Erst nachdem ich das Buch gelesen hatte, habe ich mitbekommen, dass es in Israel einen heftigen Streit um diesen Roman gibt. Das Bildungsministerium hat das Buch aus dem Lesekanon der Schulen herausgenommen. Es ist also “politisch nicht erwünscht”.

Sehr sonderbar, denn diese Liebesgeschichte zwischen einer Israelin und einem Palästinenser wird konsequent aus der Sicht von Liat, der Israelin, beschrieben. Und diese ist durchaus nicht so offen, sie behandelt Chelmi, ihren “heimlichen Geliebten” - wie sie ihn nennt, nicht immer gut. Für sie steht fest, dass es sich bei dieser Liebe nur um eine zeitlich begrenzte handeln kann, denn zu Hause - in Israel - kann sie unmöglich mit einem Palästinenster ankommen.
Sie verleugnet ihn aber auch in New York immer wieder, wenn sich israelischer Besuch anmeldet beispielsweise. Chelmi hingegen stellt sie seiner Familie vor.

Liat verbringt einige Monate in New York in der Wohnung von Freunden. Der palästinenschische Künstler Chelmi wird ihr von gemeinsamen Freunden vorgestellt. Die beiden verlieben sich sofort und total ineinander. Doch es ist eine Liebe auf Zeit.

 

In meinen Augen liebt Chelmi tiefer und wahrhaftiger, aber Liat scheint ihn nie so ganz ernst zu nehmen. Als tollen Liebhaber - ja sicher, sehr gerne! Auch als jemanden, der ihr die Zeit in New York ganz wunderbar vertreibt, aber als Lebenspartner? Nein, das ist dann doch zu kompliziert.

Die Geschichte hat mich bewegt, der Stil hat mir sehr gut gefallen - lediglich das Ende (das ich hier aber nicht verraten kann) fand ich nicht überzeugend.
Dennoch: sehr lesenswert! Auch gerne in israelischen Schulen….

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George ist ein Mädchen! trotz ihres Jungenkörpers….

admin 29. August, 2016

Alex Gino

George

Übersetzt von Alexandra Ernst

Fischer Verlag 14,99 €

 

Die New Yorker Schriftstellerin Alex Gino, die auch zu Gast beim 16. Internationalen Literaturfestival in Berlin sein wird, ist selbst Transgender. Sie hat mit ihrem Debüt den ersten Transgenderroman für Kinder geschrieben.

George ist 10 Jahre alt und sie weiß schon immer, seit sie bewusst denken kann, dass sie ein Mädchen ist. Doch leider weiß das außer ihr niemand! Bisher hatte sie nie den Mut, mit irgendjemandem darüber zu sprechen, weder mit ihrer Mutter, noch mit ihrem älteren Bruder, ja noch nicht einmal mit ihrer besten Freundin Kelly.

Als an der Schule „Wilbur und Charlotte“ aufgeführt werden soll, ist es Georges größter Wunsch mitzuspielen, aber nicht in einer „Männerrolle“, sondern sie möchte unbedingt Charlottes Part übernehmen. Die Lehrerin erlaubt das aber nicht. Mit Hilfe ihrer Freundin Kelly gelingt es aber dennoch – und nicht nur wird das Theaterstück ein großer Erfolg – sondern es hilft ihr auch, sich zu offenbaren.

Das ist nicht einfach – und nicht jeder versteht sie, doch nicht nur Kelly und ihre Familie stehen zu ihr, sondern auch andere.

Wie so oft im Leben: wenn man erst einmal zu sich selbst steht, dann akzeptieren das auch andere!

Sicher denken nun manche, dass das noch kein Thema für kleine Kinder sei, doch ich bin sicher, dass es – wie bei jedem guten Buch – auf die Form ankommt.

Alex Gino gelingt es, einen einfühlsamen und gut verständlichen Roman für Kinder ab 10 Jahren zu schreiben,  der nicht nur für betroffene Kinder (das sind ja statistisch nicht sehr viele) interessant ist, sondern eigentlich für alle.

 

Bestellen können Sie das Buch gerne bei mir in der Buchhandlung Thaer

Warum musste Boy sterben?

admin 23. Juli, 2016

Wytske Versteeg

Boy

Übersetzerin: Christiane Burkhardt

Wagenbach Verlag

ISBN 978-3-8031-2755-6

240 Seiten

10,90 €

Die junge Autorin war kürzlich in Berlin und ich hatte das Glück, sie aus ihrem gerade erschienen Buch vorlesen zu hören.

Wytske Versteeg wurde 1983 geboren,  sie ist Politikwissenschaftlerin und Essayistin. Eines der Themen mit der sie sich intensiv beschäftigt hatte, ist Obdachlosigkeit, was aber nichts mit dem Inhalt des Buches zu tun hat.

Boy ist ihr zweiter Roman. Frau Versteeg hat schon einige Literaturpreise dafür erhalten und der Roman  wurde  bereits in mehrere Sprachen übersetzt.

Ich fand die Autorin höchst sympathisch, ich liebe ihren Akzent (sie hat auf Deutsch selbst vorgelesen) und ich freue mich sehr über ihre Signatur in meinem Exemplar.

Nun könnte man meinen, dass ich deshalb positiv eingestimmt sei auf das Buch und deshalb weniger kritisch sei. Doch das stimmt nicht, denn ich hatte es schon vor der Veranstaltung gelesen;  mein Urteil ist also unabhängig von persönlicher Sympathie.

Zur „Warnung“ möchte ich vorher schicken, dass es sich um ein sehr trauriges Buch handelt, ich musste tatsächlich immer wieder richtig weinen dabei, aber das verringert ja nicht die Qualität, man sollte als Leser nur wissen, worauf man sich da einlässt.

Ein niederländisches Ehepaar, gut situiert, sie Psychiaterin, er Entwicklungshelfer, adoptieren ein afrikanisches Kind. Boy entwickelt sich jedoch nicht so wie sie sich das erhofft hatten. Er ist ein in sich zurück gezogenes einsames Kind, das keine Freunde hat und sich seinen Eltern immer mehr emotional entzieht.

Boy zieht gerne Frauenkleider an, er stottert und ist auch sonst nicht so, wie man es bei der tatsächlich sehr liebevollen Erziehung erwarten könnte. Bei den Mitschülern ist er außen vor, er wird gemobbt. Inwiefern dahinter auch rassistische Motive stecken, wird im Roman nicht weiter untersucht, doch sicher spielt sein anderes Aussehen auch eine Rolle.

Eines Tages ist Boy verschwunden, aus Sicht der Mutter erleben wir ihre absolute Angst und Panik.

Nach einigen Tagen findet die Polizei seinen Leichnam im Wasser. Die Mutter versucht in Gesprächen mit den Mitschülern herauszufinden, was passiert war, doch alles was sie entdeckt, ist, dass ihr Kind absolut gar keine Freunde hatte. Allein eine Lehrerin, die Leiterin der Theatergruppe, hatte eine gewisse Beziehung zu Boy aufbauen können.

Diese Lehrerin hatte nach Boys Tod gekündigt und war nach Rumänien gezogen, um dort eine Art Aufbauarbeit zu leisten. Boys Mutter forscht ihr nach, reist ihr nach und gibt sich als freiwillige Helferin aus, um sie auszuspionieren. Immer klarer scheint es ihr, dass diese Lehrerin Schuld am Tod ihres Kindes sei.

Wir Leser erfahren einiges über dieses karge Leben in Rumänien, über die Lehrerin (selber eine Außenseiterin) und über die Vorgänge vor Boys Tod.  Die Mutter möchte die Lehrerin töten, das ist ihr eindeutiges Ziel. Es sei aber verraten, dass sie das letztendlich nicht tun wird.

Auch wenn es durchaus einen Spannungsbogen, verschiedene Perspektiven und eine interessante Handlung gibt, liegt für mich das Hauptaugenmerk aber auf der Trauerverarbeitung der Mutter.

Es hilft ihr überhaupt nicht, dass sie Psychiaterin ist, dass sie eigentlich eine gute Ehe führte – nein, durch Boys Tod ist ihr Leben zerstört. Sie kann überhaupt nicht nachvollziehen, warum ihr Mann nach längerer Zeit versucht, wieder auf irgendeine Weise zu leben. Es kommt dadurch zu einer Entfremdung der Ehepartner.

Wenn ich Trauerverarbeitung als wichtigstes Thema nenne, dann meine ich damit aber nicht nur die Verarbeitung (bzw. Nicht-Verarbeitung) von Boy’s Tod, sondern auch die Trauer, die Boy in seinem jungen und kurzen Leben durchleben musste, die Trauer der Eltern, die versuchten ihr Bestes zu geben und immer wieder damit konfrontiert wurden, dass es nicht ausreichte. Die Trauer des Ehemannes um Kind und den Verlust seiner Frau – und nicht zuletzt auch die Trauer der Lehrerin über ihr eigenes Versagen.

Man kann sich die Frage stellen, warum man eigentlich ein gar so trauriges Buch überhaupt lesen sollte?

Nun, weil es ausgezeichnet geschrieben ist, weil es einen von Anfang an in seinen Bann zieht, weil man mitlebt und mitleidet. Einfach: weil sich die Lektüre auf alle Fälle lohnt!

Sie können das Buch gerne bei mir in der Buchhandlung Thaer bestellen, Ich würde mich freuen!

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